Sarah Schmidt: Nazis stoppen
Durch Umstände, über die ich nicht sprechen möchte, kam ich mal zum Film. Mein Job war nicht vor der Kamera, auch nicht dahinter, eher knapp daneben. Im Kloster Chorin wurde ein Kinofilm gedreht, und ich habe für den Kulissenbau das Catering gemacht. Beim Film ist alles hip und modern und deswegen heißt das auch Catering und nicht Kochen. Das hieß für mich, daß ich zehn Tage lang im Osten gelebt und dabei alles über das Filmbusiness gelernt habe.
Chorin liegt in der Nähe von Eberswalde und dorthin führten mich meine täglichen Fahrten auf der Suche nach Nahrung, Alkohol und Werkzeugen. Eberswalde ist bekannt als Faschostadt und das kann ich nur bestätigen. Täglich mußte ich mich zusammenreißen, wenn vor mir junge Recken mit Springerstiefeln, Glatze und White-Pride-Jacken über den Zebrastreifen liefen. Da nicht aufs Gaspedal zu treten...
Mit der restlichen Bevölkerung des Städtchens hab ich mich gestritten. Täglich. Angeblich sind ja die Berliner für ihre Unfreundlichkeit bekannt und so fühlte ich mich die ersten zwei Tage dafür verantwortlich, daß mir bei meinen Einkäufen kein freundliches Wort begegnete. Ob im Zigarettenladen oder an der Wursttheke, nie sagte jemand »Bitte«, oder lächelte, oder machte einen kleinen Witz. Ich war mir sicher, daß das an mir liegt. »Mensch Sarah, jetzt sei doch mal nett zu den Menschen, du vertrittst hier schließlich die Hauptstadt«, sagte ich mir und war am dritten Tag superfreundlich. Es half nichts.
Ich kaufte jeden Tag im gleichen Laden enorme Mengen Essen für mehrere hundert Mark ein und bezahlte jedesmal bei dem selben Kassierer. Eines Tages legte ich noch 10 Gabeln dazu, das Stück zu 2 Mark 99.
Die meisten jedenfalls, denn drei davon sollten zwei Mark mehr kosten. »Huch, was ist das denn? Wieso sind die denn teurer?«, fragte ich den Kassierer, als ich es bemerkte. »Sind das andere Modelle?« Wir verglichen. Nein, es waren exakt die selben.
»Tja, so ist das eben, ich hab das jetzt schon eingebongt, da kann man nichts machen.«
»Wie, eingebongt? Zu welchem Preis denn?«
»Na so wie es draufsteht, natürlich«, war seine Antwort. Bis dahin glaubte ich noch an ein Versehen, dann fügte er hinzu: »Na und ich würde mich ja mal nicht so aufregen, wegen sechs Mark!« Dabei hatte mich bis dahin noch gar nicht aufgeregt. Dann schon!
Aber auch beim Film ist nicht alles schön. Nach einer Woche, in der die Kulissenbauer alleine vor sich hingewerkelt hatten, kam der Rest der Crew. Etwa 70 Menschen, die sich Beleuchter, Kameramänner oder Reqiusite nannten. Es heißt ja immer, beim Film sind alle blöd und das stimmt. Zum Beispiel turnten unglaubliche Mengen von Mädchen unter 29 auf dem Gelände rum. »Was machen die denn alle? Haben die irgendwas zu tun?«, fragte ich abends beim Lagerfeuer. »Das ist der Harem vom Regisseur«, wurde ich aufgeklärt. In den nächsten Tagen beobachtete ich sie. Jede hatte ein Funkgerät und ihre Aufgabe war es, sich miteinander zu unterhalten, damit ein Gefühl von großer Aktivität auf dem Platz aufkommt. Der Regisseur, der unsere selbstgebaute Sommerküche ganz wunderbar romantisch fand (»Ach das könnte ich gleich als Motiv nehmen, Sarah, das ist ja so schön hier!«) versuchte mich dazu zu überreden, für seine Mädels mitzukochen. »Nein, das geht leider nicht.« Schließlich war es unsere Aufgabe, abends am Lagerfeuer über alle anderen zu lästern und das geht schlecht, wenn alle anderen dabei sind. Dann lernte ich, daß Menschen vom Film nicht nur eingebildet und doof sind, sie sind auch völlig weltfremd. Abends gab es bei uns eine Suppe und aus Versehen war auch dem Regisseur ein Teller angeboten worden. Es gab Blumenkohlcremesuppe. Er kostete. »Oh, ist das lecker. Das schmeckt ja wunderbar!«
»Ja danke, es ist nur Suppe.«
»Ja toll, Lauchsuppe, die mag ich am liebsten.«
»Nee, das ist Blumenkohl«, klärte ich ihn auf.
»Ach, Blumenkohl? Auch lecker. Aber sag sag mal, wie sieht denn eigentlich Blumenkohl aus?«
Was soll man dazu sagen? Ich entschied mich für gelb-braun und schleimig.

Doch eine schöne und wichtige Sache ist auch passiert. Ich konnte die Faschos stoppen. Wir mußten einen zehn Meter langen Baum vom Straßenrand holen, der Regisseur hatte ihn auf der Fahrt entdeckt. »Der ist so wunderbar, den bau ich gleich mit ein. Holt Ihr den mal eben?« Klar, machen wir, wird auch extra bezahlt. Dazu mußte die Hauptverkehrsstraße gesperrt werden und das war meine Aufgabe. Ich zog eine orangene Weste an, bekam eine Fahne in die Hand und stoppte die Autos, wenn es nötig war. Meistens war es nicht nötig. Ich sah mir die Autofahrer, die vorbeifuhren, an und bemerkte, wie viele Nazis in ihren Golfs da an mir vorbeirauschten. Plötzlich war es total nötig sie aufzuhalten. Ich hielt meine Fahne hoch und schrie: »Stop!« Das Wunder geschah, vor mir standen bald zehn Autos auf einer ansonsten völlig leeren Straße und warteten.
»Was ist denn los?«
»Allgemeine Gefahrenabwendung!«
»Ach so, na dann.«
Ich fühlte mich sooo gut. Hatte Macht. Die Faschos gehorchten mir, weil ich eine Fahne hatte. Dann ließ ich mal ein, zwei Autos durchfahren, der Rest mußte weiter warten. So ging es eine wunderbare Stunde lang. Es ist doch gar nicht so schwer Nazis zu stoppen.