Hinark Husen: Wedding wird Hauptstadt
Die Zukunft hat schon begonnen. Aber, der Weddinger geht gelassen den neuen Zeiten entgegen. So ist die Bezirksreform auf den Straßen kein Thema. Die Vorstellung, daß das Brandenburger Tor, das Sony-Center, die Siegessäule nun mit zum Bezirk gehören, hat sich noch nicht so recht in den Köpfen verankert. Weddinger bleiben da ganz auf dem hundescheißeverschmierten Boden der Tatsachen.
Business as usual, würde der Banker vom Potsdamer Platz sagen und auf dem Wedding sieht das beispielsweise so aus: Mein Heimweg führt mich vorbei an altvertrauten Sperrmüllhaufen. Der Weddinger zeigt gerne was er hat, vorallem dann, wenn er es nicht mehr braucht. Kurz hinter der Ecke Malplaquet-, Nazarethkirchstraße läuft ein durchtrainierter Ganzkörpermuskel nervös vor dem neu aufgemachten Pacific-Fitness-Studio auf und ab. Das kleine, grüne E-Plus Handy an’s vielleicht einzige Körperteil gehalten, das selbst mit den modernsten Doping-Coctails keine Muskeln wird aufbauen können.
»Ey, weißt du ne geile Couch? Hab ja noch nichts in der neuen Bude drin, aber ne Couch wär echt geil! Weißt du ne geile Couch?«
Die Worte schwingen nach, als ich schon fast die Max- Ecke Hochstädterstraße erreicht habe. »Hast du ne geile Couch?« Vielleicht die Möglichkeit, jetzt mein altes Ikea-Couch-Bett abzustoßen. Ich drehe mich um, energischen Schrittes, wie es sonst eigentlich gar nicht meine Art ist, und komme passend wieder an, als der Bodybuilder etwas verwirrt nach einer Unterbringungsmöglichkeit für sein Handy in oder an seiner taschenlosen Jogginghose sucht.
»Nicht, daß ich unhöflich sein will«, beginne ich die Unterhaltung, wohl wissend, daß diese Art der Formulierung in hiesigen Straßenzügen immer etwas Exotischens hat. »Zufällig und, ich betone, unfreiwillig bin ich gerade Zeuge Ihrer Unterhaltung geworden - also ich meine, es ließ sich ja auch nicht ganz vermeiden, weil man sogar am Leopold-Platz hätte hören können, daß Sie, also mal ganz unverbindlich, auf der Suche nach einer Schlafgelegenheit sind!«
»Verpiss dich!«, war die prägnante Antwort.
»Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!«, höre ich mich erwidern und entfernte mich ein bißchen gedankenverloren, sinnend ob ich mich vielleicht mißverständlich ausgedrückt haben könnte.
Dann ein kurzes Resümee der Unterhaltung: keine kaputte Brille, keine Knochenbrüche, keine blauen Flecken und mein Sofa kann ich behalten: Erfolg auf ganzer Linie also. Wie schön, dachte ich so bei mir, daß ich mich in den letzen Jahren so gut aklimatisiert und dennoch meine kulturelle Identität bewahrt habe. Das soll mir erst mal einer nachmachen, in zehn Jahren Wedding nicht einer einzigen Schlägerei erlegen zu sein und trotzdem weitestgehend höflich geblieben. Vielleicht ist das der Grund, warum es hier im nördlichen Arbeiterbezirk so wenige Schwaben gibt. Mit ihrer geschwätzigen Art haben die im toleranteren Kreuzberg natürlich eine viel höhere Überlebenchance. Für ländliche Westfalen dagegen, ist der Wedding wie gemacht. Mit ihrer stoischen Gelassenheit können sie auch in sozial rauen Klimazonen bestens gedeihen.
Natürlich gibt es auch eine ganze Menge an Zugezogenen, die mit der hier vorherrschenden Mischung aus Schmuddel und Kaltschnäuzigkeit nicht zurechtkommen. Als ich neulich vollgepackt mit Geburtstagseinkäufen durch den kleinen Park hinter der Nazaretzkirche nach Hause schlenderte, sprach mich eine flüchtige Bekannte aus dem Café Cralle an.
»Da waren doch grad zwei junge Männer, die hier an dem eingezäunten Sportplatz im Park ihren Elektroschrott abladen wollten!«, sprudelte es recht aufgeregt aus ihr heraus. »Und ich hab zu denen nur gesagt: Das könnt ihr nicht machen. Da meinte doch der eine gleich: Halt’s Maul oder ich bring dich um.«
Ich fragte, ob er tatsächlich von Umbringen gesprochen hätte, oder doch eher von Kaltmachen, was mir viel wahrscheinlicher vorkäme, denn Umbringen sei ja wohl eine ausgesprochen gutbürgerliche, oder zumindest sehr hochdeutsche, jargonlose Ausdrucksweise, die hier im Wedding nicht allzu häufig anzutreffen sei. Die junge Mutter hingegen, wollte sich auf die von mir angestrebte, sozio-linguistische Diskussion nicht recht einlassen und betonte ihre Fassungslosigkeit gegenüber einer solchen Drohung.
»Nun ja, wie lange wohnst du denn schon im Wedding«, fragte ich sie, und bekam zu meiner Überraschung eine erkleckliche Anzahl von Jährchen zu hören. Wie schön, daß du dir in all dieser Zeit immer noch den Glauben an die Menschheit bewahrt hast, wollte ich eigentlich erwidern, sagte dann aber, daß die Zeiten immer schlimmer werden. Ich empfand das als die passendste Erwiderung für jemanden, der soeben eine Morddrohung erhalten hatte. Ich weiß aber nicht, ob das nun tröstend für sie gewesen ist.
Zumindest allerdings, war mir dabei die Idee gekommen, wohin mit meinen zwei verstorbenen Riesenflimmerkisten, die seit Jahren blöde bei mir im Flur herumstanden. Ich habe das natürlich klüger angestellt und den Einbruch der Nacht abgewartet, um arme Weddinger Mütter nicht mit Morddrohungen verängstigen zu müssen.
Mein Heimweg führt mich also vorbei an altvertrauten Sperrmüllhaufen. Nun, das habe ich ja schon erzählt.
