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Jürgen Witte: Ruinen

Ausgestorbene Fußgängerzonen. Hab ich jetzt gerade besichtigt. Drei Ostfriesische Kleinstädte in der Nachsaison. Drei Fußgängerzonen, alle hübsch zurechtgemacht mit aus Ziegelsteinen gemauerten Pflanzenkübeln. Alle leer. So viel Waren und so wenig Kundschaft. Ständer mit Pullis und Blusen, so deplaziert, als warteten sie am Straßenrand auf die Sperrmüllabfuhr. In Esens zum Beispiel, da war ein kleines Kaufhaus mit zehn Leuten Personal, als ich eintrat, war ich der einzige nicht-Angestellte. Reglos standen sie, dichtgedrängt in der Nähe der Kasse, hatten Angst, sie könnten mich durch allzu hastige Bewegungen, durch einen Schritt nach vorn, wieder verschrecken. Daß ich davonlaufe. Die Trostlosigkeit des Konsums. Waren ohne Käufer verlieren ihre Aura. Wenn das sowieso niemand will, dann muß es ja Schrott sein. Irgendwann stellte einer der ängstlich zusammengerotteten Angestellten heimlich die gedämpfte Hintergundmusik für mich an. Erst da bemerkte ich, daß auch sie hier gefehlt hatte, als ich reinkam. Fast hätte ich doch etwas gekauft, nur aus Mitleid.

Zeichnung von Britta Tomaschko

Irgendjemand hat einmal gesagt, nichts sei so leer, wie ein leeres Schwimmbecken. Ein Bild dem ich durchaus etwas abgewinnen kann. Wenn sich darin noch etwas Laub angesammelt hat, vom Wind in einer Becken-Ecke zusammen getrieben, in den Fugen der wasserblauen Fliesen beginnt auf dem stockfleckigen Fugenmörtel das Moos zu wachsen. Mir gefällt sowas.

Als Sozialdemokrat hätte ich jetzt zu denken, daß das doch ein ganz korrektes Schwimmbad gewesen sein muß, wo der Arbeiter den Staub der Arbeit vom ansonsten geschundenen Körper abwaschen konnte, und daß es doch ein Jammer ist, daß der Arbeiter da jetzt nicht mehr zum Schwimmen hingehen kann. Aber ich bin kein Sozialdemokrat. So ein Denkmal der Vergeblichkeit menschlichen Tuns und Werkelns vermag es durchaus mich zu erfreuen.

Oder alte, verrottende Fabrikanlagen. Tonnenweise Stahl und Beton, irgendwann einmal mit viel Mühe irgendwohin gekarrt, und jetzt sieht man, die ganz Mühe war umsonst. Bau auf, Bau auf, Bau auf, Bau auf... - und? Was kommt dabei raus? Nix als Schrott. Kapitalistischer Schrott oder sozialistischer Schrott, das ist mir dabei ganz egal. Ich konnte sogar den alten, halbgesprengten Nazi-Bunkern an der dänischen Küste etwas abgewinnen. Nicht wirklich schön, aber seit Jahrzehnten unheimlich nutzlos. Das hat was. Groß und völlig Nutzlos, zwei Qualitäten, die man sonst nur als Kunstwerk zu sehen bekommt. Und ein stillgelegter Hochofen im Ruhrgebiet ist der Dimension seiner Nutzlosigkeit allemal beeindruckender als zwanzig Quadratmeter Jackson Pollock oder irgendwelche - auch immer zu groß geratene - Kitschkunst von Jeff Koons.

Zwanzig Jahre lang war nahe Offenburg von der Autobahn aus eine Investitionsruine zu sehen. Bauherrrenmodellschrott. Eine Steuersparruine. Ein riesiges Betonskelett, an die hundert Meter lang, um die sechzig Meter hoch, Pfeiler, Streben und Decken, durch die der Wind pfiff. Aus dem richtigen Winkel betrachtet, konnte man hindurchsehen auf die Schwarzwaldhügel dahinter. Manche Etagen beherbergten schon bald kärgliche Spontanvegetation. Moos, Gräser, Farne. Häßlich, ohne Frage, aber die Vorstellung, diese 300 Einzimmer-Appartements, die hier mit Blick auf den Autobahn geplant worden waren, gäbe es wirklich, diese Vorstellung war für mich viel schlimmer.

Ende der Achtziger ist das Dinge dann tatsächlich zuende gebaut worden. Heute müssen Menschen da leben. Bunte Markisen verzieren die Balkone. Jetzt ist es richtig häßlich. Vielleicht die letzte fertiggebaute Monster-Wohnanlage Deutschlands. Wenn ich einem der heutigen Mieter erzählen würde, daß in seinem Wohnzimmer, irgendwo im neunten Stock, damals schon eine fast mannshohe Birke stand, er würde es mir nicht glauben.

Copyright: Jürgen Witte

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 30
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