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Tube: Georges Workman

George hatte mich überredet, mit ihm zur Polizei zu gehen, wo er den unbekannten Bösewicht anzeigen wollte, der am Wochenende auf einer Privatparty seinen Walkman geklaut hatte. Das Gerät hatte ihm drei Tage zuvor seine Mutter aus dem Westen mitgebracht. Sie konnte manchmal rüber fahren, weil sie sich vom DDR-Regime als Chansonsängerin berühmt puschen hatte lassen und deshalb auch im Goldenen auftreten durfte.

Drei Tage lang war George mit Bügel überm Kopf, stolz wie die Freiheitsstatue, durch Kaulsdorf gelaufen und hatte Musik gehört. Man hatte nicht mehr mit ihm reden können, weil er entweder nichts gehört oder weil er nur über seinen neuen Westimport gesprochen hat, wenn er mal die Hörer nicht aufgehabt hatte.

»Wissen Sie, was Workman denn heißt?« fragte der wulstlippige Beamte auf dem Polizeirevier, nachdem George ihm sein Leid geschildert hatte. »Workman heißt«, fuhr er fort »Arbeit-Mann. Solche Geräte produzieren die Ausbeuter im Kapitalismus doch nur, um sie ihren Arbeitern, die am Fließband stehen und Mehrwert produzieren, aufzusetzen, damit sie ruhig gestellt sind.«

»Entschuldigung. Das heißt aber Walkman«, warf ich ein. »WALK-man. Und das heißt so viel wie: Spazieren-Mann. Ist also mehr was für die Arbeitslosen da drüben. Für die, die Freizeit haben, gemütlich durch den Wald laufen und dabei Musik hören wollen.«

»Ach so? Na dann heißt es eben Walkman und ist für die Arbeitslosen in der Zweidrittelgesellschaft. Zwei Drittel sind da ja arbeitslos und denen gehts schlecht.«

»Umgekehrt: Ein Drittel. Zwei Dritteln geht es angeblich total gut, weil sie Arbeit haben, und ein Drittel lebt am Existenzminimum, wie es heißt.«

»Existenzminimum wird mit 1200 Westmark beziffert«, sagte George.

»Das sind umgerechnet 4800 Mark Ost«, ergänzte ich.

»Aber nur, wenn de 1:4 tauschst. Meistens kriegste mehr.«

»Mein Vater verdient übrigens nur 860 Ost. Drüben wäre der schon tot.«

»Jetzt hörn Sie mal auf mit dem Quatsch!«, sagte der Beamte, »wir wollen jetzt hier die Anzeige aufnehmen. Was war denn dieser Walkman eigentlich wert?«

»Na 70 West«, sagte George, der tatsächlich der Meinung war, eines der besten Geräte besessen zu haben und nie geglaubt hätte, daß diese Krücke für 19,50 Mark auf irgendeinem Grabbeltisch gelegen hatte.

Und der Beamte dazu: »Also schreib ich ins Protokoll: Wert des Diebesgutes 70 Mark. Der Umtauschkurs beträgt nämlich 1:1.«

»Halt. Ne!«

»Doch! Und jetzt sagen Sie mir, wie dieses Gerät heißt, weil Workman oder Walkman gibt es hier bei uns nicht.«

»Wie wäre es mit Walkwomen. Wegen der Gleichberechtigung«, sagte ich.

»Quatsch! Keine Amerikanismen.«

»Spazierfrau.«

»Nein.«

»Kassettenspieler für wandernde Arbeitslose.«

»Spazierkassettengerät.«

»Eindrittelrecorder.«

»Imperialistischer Arbeiterunterdrücker.«

»Stop! Alles Unsinn!«, meckerte der Beamte.

»Kartenspielgroßes Kassettenabspielgerät« war schließlich die Bezeichnung, die ins Protokoll aufgenommen wurde.

George mußte noch die Namen aller Leute nennen, die auf dieser Party gewesen waren, soweit sie ihm einfielen.

Alle genannten Personen - also auch ich - erhielten wenig später eine Vorladung zur Polizei und wurden dort im Verhör gefragt, ob sie kürzlich auf einer Privatfeier gewesen seien und ein kartenspielgroßes Kassettenabspielgerät gestohlen hätten. Auch ich verneinte, diese Frage. Das Gerät war ja schließlich etwas größer als ein Kartenspiel.

Zwei Monate später erhielt George ein Schreiben, worin die Polizei die Ermittlungen wegen Mangels an Spuren für eingestellt erklärte.

Copyright: Tube

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 30
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