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Theo Fuchs: Kalte Döner

Der alte Abu steht alleine hinterm Tresen, als ein aufgebrachter Mann mit Badeschlappen ins Lokal stürmt, an der Hand hinter sich her ein etwa 12-jähriges Mädchen zerrend, das sich in Grund und Boden schämt - wegen ihres Vaters, der (mit eindeutig russischem Aktent) zu brüllen beginnt: »Macht Ihr immer so?!? Gebt Kinder schlechte Döner??! Macht Ihr immer so??! Alte, trockene Döner??! Kalte Döner??!«

Der alte Abu versteht kein Wort Deutsch außer: Iskender, Lahmacun und natürlich Ayran. Er antwortet wie er immer antwortet: er zwinkert und lächelt mit dem grauen Schnauz. Der Russe schreit weiter: »Verkauft Ihr immer Kinder alte Döner??? Trockene, kalte Döner???

Abu zwinkert wieder, und die Stimmung treibt spürbar dem Siedepunkt entgegen. Das Mädchen versucht verzweifelt ihre Hand loszureißen, doch der Russe ballt wütend beide Fäuste, auch die, in der ihre Hand steckt. Zum Glück erscheint jetzt Abus Sohn, der junge »King of Döner« (so heißt der Laden). Er fragt ganz locker: »Was willst?«

Der Russe wiederholt seinen Satz vom »alte Döner, trockene, kalte Döner« und setzt hinzu: »Das Mädchen hier, vor einer Stunde holt zwei Döner. Meine Frau will essen, aber Döner ist kalt. Ist trocken...« usw. Das familiäre Drama gewinnt deutlich an Plastizität, geradezu tragisch und grauenvoll erscheint die Wirkung dieser kalten und vertrockneten Mißgeburt eines Döners. Der junge King of Döner läßt sich jedoch überhaupt nicht beeindrucken: »Machen wir nicht. Unser Döner immer gut, nix kalt, nix trocken.«

Das scheint jetzt aber den Russen doch zu überzeugen, es klingt plausibel, wieso nicht gleich so! Schlicht dem besseren Argument nachgebend, lenkt der Russe ein: »Ich will nur sagen, der Döner ist kalt und trocken. Aber ich sag nix. Ich bin fünfmal in der Woche hier, hol immer Döner, ist immer gut.«

Welch ein Umschwung. Welch eine Wandlung! Der Ruse ganz auf Versöhnung und Frieden eingestimmt. Wer könnte da so hartherzig sein und die freundschaftlich ausgestreckte Hand übersehen? Abus Sohn natürlich, der nichts über seine Döner kommen läßt, nicht einmal irrtümlich und von Stammkunden!

»Ist mir egal«, sagt er trocken und kalt. Der Russe muß jetzt gehen, er hat auf ganzer Linie verloren; nach Strich und Faden geschlagen und gedemütigt trottet er hinaus. Das Mädchen folgt ihm erleichtert. Der alte Abu zwinkert den beiden nach.

Copyright: Theo Fuchs

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 30
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Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Horst Evers: Innere Sicherheit I Jürgen Witte: Vom Lächeln Andreas Scheffler: Wachs nicht so geschwind! Daniela Böhle: Ich bin Aktienbesitzerin Uli Hannemann: So schnell kann's gehen Spider: Schach Sarah Schmidt: Nazis stoppen Andreas Gläser: Ausziehen! Theo Fuchs: Kalter Döner Ahne: Flug LH 2231 nach Dortmund Konrad Endler: Kryptozoologen Tom Beinlich: Ich bin die Frau Bauer Horst Evers: Innere Sicherheit II Jochen Schmidt: Cindy und der Arsch Gottes Bettina Andrae: Gelichter Bov Bjerg: Bericht von der Durchquerung... Tube: Georges Workman Volker Strübing: Wenn ich ein Moorhuhn wäre Jürgen Witte: Ruinen Hans Duschke: Drei Chinesen vor dem Fahrstuhl Dan Richter: Angeln Christian Enggassner: Wege zum Ruhm Birgit Utz: Der König vom Camping Spider: Im Mastdarm der Ewigkeit Hinark Husen: Wedding wird Hauptstadt Ingo Klopfer: Kappenwerfen in Kurdistan Uli Hannemann: Süß und Herb Andreas Gläser: Im Tal der Demokratie
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