Bettina Andrae: Gelichter
Ich muß mal wieder meine Eltern besuchen, fällt mir ein als ich bemerke, daß mein Kühlschrank nichts mehr in sich drinne hat. »Bist genau so leer und ausgebrannt wie ich, was mein Kleener?«, sage ich und streichle ihm tröstend über die Tür. Das mag er gerne. Er ist Waage. Laut Eroskop vom Berliner Kurier sind Brust und Bauch die bevorzugten erogenen Zonen der Waage. Ob mein Kühlschrank um meine erogenen Zonen weiß? Das sind laut Eroskop vom Berliner Kurier: Gaumen und Magen. So gesehen wären wir ein perfektes Paar, mein Kühlschrank und ich. Aber momentan scheint die Chemie nicht zu stimmen, stelle ich fest, als ich verstohlen ein zweites mal tief in sein Inneres blicke. Immernoch nix drinne. »Dann eben nich, du dummes Gerät!«, sage ich und: »Hast du schon mal gehört, daß es Leute gibt, die ihr Leben lang ihre Liebe suchen und dabei permanent an ihrem Glück vorbeirennen? Mehr sag ich nich, denk mal drüber nach!«
Dabei wende ich ihm meinen Rücken zu und mache mich auf den Weg zum 107er Bus, um meine Eltern besuchen zu fahren.
Der Bus ist voll von Rentnern, deren liebster Zeitvertreib Busvollmachen, Backfische anmaueln und Schnattern ist. Ihr Gelärme ist ohrenbetäubend.
»Nur noch ’ne halbe Stunde«, denke ich und versuche es mit schönen Gedanken. über Friedhöfe und Sterbehilfe zum Beispiel, naja, und Kekse mit so Schokostückchen drin und über Bier mit so Alkohol drin. Aber weiter komme ich nicht, weil ein Greis in biblischem Alter neben mir anfängt ein asthmatisches Röcheln von sich zu geben. Das interessiert mich. So ein Geräusch habe ich noch nie gehört. Ich gucke ihm fasziniert auf den Mund und frage: »Ist das der Tod, also ich meine - sterben Sie jetzt? Darf ich dann Ihre Strickjacke haben? Die gefällt mir wirklich gut. Ist die aus Lammwolle? Zeigen Sie mal her.«
Ich fingere ihm an der Jacke herum und suche innen drin das Materialschildchen.
»Och, nur Mischgewebe, könn’se behalten! Vielleicht freuen sich Ihre Enkel ja drüber, so als Erinnerungsstück. Die Jugend ist sentimentaler, als sie sich vorstellen können - außerdem sind so’ne Opajacken wieder total in.«
Das verwirrt den Greis, so daß er das Sterben vergißt und mich böse anfunkelt. Also Funkeln ist jetzt eindeutig ein Euphemismus, weil: sowas kann man in diesem Alter mit den Augen natürlich nicht mehr. Da ist der Glanz weg. Alles nur noch stumpf und trüb. Aber böse anstumpfen klingt so mißverständlich.
Uhh, ich guck lieber weg. Das ist ja nicht auszuhalten. So ein Elend.
Der Bus dröhnt vor Geschnatter und Gezeter.
Jetzt greif ich ein: »Is hier bald ma Ruhe!«, übertöne ich die Methusaleme und Methusaleminnen nicht ohne Mühe. Aber es klappt. Schlagartig wird es still und alle gucken beschämt und einsichtig zu Boden. Außer mir. Ich nicke dem Busfahrer jovial zu und mache mit der Hand eine Bewegung, die ihm bedeuten soll: »Is schon in Ordnung, keine Ursache, hab ich doch gern gemacht.«
Na toll! Jetzt wo ich meine Ruhe hätte, muß ich schon raus. Ich schiebe mich vorbei an den verängstigt dreinblickenden Rentnern zur Tür und steige an der Station Dorfkirche aus. Ich laufe zum Haus meiner Eltern und wundere mich, als der Bus an mir vorbeifährt, warum da nicht mehr 107er wie früher draufsteht, sondern in pinken Lettern »FFO-Munter im Alter«. Also echt, für solchen Schnick-Schnack wirft die BVG nu das Geld raus, das ich ihr in den Rachen schmeiße. Wenn ich nicht so gute Laune wegen dem Kühlschrank meiner Eltern hätte, könnte mir echt ’ne Feder wachsen, das Messer in der Tasche aufgehen, ick könnte sooon Hals kriegen!
Mein Vater sitzt in der Veranda und tut, als ob er Zeitung liest. Aber eigentlich beobachtet er die Eichhörnchen in der Kiefer. Mir kann er nix vormachen.
»Tag, Papa!«
»Tag! Was is denn los? Willste baden oder an’ Kühlschrank oder Klopapier klaun?«
»Nö! Ich dachte, ich besuch dich mal. Vielleicht könn wa zusammen Mittagessen oder Kuchen und später dann Abendbrot, wenn Mama kommt. Ich wollt ma wieder hier schlafen und morgen könn wa noch schön zusammen frühstücken und so.«
»Naja, vielleicht.«
»Freuste dich denn gar nich, daß ich mal vorbeikomme?«
»Naja, warst doch gestern schon da.«
»Bin ich dir zuviel, oder wat?«
»Naja, nöö«
»Na siehste! Ach, habt ihr eigentlich Kekse da und Bier und so?«
»Hmmm. Bier is im Keller und Kekse? Das weißte doch alles, tu doch nich immer so.«
Ich gehe mir was holen, und im Vorbeigehen mach ich den Kühlschrank meiner Eltern ziemlich billig an. »Du bist ne echte Nutte«, denke ich voller Selbstverachtung. Aber das Bier und die Kekse sind sehr lecker.
Mein Vater hat eine neue Theorie, das Blutspendensystem in Deutschland betreffend.
Danach brauchen die Krankenhäuser alle gar keine Blutspenden. Das sei nur ein Vorwand, sagt mein Vater. Eigentlich stecken die Fleischer dahinter. Die brauchen das ganze Blut für ihre Blutwürste, weil die Hochkonjunktur haben. »Soviel Blut kann kein Schwein haben, wie die brauchen«, erklärt er mir.
»Ach, so ist das«, sage ich mit vollem Mund, was ich mal lieber hätte bleiben lassen sollen. Jetzt glaubt er nämlich, daß ich mich für seine Ansichten interessiere und erzählt mir gleich noch mehr Sachen, die eigentlich ja geheim sind. Zum Beispiel, daß er jetzt rausgekriegt hat, wie die Türken nach Deutschland gekommen sind. Angeblich fing alles mit den Ratten der Lüfte an. Der gemeinen Stadttaube also. Die käme ursprünglich aus Kleinasien. »Und als sie Einzug in deutsche Lande hielt, hatte sie das ganze Türkengelichter gleich im Schlepptau.«
So sagt mein Vater. Schlimm ist das. Schlimm, schlimm!
