Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Hefte 30/2001 Konrad Endler: Kryptozoologen
Artikelaktionen

Konrad Endler: Kryptozoologen

An manchen Abenden geht man einfach nur so aus der Tür raus, weil man denkt, draußen wäre irgendwas Interessantes zum Aufessen. Meistens irrt man sich. Heute hatte ich mich nicht geirrt.

Ich fand: Drei Bockwürste, ein gegrilltes Hähnchen, Soljanka mit erträglichen Bestandteilen und etwas Rundliches, von dem ich nicht wußte, was es war. Vorerst nicht wußte.

Ich konnte ja Else fragen. Mein Kumpel Else ist Kryptozoologe. Kryptozoologen sind Menschen, welche vorrangig Kryptozoologen geworden sind, um damit in der Kneipe anzugeben. Außerdem sind Kryptozoologen aber auch Menschen, welche nach dem Verbleib oder der Existenz geheimnisvoller Lebewesen forschen, Yeti, Bigfoot oder Nessie, zum Beispiel. Oder aber, sie behaupten, längst ausgestorbene Tiere würden noch in Restbeständen zivilisationsfreie Winkel terrestrischer Urwälder bewohnen. Genannt sei hier nur die auch durch die Fachpresse gegangene These, daß das ausgestorbene Riesenfaultier eigentlich gar nicht ausgestorben sei, sondern sich jetzt nur ab und zu waschen würde. Solche Sachen eben.

Also dachte ich, ich könne ja Else fragen, was ich da rundliches gefunden hatte und ob man es aufessen könne. Else stand zwanzig Minuten nach meinem Anruf vor meinem Küchentisch, auf den ich das Rundliche präsentationsartig gelegt hatte, damit er mir gleich sagen konnte, ob man es nun aufessen könne oder nicht (ich hatte mittlerweile nämlich wieder ziemlichen Hunger bekommen).

Was soll ich sagen, Else war hellauf begeistert. Wo ich das gefunden hätte, zu welcher Tageszeit, ob jemand anderes außer ihm etwas von diesem Fund wisse, wollte er wissen. Ich sagte hier und da und dann und nee, es weiß sonst keiner was davon und auf einmal umfaßte er ganz fest meine Schulter und sah mich glücklich an: »Weißt du, was du da gefunden hast? Mensch, Konrad, weißt du das?« Er guckte wie irre und schüttelte mich. Ich dachte nur, daß er sich vielleicht mal die Zähne putzen sollte. »Mensch Konrad, weißt du, was du da gefunden hast? Es ist das RUNDLICHE TIER. Das RUNDLICHE TIER!!!«, schrie er.

Else war nah am durchdrehen. Ich schob ihn aus meiner Wohnung und schloß dreimal ab. So ein Idiot.

Ich setzte mich an den Tisch und schob Löffel für Löffel von dem rundlichen Zeug in meinen Mund. Ich hatte mittlerweile einfach zu viel Hunger bekommen. Es schmeckte ausgezeichnet. Und es machte satt.

Zufrieden guckte ich aus dem Fenster. Draußen war Nacht. Was mag es da draußen noch alles geben?

Zeichnung von Britta Tomaschko

Copyright: Konrad Endler

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 30
Titelbild
Vorwort
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Horst Evers: Innere Sicherheit I Jürgen Witte: Vom Lächeln Andreas Scheffler: Wachs nicht so geschwind! Daniela Böhle: Ich bin Aktienbesitzerin Uli Hannemann: So schnell kann's gehen Spider: Schach Sarah Schmidt: Nazis stoppen Andreas Gläser: Ausziehen! Theo Fuchs: Kalter Döner Ahne: Flug LH 2231 nach Dortmund Konrad Endler: Kryptozoologen Tom Beinlich: Ich bin die Frau Bauer Horst Evers: Innere Sicherheit II Jochen Schmidt: Cindy und der Arsch Gottes Bettina Andrae: Gelichter Bov Bjerg: Bericht von der Durchquerung... Tube: Georges Workman Volker Strübing: Wenn ich ein Moorhuhn wäre Jürgen Witte: Ruinen Hans Duschke: Drei Chinesen vor dem Fahrstuhl Dan Richter: Angeln Christian Enggassner: Wege zum Ruhm Birgit Utz: Der König vom Camping Spider: Im Mastdarm der Ewigkeit Hinark Husen: Wedding wird Hauptstadt Ingo Klopfer: Kappenwerfen in Kurdistan Uli Hannemann: Süß und Herb Andreas Gläser: Im Tal der Demokratie
Kvara Bistroj: Der Ausländer
Wie die anderen recherchieren
Werswer
Impressum
Mehr…
 

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

Diese Website erfüllt die folgenden Standards: