Horst Evers: Innere Sicherheit II
Stehe in der Küche und betrachte lange und mißtrauisch das, was ich soeben aus den Resten einer Woche zusammengekocht habe. Schaue in meinen Terminkalender, um zu erfahren, ob ich, falls ich das da wirklich esse, morgen Zeit habe zum Flughafen zu fahren. In diesem Moment klingelt es an Tür. Ich öffne und ein gutgekleideter Mann steht vor mir.
»Guten Tag Herr...äh...«
Er schaut aufs handgeschriebene Klingelschild.
»...Ebbers.«
Verdammt ich muß das mal neu machen und ordentlicher schreiben.
»Kruppka, mein Name, ich komme von der Firma Hades und Kompagnon, Security- und Sicherheitsservice.«
Ich starre ihn irritiert an. »Security- und Sicherheitsservice?«
»Ja, wieso?«
»Ach nix.«
»Wir führen in dieser Gegend zur Zeit kostenlose Sicherheitsberatungen durch. Haben Sie Interesse?«
Vor Jahren hatte ich mal im Anflug eines plötzlich auftretenden Anfalls von verblüffend schwachsinnigem übermut, so einen Sicherheitsberater freiwillig kommen lassen. Nachdem der sich ein wenig in meiner Wohnung umgesehen hatte, hat er mir dann blöde grinsend geraten, einfach ein paar Fotos vom Wohnungsinneren zu machen und draußen an die Tür zu hängen. Das sei in meinem Fall sicherlich wirkungsvoller, als jede Alarmanlage. Um sowas nicht nochmal zu erleben, sage ich: »Nein!« und schlage die Tür zu.
Gehe dann wieder in die Küche und betrachte weiter das jetzt auch noch leicht angebrannte, ich nenns mal, Essen. Eine Minute später steht Herr Kruppka neben mir. »Tachchen nochmal, dachte mit dieser kleinen Demonstration kann ich Sie vielleicht doch noch interessieren. Also Ihr Wohnungsschloß, ich sag mal: naja...«
In mir steigt ein Zorn auf, wie ich ihn so noch nicht kannte. Ich verliere jede mitmenschliche Regung und sage: »Schön Sie wiederzusehen. Haben Sie Hunger? Ich lad Sie zum Essen ein.«
Er schaut ängstlich auf den Herd. »Oh nee, nischt für ungut.« Dann sieht er die Lebendfalle am Boden. »Sie haben Mäuse?«
»Weiß ich nicht genau, glaub eigentlich nicht.«
»Damit fangen Sie die nie.«
»Muß ja auch gar nicht. Meinetwegen darf die hier mitwohnen.«
»Na Sie sind ja großzügig. Aber ich sag Ihnen was. Schon jetzt bedroht die Maus Ihre Ressourcen hier, und wenn’se nich aufpassen, übernimmt die bald die ganze Küche und Sie leben im Mausestaat. Wollen Sie das?«
Mir wird ein wenig mulmig bei Herrn Kruppka. Er beginnt leicht zu zittern, seine Augen sind weit aufgerissen und seine Stimme überschlägt sich jetzt, während er mich am Arm packt. »Mensch Ebbers, Sie müssen jetzt die großen Zusammenhänge sehen. Ich erklär Ihnen das mal. Diese Maus ist praktisch Usama bin Laden. Und das«, er zeigt auf die gewaltigen Berge dreckigen Geschirrs und Gerumpel in der Küche, »sind die riesigen, unüberschaubaren Hügel Afghanistans. Irgendwo da muß er sein. Und Sie sind die zivilisierte Welt, und ich, ich bin Ihre Nato.«
»Ach so. Verstehe. Na dann erfüll’ ich mir jetzt einen Jugendtraum und die zivilisierte Welt tritt aus der Nato aus. Raus!«
»Haha. Noch scherzen Sie. Aber wehe, wenn der Achmed kommt.«
Ich gebe auf. »Was kostet es mich, Sie wieder los zu werden?«
Schlagartig wird Herr Kruppka wieder ruhig und geschäftsmäßig und schaut sich in der Wohnung um. »Als Einstiegsangebot für Kunden mit geringfügig schützenswerten Objekten habe ich hier einen Alarmstopper für die Tür. 19 Mark 95.«
Ich kaufe den Stopper und bringe den Mann zur Tür. Sehe noch, wie er beim Nachbarn klingelt.
Trage den Stopper zu meiner Kiste Nutzlose elektronische Kleingeräte, die ich habe, weil ich gerne nutzlose elektronische Kleingeräte kaufe, welche ich dann aber doch nicht brauche. Als ich die Kiste öffne, sehe ich den singenden und tanzenden elektronischen Weihnachtsmann. Eine Höllenmaschine. Schaltet man ihn ein fängt er an zu wackeln und blinken und plärrt unaufhörlich: »I wish you a merry Christmas...« Solange die Batterien halten.

Besonders perfid an dieser Konstruktion jedoch ist: Zum Einschalten reicht ein leichter Klaps auf den Kopf. Der Ausschalter jedoch, ist sehr versteckt unter all seiner Kleidung am Rücken und kann nichtmal von bloßer Hand bedient werden, sondern man muß ewig mit einem Kugelschreiber herumstochern, bis er endlich Ruhe gibt. Was sind das nur für Menschen, die sowas erfinden?
Konstruiere mit vielen Gewichten, einem Holzstab und zwei Flaschenzügen eine Vorrichtung, die dafür sorgt, daß sich, wenn jemand von außen die Tür öffnet, ein Gewicht auf den Kopf des Weihnachtsmanns senkt und dieser dann losplärrt. Das sollte auch den fanatischsten arabischen Terroristen in die Flucht schlagen. Als alles fertig ist, probiere ich es aus, stelle fest, daß es nicht funktioniert, bin erleichtert und gehe erschöpft schlafen.
Epilog:
In der Nacht werde ich insgesamt dreimal, um halb eins, um zwei und um Viertel vor drei, von plötzlich losheulenden Alarmstoppern in irgendwelchen Wohnungen unseres Hauses aus dem Schlaf aufgeschreckt. Offensichtlich hat Herr Kruppka einen höchst erfolgreichen Geschäftstag gehabt.