Hans Duschke: Drei Chinesen vor der Fahrstuhltür
In meiner Kindheit eröffnete Karstadt das erste Kaufhaus unseres Städtchens. Seitdem gab es ein Kaufhaus. Auf drei Etagen. Ich liebte es, dort herumzulungern. Zwar gab es auch die Fußgängerzone, den Marktplatz, die Stufen vor der Marienkirche, wo sich die Freaks trafen, und das trübe Hafenbecken. Am schönsten aber war es, bei Karstadt herumzulungern.
Herumlungern tu ich immer noch gern. Nur muß ich mir die Zeit besser einteilen. Nur noch selten gelingt mir, mit einer Tageskarte der BVG ziellos durch die Stadt zu streifen. In Tegel zur Spreepromenade, am Reichstag vorbei, in Mahrzahn einmal aussteigen. Nach ein paar Stunden kann man sie erkennen: die Mitreisenden, die auch ohne Ziel unterwegs sind, die schlendernd umsteigen, in der Mitte des Bahnsteigs stehend nehmen sie den ersten Zug, der kommt. Mischen sich unter die Touristen. Suizidgefährdet.
Für solch luxuriöses Herumlungern fehlt mir die Zeit. Heute muß es schneller gehen: Ich brauche die ganze konzentrierte Sinnlosigkeit auf einem Haufen: Ich brauche das Einkaufscenter. Frankfurter Allee. ProMedia, Ramschladen, zwei Kugeln Eis, im Buchladen Bildbände im Sonderangebot, Nanu-Nana. ADAC-Mitgliedschaft und Taschentelefon, Kreditkarte und Artenschutz: Für all das und mehr kann man an Ständen unterschreiben.
Im Keller der große Extramarkt. Zwölf Kassen, die Hälfte besetzt. Riesige Einkaufswagen füllen sich mit Produkten der Lebensmittelindustrie. Und wie gesund die sind, kann man den Leuten ansehen. Obwohl: Da spielt auch der Alkohol eine Rolle. Am Fleisch- und Wurststand und bei der »Whisky-Sahne-Likör«-Verkostung ist man sich einig: Beim nächsten Mal Big Brother da will man als Kandidat dabei sein. Die Trottel da mal aufmischen. Ein Star werden. Warum nicht.
Am Geländer stehen und den Mädchen beim Rolltreppenfahren zusehn. In der Ecke steht Security und beachtet mich nicht. Die Rolltreppe rauf und runter.
Doch um nun endlich zu den Titelhelden meiner kleinen Geschichte zu kommen: Wenn man, ein Baby vor den Bauch geschnallt, durch die Gegend spaziert, ändern die Menschen ihr Verhalten. Ich fühl mich wie ein Teletubby, Bildschirm vor der Brust, aus dem die Sonne strahlt. Im Gurt vor mir, kleines Wesen, lacht in jedes Gesicht. Und die Menschen lachen zurück. »Davon darfst du nicht ausgehen«, sag ich zu der Kleinen, »wir sind hier in Berlin.« Mein Kind versteht mich nicht. Da spüre ich eine Vaterpflicht. »Ich nehm sie mit ins Allee-Center«, sag ich zu meiner Frau und schon sind wir raus zur Tür. Mit dem Auto ins Parkhaus, das Baby umgeschnallt und los. Hier gibt es einiges zu bestaunen. Die Akustik der Parketage, wie da die Autos vorbeibrummen, der Blick auf die Gleisanlagen, die Lichter, der Lärm, die vielen Leute. Und tatsächlich: Längst nicht alle sind freundlich zu dem Wurm. Am unfreundlichsten sind die Frauen, die sich für eine Karriere entschieden haben. Die Kleine bekommt verbitterte Blicke und weiß nicht wofür. Dann die Jugendlichen: Nett sein ist so uncool. Mütter hetzen vorbei, höchstens ihr eigenes Gör im Blick. Gänzlich desinteressiert auch die Homosexuellen. »Hör mir auf mit Biologie.« Die Omis verwirrt: So viele Sachen und so klein das Portemonnaie. Abgestumpft die meisten, von der Arbeit oder der Arbeitslosigkeit.

Hannah ist verwirrt. Sie ist es gewohnt, im Mittelpunkt zu stehen. Ihr Lachen wird erst größer und dann kleiner. Gleich fängt sie an zu weinen, da - Gott sei Dank - der schwarzhaarige Eisverkäufer spricht mit ihr, und vor dem Fahrstuhl treffen wir drei Chinesen, zwei Herren, eine Dame, wohl Mitglieder einer Handelsdelegation. Die lächeln zurück, wie es sich (in China noch) gehört, kichern sogar ihr weltberühmtes schüchternes Kichern - und ein Chinese beginnt den interkulturellen Dialog. »How old?« - »Six months.« Er übersetzt meine Antwort, die Chinesen kichern. Eine Frage hätten sie noch. Die Frau verbeugt sich kurz vor mir, greift dann entschlossen Babys Hand und riecht daran. Gibt chinesische Kommentare ab, alle kichern, sie riecht noch mal, saugt die Hand richtig ab mit ihrer kleinen Nase. Aha. So riechen also kleine Langnasen. Ping, geht die Fahrstuhltür auf und weg sind sie. Verdutzt stehen wir da, doch dann lacht Hannah über die Chinesen. Ein lustiges Volk. Na also, denke ich, multikulti kann man auch in Lichtenberg lernen.