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Spider: Im Mastdarm der Ewigkeit

Daß ich alt werde, daß ich altere, daß ich fett werde, verschleiße, verblöde, verfalle, verlottere, daß ich meine Ideale verliere, meine Moral, meine Potenz, daß ich langsam wahnsinnig werde - obwohl, ich habe ja Zeit -, daß mir die Haare ausfallen und die Zähne, daß ich taub werde, blind und inkontinent, daß meine Daseinsberechtigung langsam aber stetig abläuft, daß ich dem Tod entgegenstürze, wie eine Kindergartengruppe dem Nikolaus, das fiel mir plötzlich auf, als ich eines Tages bei einem Konzert ein Bier trank und Pogo tanzenden Teenie-Mädchen auf die wippenden Titten stierte. Früher wäre es genau umgekehrt gewesen.

Mir wurde bewußt, was die Zeit doch für ein unerbittlicher Verdauungstrakt ist. Ein kosmischer Darm, der uns alle verdaut um uns anschließend in ein trostloses Nichts zu scheißen. Das Morgen ist unser größter Feind. Das Gestern ist ein treuloser Schwindler, der uns sitzen läßt, enttäuscht von seinen leeren Versprechungen. Nichts wird von alleine gut, denn von alleine wird alles furchtbar.

Aber gleichzeitig spürte ich einen metaphysischen Trost. Die überwältigende Präsenz des Präsens. Das Geschenk der Gegenwart. Die Extase der Wahrnehmung. Das Abenteuer der Tat. Schlagartig verstand ich, worin der Sinn des Lebens liegt. Es gilt, die Existenz an sich zu feiern, die Gegenwart, das Bewußtsein.

Es gab Dinge, die darauf warteten, von mir getan zu werden. Unspektakuläre Dinge, die eine irrationale Befriedigung bargen. An einer Blüte riechen, einer Mücke vom eigenen Blut schenken, einer Frau ein Kompliment machen, einen BVG-Kontrolleur verprügeln, das dreckige Geschirr runter bringen, einen Roman schreiben, lauter solche Sachen eben.

Aber dann war mein Bier alle. Ich stellte mich nach einem neuen an und als ich damit in die Nähe der Bühne zurückkehrte, hatte ich meine Gedanken bereits völlig vergessen. Ich ließ mir das kühle Bier schmecken und glotzte den tanzenden Mädchen auf ihre wogenden Brüste. Die Situation war peinlich und erniedrigend. Ich fühlte mich alt und ich fühlte, wie ich alterte, wie ich fett wurde, verschliß, verblödete, verfiel, verlotterte, wie ich meine Ideale verlor, meine Moral, meine Potenz, wie ich langsam wahnsinnig wurde - na und, ich hatte Zeit -, wie mir die Haare ausfielen und die Zähne, wie ich taub wurde, blind und inkontinent, wie meine Daseinsberechtigung langsam aber stetig ablief, und wie der Sensenmann mir entgegeneilte, wie die Motte der Energiesparlampe.

Danach bekam ich Lust, auf noch ein Bier.

Copyright: Spider

zuletzt verändert: 12.06.2006 00:07
erstellt von jero
Nummer 30
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Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
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