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Dan Richter: Angeln

Es fing damit an, daß mich Uli überredete, mir von meiner Frau ein Angelset zu Ostern schenken zu lassen, damit man dann an dem Teltow-Kanal zusammen fischen kann. Mein Gegenargument war immer »Nee!« gewesen, was ich obendrein noch mit der ausgeklügelten Formulierung »Ich ess kein Fisch« untermauerte. Aber Uli erklärte mir, daß es auf’s Fischeessen gar nicht ankomme. Hauptsache, man steht da am Kanal, tut die Angel rein und freut sich. Die Fische kann man ja nachher verkaufen. Beispielsweise könnte ich mich verkleiden und versuchen, die Dinger an Ulis Frau zu vertickern. Was aber nur so’n Gag von Uli war.

»Na gut«, sagte ich, »Angelset, am Kanal stehen, Angel reinhalten, Natur. Und dann können wir uns ja unterhalten, die ganze Zeit über.« Da mußte der Uli aber lachen über meine Dummheit! Denn das ist ja gerade der Punkt beim Angeln - es darf praktisch kein einziges Wort über die Lippen kommen, weil das die essbaren Fische verscheucht, und dafür die Biber anlockt, die dann versuchen, einem die Beute zu entreißen. Das hat schon des öfteren ein großes Gerangel gegeben zwischen den Anglern auf der einen, und den Raubbibern auf der anderen Seite. Was letztlich damit endet, daß eine der Streitparteien große Opfer zu beklagen hat. »Okay«, sagte ich zu Uli, »es gibt Fische, die ich nicht essen mag, es gibt Biber, auf die ich achtgeben muß, und ich darf nicht sprechen. Was ist denn nun eigentlich der Witz an der ganzen Sache?« - »Wart’s ab, du wirst schon sehen.«

Gesagt, getan, ich verpflichtete meine Frau, die ich damals noch so hatte, mir zu Ostern die Angel zu schenken, die ich auch suchen mußte zusammen mit den Eiern. Von mir hat sie aber nicht so viel gekriegt, weil sie immer so fies gewesen war das ganze Jahr.

Zeichnung von Britta Tomaschko

Gleich im April bin ich dann mit Uli losgefahren an den Teltow-Kanal, und er zeigte mir das mit der Pose, dem Köder und der Strippe. Er hatte so Teig als Köder gebaut, was nichts für Anfänger ist, aber na und.

Mal sehen, was passiert, dachte ich und sagte nichts, obwohl ich in der ersten halben Stunde mehr Fische rausholte als Uli, dieser Angeber, wobei ich jetzt nicht mehr genau weiß, wie die alle hießen - ich glaub eine Rotfeder war dabei, eine Weißbauchforelle, ein Rotkehlchen und eine Ulme oder so. Aber als ich eben dachte »Scheiße, ist ja langweilig«, kamen zwei Arme aus dem Wasser, und ein nackter Mann mit langen Haaren und langem Bart kam auf den Bootssteg raufgeklettert und machte erst mal ein paar Liegestütze.

Ich sagte zu Uli: »Is ja ’n Ding, was man hier so am Teltow-Kanal alles sieht. Das kennt man in der Stadt gar nicht mehr.« Aber Uli legte mir den Finger auf den Mund, der nach Fisch roch, und schlich sich an den Mann ran. Was aber Uli nicht gedacht hatte, war, daß der Mann schneller war. Der behaarte Typ war ein Wassermann und zog Uli mit rein ins Wasser, wie man das eben so kennt. Naja, dachte ich, Uli war im Prinzip schon ein netter Typ gewesen, obwohl er auch seine nervigen Seiten hatte.

Ich angelte dann noch bis zum Abend weiter, was sicher auch in Ulis Sinn gewesen wäre. Ich fing noch ein paar sehr gute Fische. Da war auch so ein moosiger dabei. Und ich wollte ihn grad ins Eimerchen zu den andern tun, da fängt der doch an zu sprechen. Ich dachte: Na hallo! Hier is ja was los! Erst das behaarte Arschgesicht von vorhin und jetzt das hier, aber man ist ja erst mal im Prinzip offen für alles. Und ich fragte höflich: »Ja bitte, was gibt’s denn.« Er sagte »Wu hafft drei Wümpfe frei.« - »Was?« - »Wu hafft drei Wümpfe frei.« Ich verstand ihn nicht, wahrscheinlich weil er noch den Haken in der Oberlippe hatte. Dann sagte er noch: »Iff bin Uli.« - Oh Mann! Verarschen kann ich mich alleine. Uli soll ’n Fisch sein? Ey, da bin ich eher selber ein Fisch!

Als es dämmerte packte ich das ganze Angelzeug ein, machte das ganze Fischzeug tot, verkleidete mich und fuhr mit der S-Bahn zu Ulis Frau, an die ich, wie besprochen, die Fische verscheuerte. Sie erkannte mich aber und fragte, wann Uli kommt. Und ich sagte nur: »Weeß icke?«, um sie nicht zu beunruhigen.

Zeichnung von Britta Tomaschko

Copyright: Dan Richter

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 30
Titelbild
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Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
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