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Jürgen Witte: Vom Lächeln

Es soll Menschen geben, die sich morgens von der Zeitung die Laune verderben lassen. Kaum lesen sie, wie schlimm es in der Welt zugeht, schon arrangieren sie ihre Gesichtszüge zu der übelaunigen Fresse, die sie dann den ganzen Tag durch die Stadt tragen. Ich brauche keine Zeitung. Eine kurze Bestandsaufnahme des eigenen Lebens und die Aussicht auf den anstehenden Tag reichen oft schon aus. Und wenn man dann in der U-Bahn sitzt, und man sieht die ganzen mißmutigen Gesichter um sich rum, dann weiß man doch, daß es den anderen auch nicht besser geht. Seine Scheiß-Laune im Gesicht herumzuzeigen, das ist die stille übereinkunft: »Schlechten Tag allerseits! Weitermachen!« Und man braucht sich nicht mal die Hand zu geben.

Lächeln, so heißt es immer wieder, sei viel einfacher als einen bösen Schlunz zu ziehen. Einmal Lächlen, vier Gesichtsmuskeln bewegt, einmal grummeln, vierzig, oder nochmehr Muskeln, die sich anspannen. Sauer gucken ist also auch sowas wie Fitnesstraining. Vielleicht sollten wir mißmutig guckenden Leuten zukünftig sagen: »Mensch, du hast aber heute ein voll austrainiertes Gesicht.« Das wäre doch viel positiver, als nach irgendwelchen Befindlichkeiten zu fragen.

Nicht-Lächeln ist auch wichtig. Nicht-Lächeln bewahrt vor unerwünschten Sozialkontakten. Morgens, unter all den miesgelaunten Malochern auf dem Weg zur Arbeit ist Nicht-Lächeln sogar überlebenswichtig. Ich kann mich erinnern, daß ich wochenlang fast jeden Tag die gleichen zwei fröhlich schnatternden Frauen im Bus nach Marienfelde erleben mußte. Jeden Morgen hatten die sich was zu erzählen, meist betreffs des Fernsehprogramms vom Vorabend. Und das morgens um halb sieben. Es war noch dunkel draußen. Der Bus war immer dermaßen voll, daß man sich sogar auf die laut beschallten Plätze in deren Nähe setzten mußte. Rundrum verbiesterte Blicke. Diese sich aufplusternde, naive Klein-Mädchen-Fröhlichkeit war kaum zu ertragen. Ich sag mal so, wären die beiden Männer gewesen, eines Morgens hätten sie an der feuchtklammen Bushaltestelle beim Warten eins auf die Fresse bekommen.

Wenn man irgendwo in der Stadt unterwegs ist und dabei einfach so in die Gegend lächelt, dann denkt doch jeder sofort, meint der oder die jetzt mich? Und zack, hat man ein nonverbales Gesichtszüge-Gespräch am Hals. Da heißt es dann zurück-lächlen - wie war das nochmal, wie geht der Unterschied zwischen lächeln und fies grinsen? Also lieber erstmal weggucken, wieder hingucken, jetzt ganz vorsichtig zurücklächeln. So ein Ausdrucksdialog, das strengt auch an. Von wegen nur vier Gesichtsmuskeln, man muß ja erst die anderen vierzig wieder auf null fahren. Das macht auch Mühe. Aber wenn’s dann klappt, dann freut es einen auch. Gerade jetzt im tristen Winter, da ist das schon eine schöne Sache.

Copyright: Jürgen Witte

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 30
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Vorwort
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Horst Evers: Innere Sicherheit I Jürgen Witte: Vom Lächeln Andreas Scheffler: Wachs nicht so geschwind! Daniela Böhle: Ich bin Aktienbesitzerin Uli Hannemann: So schnell kann's gehen Spider: Schach Sarah Schmidt: Nazis stoppen Andreas Gläser: Ausziehen! Theo Fuchs: Kalter Döner Ahne: Flug LH 2231 nach Dortmund Konrad Endler: Kryptozoologen Tom Beinlich: Ich bin die Frau Bauer Horst Evers: Innere Sicherheit II Jochen Schmidt: Cindy und der Arsch Gottes Bettina Andrae: Gelichter Bov Bjerg: Bericht von der Durchquerung... Tube: Georges Workman Volker Strübing: Wenn ich ein Moorhuhn wäre Jürgen Witte: Ruinen Hans Duschke: Drei Chinesen vor dem Fahrstuhl Dan Richter: Angeln Christian Enggassner: Wege zum Ruhm Birgit Utz: Der König vom Camping Spider: Im Mastdarm der Ewigkeit Hinark Husen: Wedding wird Hauptstadt Ingo Klopfer: Kappenwerfen in Kurdistan Uli Hannemann: Süß und Herb Andreas Gläser: Im Tal der Demokratie
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