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Volker Strübing: Wenn ich ein Moorhuhn wäre

Hast du dir schon mal vorgestellt, wie es wäre, ein Moorhuhn zu sein? Du würdest nicht alt werden als Moorhuhn. Was zählt schon das Leben eines Moorhuhns? Maximal 25 Punkte.

Neulich habe ich einen Text geschrieben, der war so langweilig, daß ich am Computer eingeschlafen bin und geträumt habe, ich sei ein Moorhuhn.

Ich flog durch eine schöne schottische Landschaft und wurde mit Schrot beschossen. Softwareschrot zwar, eine kleine Subroutine, nur ein paar Zeilen Programmcode - für mich trotzdem absolut tödlich.

»Warum ich?«, dachte ich, als das Fadenkreuz auf mich zukam. Obwohl ich nicht sehr religiös war, begann ich zu beten. Zu einem übernatürlichen, mythischen Programmierer. Ich bat ihn, doch für einen Moment die Treffererkennung auszuschalten oder die Mausabfrage lahmzulegen oder mich unverwundbar zu machen - Programmierer haben die Macht dazu! - aber es war zwecklos, denn der Programmierer ist ein grausamer Gott.

Es gibt ja Götter, die meinen es gut mit ihren Kreaturen. Lassen vielleicht ihren eigenen Sohn kreuzigen, wenn die missratenen Geschöpfe Mist verzapfen. Nicht so der Pogramierer: Er hat uns geschaffen, damit wir für seine Sünden erschossen werden. Das Geld, das er mit diesem Programm verdient hat, geht drauf für Sex und Alkohol. Wir gehen drauf für Sex und Alkohol. Wahrscheinlich lag er gerade betrunken in den Armen einer Hure, während ich verzweifelt um mein Leben flatterte.

Doch Hoffnung ist nicht tot zu kriegen. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, daß ich wirklich erschossen werden sollte. Wieviele Millionen Artgenossen dieses Schicksal auch ereilt haben mochte, mir konnte das doch einfach nicht passieren!

»Hey du da, du mit der Maus, mach keinen Scheiß, hör auf mit der Ballerei, du könntest mich treffen!«

Blam! Fünf Zentimeter vor mir trudelte Elfriede getroffen zu Boden. Ich flatterte, was die Software hergab. Nur noch ein paar Zentimeter bis zum Bildschirmrand, dem gelobten Land der Moorhühner, wo Flüsse aus Jack Daniels fließen und einem gebratene Mauszeiger in den Mund fliegen. Doch das Fadenkreuz kam unerbittlich näher. Jetzt half nur noch, die Glubschaugen weit aufzureißen und niedlich zu gucken. Vielleicht bekam der Jäger ja dann Mitleid und würde mich verschonen.

Blam! Vergebens. Er hatte mich getroffen. Kaltblütig abgeknallt. Obwohl er genau wußte, daß er den Highscore nicht mehr schaffen konnte. Und ich war doch eh nur ein 10 Punkte-Moorhuhn. Nicht mal Spaß hat es ihm gemacht, denn er fand das Spiel total langweilig und spielte nur, weil der Text, den er eigentlich gerade schreiben wollte noch langweiliger war.

Hinter dem Bildschirmrand schrie mein geliebter Moorhahn laut »Nein!« und mein ganzes Leben lief noch einmal vor mir ab. Und weil mein Leben so kurz und ereignislos gewesen war, war das dafür zuständige Unterprogramm schon nach wenigen Taktzyklen des 500 Megahertz-Prozessors, lange bevor ich den Boden ereichte, damit fertig, lief aber aufgrund schlampiger Programmierung einfach weiter und gewährte mir so einen Blick in die Zukunft und der versöhnte mich mit allem: Denn schon bald würde ich als Systemfehler wiedergeboren werden und mich mit einem Absturz im richtigen Moment an meinem Mörder rächen!

Zeichnung von Britta Tomaschko

Copyright: Volker Strübing

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 30
Titelbild
Vorwort
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Horst Evers: Innere Sicherheit I Jürgen Witte: Vom Lächeln Andreas Scheffler: Wachs nicht so geschwind! Daniela Böhle: Ich bin Aktienbesitzerin Uli Hannemann: So schnell kann's gehen Spider: Schach Sarah Schmidt: Nazis stoppen Andreas Gläser: Ausziehen! Theo Fuchs: Kalter Döner Ahne: Flug LH 2231 nach Dortmund Konrad Endler: Kryptozoologen Tom Beinlich: Ich bin die Frau Bauer Horst Evers: Innere Sicherheit II Jochen Schmidt: Cindy und der Arsch Gottes Bettina Andrae: Gelichter Bov Bjerg: Bericht von der Durchquerung... Tube: Georges Workman Volker Strübing: Wenn ich ein Moorhuhn wäre Jürgen Witte: Ruinen Hans Duschke: Drei Chinesen vor dem Fahrstuhl Dan Richter: Angeln Christian Enggassner: Wege zum Ruhm Birgit Utz: Der König vom Camping Spider: Im Mastdarm der Ewigkeit Hinark Husen: Wedding wird Hauptstadt Ingo Klopfer: Kappenwerfen in Kurdistan Uli Hannemann: Süß und Herb Andreas Gläser: Im Tal der Demokratie
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