Birgit Utz: Der König vom Camping
Vor drei Monaten hat mich Marianne sitzen lassen. Ich sei ihr zu langweilig, hat sie gesagt, und daß es keine Zukunft geben könne für uns. Wenn ich das schon höre: Zukunft, das ist doch eine Propagandalüge der SED gewesen, damit wir uns abrackern, und wenn’s heute keine Leberwurst aufs Brot gibt, für die Zukunft der Arbeiter nehmen wir das gerne in Kauf. Nee, davon habe ich genug. Da mußte sie eben gehen.
Danach wollte ich erst gar nicht wegfahren. Seit vier Jahren bin ich jeden Sommer mit Marianne hergekommen. Die Fahrt hat ihr am besten gefallen, hat sie mal gesagt, da hat sie mich von hinten umarmt und immer gequiekt, und da fand sie mich überhaupt nicht langweilig, damals, sondern ziemlich verwegen.
Der Jürgen hat gesagt, das kommt nicht in Frage, daß ich in der Wohnung sitze, wo die Marianne noch drinhängt in allen Ecken von meinen Erinnerungen.
»Du hast zwei Wochen Urlaub«, hat er gesagt, »die Post braucht dich nicht, die sortiert sich von den Herren Studenten, und du schwingst dich auf deine Maschine, dich will ich nicht mehr sehen bis zum August.«
Ich war noch nie allein im Urlaub, und die Fahrt kam mir ziemlich lang vor, über die Alpen. Den Campingplatz kannte ich schon, Thomas aus Nürnberg war auch wieder da mit Stine. Er hat mich einen Abend beiseite genommen und geredet, unter Männern, daß ich das Leben noch vor mir habe, und wie ich damals nach dem Westen rüber gemacht habe, da hätte ich auch bei Null angefangen, und dagegen sei so eine Frau doch ein Klacks.
>Ein Klacks<, habe ich gedacht, und da war der Bann dann gebrochen. >Sie ist ein Klacks<, habe ich mir gesagt, immer wieder, und >ich bin in Italien, wo wir als Kinder nur von träumen konnten<. Ich habe mein Zelt installiert, und die Kühltasche vollgekauft und alles. Zum Frühstück bin ich immer in der Bar, leider gibt’s da fast nur Pärchen.
Probleme gibt es hier mit den Autos, alle kommen mit Fahrzeugen und riesigen Wohnwagen hinten dran, da seh ich mir mein Motorrad an und bin sehr zufrieden. Aber nicht jeder fährt Motorrad und den Frauen ist es oft zu unbequem. Und so steht hier ein ganzer Fuhrpark voll mit Wagen, und wenn jemand neu kommt, müssen die Autos umgeparkt werden, da ist Luigi dann schnell überfordert, und da habe ich ihm unter die Arme gegriffen. Schwimmen und Bräunen, das ist etwas für Verliebte, allein schaust du da in die Röhre oder auf die falsche Frau und hast eine Beschwerde am Hals, ehe du dich versiehst, von dem Affen, der ihr die Herzkette geschenkt hat. Da bleibt nur der See zum Ansehen, und den kenne ich ja.
Das Motorrad benutze ich täglich. Am Morgen fahre ich damit zur Dusche, an der Bar vorbei, da ernte ich schon mal Blicke, aber ich seh mich nicht um. Wenn ich von der Dusche zur Bar fahre, zum Frühschoppen, und der Luigi stellt mir ein Weizen hin, und ich sag nur grazie, dann bin ich gerne allein hier, lieber als mit Marianne, nichts fehlt mir da und niemand, bis die Arbeit ruft.
Ein eingespieltes Team sind wir inzwischen, Luigi und ich, und wenn ein Auto kommt, dann wirft er mir die Schlüssel zu zu dem kleinen Traktor. Ich weise dem Auto seinen Platz zu, Luigi koppelt den Wohnwagen ab, und wenn er fertig ist, sitze ich schon auf dem Traktor mit laufendem Motor und bereit zur Abfahrt. Dann sagt Luigi mir die Platznummer, den Lageplan vom Platz weiß ich auswendig, inzwischen, und ich fahr den Wohnwagen an seinen Platz. Luigi läuft mit den Gästen hinterher, und wenn wir so einen Wagen abstellen und der Besitzer dann die Bremse festzieht, klopft mir Luigi auf die Schulter und stellt mich vor: »Der König vom Camping.« Ein paar tausend Lire stecken sie mir dann zu, oder ein paar Mark. Am Abend grüßen mich die Damen an der Bar und ich gebe schon mal eine Runde aus, hin und wieder.
Platzmiete muß ich nicht zahlen, kann hierbleiben bis zum Ende der Saison. Langweilig, hat Marianne gemeint. Die sollte mich mal sehen, braungebrannt wie ein Neger, staunen würde sie und sich ärgern, daß sie so einen hat gehen lassen. Einen, der einfach nicht mehr aus dem Urlaub zurückkommt, weil es ihm im Süden besser gefällt, einen, der sich nicht mal abmeldet in der Firma, sondern einfach aussteigt. Da kann sie lange suchen, bis sie so einen findet.
In Wirklichkeit ist sie nämlich zu feige. Mit der hätte ich vor vier Wochen zurückfahren müssen, damit sie ihre Maniküre machen kann und die Stammkundinnen nicht abspringen. Da bin ich froh, daß ich jetzt mein eigener Herr bin.
