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Jochen Schmidt: Cindy und der Arsch Gottes

Cindy Crawford hatte immer davon geträumt, von einem Außerirdischen verführt zu werden. Sie wußte nicht warum, aber das verlangte ja auch keiner von ihr, die Leute wollten nur, daß sie möglichst schnell den bestellten Milchkaffee brachte und dabei nicht so ein Gesicht zog. Eigentlich waren für sie ja alle Männer Außerirdische, aber ihr Unterbewußtsein zog das Unbekannte dem Unerreichbaren vor. Sie war jetzt zwanzig und wußte nicht, was sie werden sollte, wenn sie einmal zu alt zum Kellnern sein würde, zu häßlich war sie ja schon immer gewesen. Das bißchen, was sie vom Sex mitbekommen hatte, war von den Beteiligten eigentlich gar nicht so gemeint gewesen. Immerhin hatte sie Träume: Sie wollte in einen Hintern, hart wie Stahl, beißen, und sich von ihm verwöhnen lassen. Daß man in Stahl gar nicht beißen konnte, war nur ein Beleg dafür, daß man in der Wirklichkeit die einfachsten Dinge nicht erleben konnte.

Für einen Menschen, der sich für Hintern interessierte, war die Welt eigentlich kein schlechter Ort. Aber jemandem, der so hohe Ansprüche hatte wie Cindy, konnte sie nicht genügen. Cindys Freundinnen rieten ihr, eine Annonce aufzugeben, so hätte Cindy was zum Träumen und sie was zum Lachen. Sie ließ sich überreden: »Cindy, zwanzig Jahre, meine Freundinnen sagen, ich bin eigentlich ganz hübsch, leider bin ich auch etwas schüchtern, deshalb suche ich auf diesem Weg nach einem Er für alles Schöne.« Hätte sie ein Foto des Bewerbers verlangen sollen? Sie wollte ja eigentlich nur seinen Hintern sehen.

Es kam zu Rückschlägen. Der erste hieß Klaus und schrieb ihr, daß er auch schüchtern sei. Als sie sich trafen, stellte sich heraus, daß er nicht gelogen hatte, und daß er, einmal die erste Scheu abgelegt, so lange auf sie einredete, bis Cindy schlecht wurde, weil er so einen trockenen Mund hatte und sich immer mit der Zunge über die Lippen strich und dabei ein schmatzendes Geräusch machte, wie wenn man ein heruntergefallenes Marmeladenbrot vom Boden löst. Die nächsten Rückschläge unterschieden sich von Klaus nur dadurch, daß sie nicht schüchtern waren. Verzweifelt setzte sie eine eindeutigere Annonce auf: »Cindy, süße zwanzig, sucht einen knackigen Arsch zum Reinbeißen« Darauf meldete sich Paul am Telefon: »Hallo Cindy, ich glaub, ich bin, was du suchst.«

»Tatsächlich? Wann können wir uns treffen?«

»Gar nicht«, sagte Paul, lachte und legte auf. »So ein Arsch«, dachte Cindy, aber was half ihr die Erkenntnis? Einsam, wenn auch nicht ziellos, lebte sie in den Tag und ihre einzige Freude waren die eine Mark fünfzig, die sie täglich von den heruntergefallenen Groschen sparte, Trinkgeld bekam sie ja keins, sie konnte froh sein, wenn die Kunden überhaupt bezahlten und keinen aufgeregten Leserbrief an die BZ schrieben, weil Cindy ihnen mit ihrem Gesicht die Laune verdorben hatte.

Doch eines Tages entdeckte sie in der Zeitung das Bild einer Statue aus dem Pergamonmuseum. Ein schöner griechischer Jüngling. Sie schnitt es aus und hängte es an den Spiegel. Befriedigt stellte sie fest: was die Zeiten überdauerte war nicht der dumme Kopf, nicht die Füße, die nur zum Weglaufen taugten, nicht die Hände, die man nie in Schach halten konnte, nur der prachtvolle Arsch. Sie wollte in diese muskulöse, vollkommene Form ihre Zähne hauen und nicht mehr loslassen. Wochenlang ging sie ins Museum und drückte sich unauffällig in der Nähe der Skulptur herum. Manchmal streichelte sie den Stein und bekam einen Orgasmus, d.h. es war eigentlich ein Schluckauf, aber sie genoß es, als wäre es ein Orgasmus, woher sollte sie es auch besser wissen. Wenn sie beobachtet wurde, las sie sich die Erläuterungen durch, bis sie sie auswendig kannte. So erfuhr sie, daß dieser Körper in Wirklichkeit nie existiert hatte und nur ein Modell war, das Sportlern als Vorbild dienen sollte. Der Arsch Gottes! Wie konnte sie ohne ihn weiterleben? Alle ärsche, die sie gekannt hatte, hatten spätestens, wenn sie hineingebissen hatte, ihr wahres Gesicht gezeigt. Sie beachtete das jeweilige Anhängsel zwar nie, aber genau darüber pflegte es sich sofort zu beschweren: »Du beachtest mich gar nicht, du guckst mir immer nur auf den Hintern«, sagte es, oder: »Au! Spinnst du? Das tut doch weh!« Sie ließ sich nachts im Museum einschließen und kettete sich an der Statue fest. Im Rucksack hatte sie eine Bombe versteckt, niemand durfte ihr zu nahe kommen. Jeden Tag wurde sie dünner. Am Ende rutschte sie entkräftet und abgemagert aus ihren Handschellen, schlug mit dem Kopf gegen das Marmorpodest und war sofort tot. Niemand hatte bemerkt, daß die Bombe nur eine leere Stullenbüchse gewesen war. Es waren ja gerade Museumsferien.

Copyright: Jochen Schmidt

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 30
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