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Andreas Gläser: Ausziehen!

Wenn ich mich auf Konzerten betrinke, höre ich eher früher als später jemanden rufen: »Ausziehen!« Dafür war ich schon, als ich noch selber an- und ausgezogen wurde. Sex mit Kindern fand ich große Klasse, als ich selbst noch nicht aus diesem Alter raus war. Sigmund Freud schrieb darüber viele Bücher. Leider habe ich kein einziges gelesen, sondern nur einiges erlebt. Schlecht waren Vierjährige hinter dem Wandklappbett. Besser waren Sechsjährige im Colosseum. Wir hatten Kinotag und sahen »Ernst Thälmann - Führer seiner Klasse«. Sie küsste mit geschlossenem Mund, kurz und trocken, und ich wußte es auch nicht besser. Thälmann wurde ermordet und wir mußten uns auseinander setzen. Dann wurde das Colosseum für einige Jahre geschlossen. 100 Monate später, auf einem Camping-Gelände bei Berlin, wußten zwei Schwestern nicht, wo sie ihr Zelt aufschlagen durften. Ich zeigte es ihnen unter der Bedingung, daß sie mir ein Nachtlager gewähren. Wir tranken aus und schliefen ein. Im Halbschlaf hörte ich eine von beiden flüstern, »Laß uns zum See gehen. Ich weiß, wie man sich gegenseitig die Zunge in den Hals hängt.« Schlaftrunken drohte ich zu ersticken. Am darauffolgenden Morgen wußte ich nicht einmal, wessen Mundgeruch das war. Ingo sagte: »Is se schwanger? Dann laß uns abhauen!«

Wochen später fuhr mich ein alter Mann durch Mitte. Er zeigte auf Clärchens Ballhaus und sprach, »Zieh dir deine Jugendweihehose an und stoß dir dort die Hörner ab!«

Wir hatten nicht den selben Rhythmus, das junge Ding und ich. Sie investierte ihr Geld in Tanzstunden. Ich nicht. Ihre letzte Bemerkung lautete: »Du tanzt so, als ob du vor’m Radfahrer zur Seite springst!« Der Abend schien gelaufen. Doch Minuten später stand eine Andere vor mir. Sie war auf’s Tanzen weniger versessen. Als es in ihrer Wohnung zur Sache ging, lachte ich jubilierend dabei, was sie irritierte, weshalb ich ihr entschuldigend erklärte: »Ja, vom Onaniern kannte ick mich ooch nich so.« Zu Hause betrat ich lächelnd die Wohnung und sagte: »Vater.« Er antwortete: »Mein Sohn.« So zogen die Jahre ins Land.

Ich hatte wenig Glück bei Frauen, denn die meisten hatten kein Geld. Ingo hatte Geld. Er lud mich in ein Kino ein. Der Film kostete 10 Mark und die Platzanweiserin 50. Neulich sagte ich mir: »Ach, ick jeh ma wieder ins Colosseum.« Auf dem Bürgersteig lag noch Baumaterial, um das Licht der Leuchtreklame zu löschen. Die Filmplakate warben weder für Thälmann noch für Platzanweiserinnen. Ich glaube, es war gar kein Kino. Ich betrinke mich lieber wieder auf Konzerten.

Zeichnung von Britta Tomaschko

Copyright: Andreas Gläser

zuletzt verändert: 12.06.2006 00:07
erstellt von jero
Nummer 30
Titelbild
Vorwort
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Horst Evers: Innere Sicherheit I Jürgen Witte: Vom Lächeln Andreas Scheffler: Wachs nicht so geschwind! Daniela Böhle: Ich bin Aktienbesitzerin Uli Hannemann: So schnell kann's gehen Spider: Schach Sarah Schmidt: Nazis stoppen Andreas Gläser: Ausziehen! Theo Fuchs: Kalter Döner Ahne: Flug LH 2231 nach Dortmund Konrad Endler: Kryptozoologen Tom Beinlich: Ich bin die Frau Bauer Horst Evers: Innere Sicherheit II Jochen Schmidt: Cindy und der Arsch Gottes Bettina Andrae: Gelichter Bov Bjerg: Bericht von der Durchquerung... Tube: Georges Workman Volker Strübing: Wenn ich ein Moorhuhn wäre Jürgen Witte: Ruinen Hans Duschke: Drei Chinesen vor dem Fahrstuhl Dan Richter: Angeln Christian Enggassner: Wege zum Ruhm Birgit Utz: Der König vom Camping Spider: Im Mastdarm der Ewigkeit Hinark Husen: Wedding wird Hauptstadt Ingo Klopfer: Kappenwerfen in Kurdistan Uli Hannemann: Süß und Herb Andreas Gläser: Im Tal der Demokratie
Kvara Bistroj: Der Ausländer
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