Andreas Scheffler: Wachs nicht so geschwind!
Im Vorspann der schlimmen Fernsehserie »Happy Birthday« mit der noch schlimmeren Witta Pohl gibt ein Sänger, der auffällig versucht, Howard Carpendale stimmlich nahezukommen, folgende Sätze zum Besten: »Es ist jedesmal ein Wunder, wenn ein Leben neu beginnt. Willkommen, kleines Wesen, und wachs nicht so geschwind.« - Wollen wir das wirklich? »Wachs nicht so geschwind.«?
Ich, als frischgebackener - nun ja - Nachbar eines Säuglings, möchte das jedenfalls nicht. In unserer Wohnung sind die Wände vom Flur zu den Zimmern 60 Zentimeter dick, die Wände zur Wohnung nebenan schätzungsweise einen halben Ziegel. Auf der einen Seite des halben Ziegels liegt unser Schlafzimmer, auf der anderen der Säugling. Ich bin quasi zwangsweise und unschuldig zu Co-Eltern geworden, indem ich mich nächtelang von einem Wesen, das es nicht besser weiß, terrorisieren lassen muß. Die Eltern lassen das Kind für gewöhnlich schreien, bis es nicht mehr kann. Es dauert lange, bis es nicht mehr kann. Oft bis in die Mittagsstunden. Ein zähes Kind. Kein Wunder, die Mutter ist Japanerin. Der Asiate ist ja bekanntlich zäh. Manchmal kommt sie, die Mutter, doch und versucht, das Kind zu beruhigen. Vergeblich. Man kann von einem Kleinkind auch nicht erwarten, Japanisch zu verstehen. Anfangs dachte ich, das Kind würde gefoltert, so hat es sich gebärdet. Aber in Wahrheit ist es genau umgekehrt. Das Kind foltert mich, seinen Nachbarn. Die Eltern laufen vermutlich mit Lärmschutzkopfhörern herum.
Ein Jahr lang habe ich die Modernisierungsgeräusche in unserem Haus ertragen müssen, dann war endlich Ruhe, aber kurz darauf zogen neue Mieter ein und ausgerechnet neben uns die Eltern, denen man gesagt hat, man solle Kinder einfach schreien lassen. Nachbarn seien ohnehin von Geburt an taub. Meinen Eltern hat man seinerzeit nicht gesagt, daß man Babies schreien lassen soll, bis sie entweder vor Erschöpfung einschlafen oder ersticken. Diese Meinung hatten sie von ganz alleine. Im Zuge dieser Auffassung haben sie ein Haus gebaut, welches groß genug war, daß man das schreiende Blag in einen Raum stellen konnte, der so weit weg war, daß man es nicht mehr hören konnte. Aus solchen Kindern werden Erwachsene, die später ihre Eltern öffentlich nicht gut aussehen lassen.
»Und wachs nicht so geschwind.« - So ein Blödsinn, sage ich. Klar, kleine Kinder sind niedlich. Aber wird nicht jede Niedlichkeit durch dieses endlose Geblöke zunichte gemacht? Ich kenne das Gerede vor der Geburt: »Wir wollen ein Kind, aber nur so ein ganz kleines.« Und später dann: »Ich möchte nur einmal drei Stunden am Stück schlafen.« Und dieses Kind, das mich fertigmacht, ist noch nicht mal meins. Dabei würde ich gerne rübergehen und es beruhigen.
Mein Deutschlehrer aus dem Hochleistungskurs, Horst Depping, ein klasse Mensch, dem ich sehr viel zu verdanken habe, sagte einmal, sein neuer Sohn sei zwar ganz toll, und er freue sich, daß er ihn habe, aber häufig sei das Kind auch ein skrupelloser Terrorist. Ich kann das heute nachvollziehen. Obwohl im Fall Depping der Sohn sich möglicherweise auch schon mal für seinen Vornamen gerächt hatte. Als Ansgar Erasmus Depping hat man eine schwere Kindheit vor sich.
»Und wachs nicht so geschwind.« - Ich sage: Ganz schnell wachsen, älter werden und nicht mehr schreien. Argumentieren statt Brüllen und die Nachbarn schlafen lassen.
Und ich grüble, ob es möglich wäre, Kontakt zu den Wohnern nebenan aufzunehmen um sie irgendwie dazu zu bewegen, ihr Kind in einem anderen Zimmer unterzubringen. Wir waren schließlich zuerst im Haus. Und ist es überhaupt gut für ein Kind, neben dem Schlafzimmer eines glücklich verheirateten Paares aufzuwachsen, aus dem man jedes Geräusch hört? Was wird das erste Wort des Kindes sein? Schwer deutbare Geräusche gibt es ja jetzt schon von sich. Ich weiß inzwischen, was sie bedeuten. Manchmal »Ich hab Hunger!«, oft »Mir ist langweilig.«, gelegentlich »Die Tapete sieht scheiße aus.«, in letzter Zeit immer häufiger: »Wenn ich erwachsen bin, werde ich euch öffentlich schlecht aussehen lassen.«
Trotzdem traue ich mich nicht, die Leute von nebenan darauf anzusprechen. Schnell steht man nämlich als Kinderfeind da. Und so kommen die Ohrenstöpsel aus der Modernisierungszeit wieder zum Einsatz. Irgendwann wird das Kind soweit sein, seine Stimmbänder zu schonen. Später wird es Musik hören wollen, die mir nicht gefällt. Man kann noch so tolerant sein, den unterschiedlichen Musikgeschmack zwischen den Generationen wird es immer geben. Aber erstmal dachte ich: Maximal ein Jahr noch, dann kann ich wieder in Ruhe und ohne Ohropax schlafen. Doch dann hörte ich zufällig ein Gespräch im Hausflur mit und erfuhr: Die Nachbarin ist schon wieder schwanger. Ein zweites Wesen, für das ich nichts kann, mindert bald meine Lebensqualität. Ich habe sonst nichts gegen Kinder, aber sie sollen bitte erstmal geschwind wachsen.
