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Ahne: Flug LH 2231 nach Dortmund

Zeichnung von Britta Tomaschko

14 Uhr. Zeit wird’s. Fahre in der U-Bahn vom Rosa Luxemburg Platz los. Is das nun der letzte Tag? Muß endlich anfangen Tagebuch zu schreiben. Vielleicht wird es ja genauso unversehrt aus dem Flugzeug herausgeschleudert wie der Pass eines der Entführer von dieser Linienmaschine in New York. Vielleicht wird ja sogar bis zu einem eventuellen Absturz hier eine neue Geschichte fertig. Beide Gegebenheiten vorausgesetzt, könnte diese dann ja von jemand anderem am Sonntag bei der Reformbühne vorgetragen werden. Vielleicht von Bov, der hat eh meistens nur eine Geschichte dabei. Das Geld, das ich dadurch posthum verdiene, soll man dann bitteschön meinem Sohn überstellen, bei dem habe ich nämlich noch sechs Mark Taschengeldschulden. Da kann er sich dann meinetwegen Pokémon-Karten von kaufen.

U-Bahnhof Stadtmitte. Muß Umsteigen. Laufe durch den langen Gang, der früher links und rechts von Espreranto-Schildern eingesäumt war. Darauf standen die Namen internationaler Hauptstädte. Kabul war meines Wissens nach nicht dabei. New York auch nicht, aber is ja strenggenommen auch keine Hauptstadt, obwohl jetzt im Fernsehen immer berichtet wird, daß New York praktisch die Hauptstadt der freien Welt sei. Oder austauschbar: Die Hauptstadt der Herzen.

In meinem Wagen verkauft jemand die Obdachlosenzeitung Die Stütze. Er ist ganz freundlich, aber das waren die Flugzeugentführer vielleicht auch. Man kann niemandem mehr trauen, heutzutage. Einen 500 Mark-Schein kann er jedenfalls nicht wechseln. Will wohl nüscht verkaufen? Verdächtig! Wenn der plötzlich im Flugzeug auch Die Stütze verkauft, dann werd ich das noch etwas verdächtiger finden. Sieht garnich aus wie’n Araber. Na, man steckt nich drin.

Flughafen Tempelhof. War ich noch nie. Riesensaal, vorne ne Imbissbude. Hol mir erst mal ne Boulette. »Warm natürlich, kalt is draußen!« Schmeckt nich. Stell mir vor, mit so’m Geschmack im Mund sterben zu müssen. Ekelhaft. Hebe mir deswegen zum Schluß ’n Stück trockene Schrippe auf und schaufel da jede Menge Senf drauf. Trotzdem Scheiße. Boulettengeschmack dominiert. Beobachte die Leute, die alle auch fliegen wollen. Verdächtig. Ham sie nich im Fernsehen gesagt, daß keiner mehr fliegen will? Sind das jetzt alles Entführer, oder wissen die nur noch nichts?

Versuche eine Frau anzusprechen: »Sagen Sie, haben Sie schon gehört, in New York, die Flugzeuge, dis mit dem Terror?« Sie schüttelt mit dem Kopf und geht schnell weiter. Guckt sich nach ’n paar Metern nochmal um und schüttelt wieder mit dem Kopf. Vielleicht is sie blind und taub, aber warum hat sie sich dann nochmal umgeguckt? Verdächtig. Man muß wachsam sein.

Kriege vom Kaffee Herzflattern. Muß mich bewegen. Gehe in dem riesigen Wartesaal hin und her. Ständig ertönt eine Durchsage, man solle darauf achten, sein Gepäck nicht irgendwo unbeaufsichtigt stehenzulassen. Das Sicherheitspersonal müsse dieses sonst sprengen. Richtig so! Zum Glück bin ich nicht der Einzige, der die Augen offenhält. Is das da nicht der Stütze-Verkäufer? Sieht jetzt doch aus wie ein Araber. Nervös isser auch irgendwie. Na, wohl Muffensausen? Zweifelst wohl, daß de auch wirklich die Jungfrauen bekommst? Wenn ich dir mal ’n Tip geben darf, lies mal nach bei dem >Dialektischen Materialismus<, da steht, daß de keine Jungfrauen bekommst. ätsche-Bätsche! Na, is ja nich jeder Araber gleich ’n Flugzeugentführer. Trotzdem, dieser Blick. Teuflisch!

Oh, vielleicht sollte ich mal mein Ticket abholen? Am Flughafenschalter? Ja, wo is denn nur der Flughafenschalter? Ja, wo isser denn nur? Ah, da sind ja gleich 50 Stück davon.

»Ja, Ahne mit H. Ja, Künstlername. Ja, bin ein Künstler. Stört Sie das? Natürlich kann man mal fragen. Aber Sie sollten sich lieber darum kümmern, daß nich ständig soviel Flugzeuge abstürzen. Ja, schönen Tag, ebenfalls.«

Frechheit! Dumme Tusse! In dieser Zeit. Da haben wir doch wirklich andere Probleme. Wir müssen doch jetzt zusammenstehen. Gibt gar keine BZ für’s Flugzeug. Ob das mit Gregor Gysi schon gemachte Sache ist? Der hat ja auch so’n leichten arabischen Einschlag. Ja, symphatisch ist der schon, aber... - Ich sag nur: Aber! Die Terroristen war’n bestimmt auch alle symphatisch.

Zeichnung von Britta Tomaschko

So, jetzt muß ich aber einchecken. »Nur Handgepäck? Aber sicher. Is doch sicher, oder? Ja, schönen Tag auch selber.« Sitze im Warteraum A 2. Schreibe in ein kleines Heftchen, A 6. Zwei minus sechs macht minus vier. Bißchen Rechnen zwischendurch kann nicht schaden. Das Leben muß ja schließlich weitergehen. Wir lassen uns unsere freiheitlich demokratische Grundordnung nich kaputtmachen. Dafür bin ich ’89 nich auf die Straße gegangen. 89 - (-4) = 93. Na, geht doch! War doch nicht alles schlecht im Osten. Rechnen könn wa zumindestens.

Dortmund wird aufgerufen. Bin anscheinend der einzigste Passagier unter 30. Sehe zumindestens so aus wie unter 30. Weiß ja keiner, daß ich schon über 30 bin. Fitness heißt das Zauberwort. Jeden Morgen am offenen Fenster ein paar Liegestütze. Frisch und froh. Mann, jetzt geht mir doch die Pumpe.

Das Flugzeug ist sehr, sehr klein. Und 20 der 25 Mitreisenden könnten theoretisch Araber sein. Gibt ja auch Araber mit blonden Haaren. Gibt ja sogar auch Araber mit blauen Augen. Bin ich nachher gar selbst ein Araber? Wußten die Terroristen eigentlich vorher, daß sie Terroristen sind? Waren doch Schläfer? Ich schlaf ja auch ganz gerne. Bin ich wach? Na, zumindestens tut’s weh, wenn ich mir in den Arm kneife. Aua! Das gibt ’n blauen Fleck. Sollte ich nochmal zuhause anrufen? Hallo, mir gehts soweit ganz gut. Hab nur so’n blöden Nachgeschmack von Flughafenboulette im Mund. Nee, noch bin ich nich losgeflogen. Ach Mutti, könntest du nochmal in deiner Geburtsurkunde nachgucken? Berlin? Ah ja, und Vati? Auch Berlin! Nee, nur mal so. Du weißt ja, wir müssen wachsam sein.

Die eine Stewardess hat Schnupfen. Sieht auch nicht aus, als ob sie Luftpiraten die Stirn bieten könnte. Karate kann die bestimmt nich. Vielleicht mal gucken, ob die Tür zum Cockpit wirklich abgeschlossen ist?

»Wieso, wo ich hin will? Man wird doch mal gucken dürfen, ob man hier sicher ist? Ja, zur Toilette wollt ich auch. Ja gut, wenn wir in der Luft sind. Ja, selber auch ’n schönen Flug.« Muß gar nicht auf Toilette. Hab die total angeschwindelt. Huch, jetzt sind wir in der Luft. Zu spät. Mann, is das hoch. Ob die anderen auch das Gleiche denken wie ich? Nee, der da hinten bestimmt nich. Der is doch voll auf Koks. Der denkt doch, daß er selber fliegen kann. Hallelujah, auf was hab ich mich da nur eingelassen?

Jetzt muß ich aber doch auf Toilette. Ach, besetzt? Na schöne Scheiße auch. »Ey, du da, auf’m Lokus, komm sofort da runter. Ich hab hier ne Bom...« Nee, mit sowas macht man keine Scherze. Hab ich ja auch nur gedacht, nich gesagt.

Nein, sieh an, der Friedrich Merz von der CDU will auch auf Toilette. Na, da kannste aber lange warten, ich muß nämlich groß. Ja, Pech gehabt. Hab ich dir eigentlich schon gesagt, daß ich dich unter Garantie nich wählen werde? Nee?! Na, wirste ja merken, wenn die Wahlen vorbei sind. Zünglein an der Waage, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf. Hoffentlich weiß die RAF nich, wer bei uns hier an Bord ist. Obwohl, kann mir eigentlich nich vorstellen, daß die dem irgendwie an’n Kragen wollen. Der macht seine Sache doch gut. Vielleicht ’n alter SED-Schläfer. Nur daß dis denen jetzt auch nichts mehr nützt. ’89 sag ich nur.

So, mit Kacken bin ich fertig. Tür auf, rund ums Klo, der Rest der Maschine is noch dran. Na prima. Und jetzt landen wir auch schon wieder. Wer sagt’s denn, wenn wir alle wachsam zusammenstehen, ham die keine Chance. Nanu, was hält der denn da ... Warum? ... Was? ... Ach so, Stütze? Nee, will ich nich. Kannst ja sowieso nich wechseln.

Zeichnung von Britta Tomaschko

Copyright: Ahne

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 30
Titelbild
Vorwort
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Horst Evers: Innere Sicherheit I Jürgen Witte: Vom Lächeln Andreas Scheffler: Wachs nicht so geschwind! Daniela Böhle: Ich bin Aktienbesitzerin Uli Hannemann: So schnell kann's gehen Spider: Schach Sarah Schmidt: Nazis stoppen Andreas Gläser: Ausziehen! Theo Fuchs: Kalter Döner Ahne: Flug LH 2231 nach Dortmund Konrad Endler: Kryptozoologen Tom Beinlich: Ich bin die Frau Bauer Horst Evers: Innere Sicherheit II Jochen Schmidt: Cindy und der Arsch Gottes Bettina Andrae: Gelichter Bov Bjerg: Bericht von der Durchquerung... Tube: Georges Workman Volker Strübing: Wenn ich ein Moorhuhn wäre Jürgen Witte: Ruinen Hans Duschke: Drei Chinesen vor dem Fahrstuhl Dan Richter: Angeln Christian Enggassner: Wege zum Ruhm Birgit Utz: Der König vom Camping Spider: Im Mastdarm der Ewigkeit Hinark Husen: Wedding wird Hauptstadt Ingo Klopfer: Kappenwerfen in Kurdistan Uli Hannemann: Süß und Herb Andreas Gläser: Im Tal der Demokratie
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