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Ingo Klopfer: Kappenwerfen in Kurdistan

Die Mitfahrzentrale rief mich zwei Stunden vor meiner Fahrt an (ich war gerade dabei mir ein mittelaltes Brötchen mit altem Gouda zu belegen) und teilte mir mit, ich hätte einen Mitfahrer.

Okay. Treffpunkt Bahnhof. Okay. Auf meine Frage, wie er denn aussähe, antwortete mir die Dame aus der Zentrale, vor ihr stünden drei Männer in schlechten Anzügen mit schwarzen Schnurrbärten und einer von ihnen, derjenige, der am schlechtesten Deutsch spräche, würde wohl mitfahren.

Wenn man bei einer Mitfahrzentrale seine Fahrt angegeben hat, gibt es den netten Nebeneffekt, daß, gesetzt den Fall, man hat noch Phantasie, man vor sich hin träumen darf, wen man wohl als Fahrgast bekommen wird.

Meistens sind es doch Frauen, die da aus Sicherheitsgründen mitfahren, und meistens natürlich jüngere. Etwas alternativ (nicht zuviel, aber doch), gesprächsfreudig (aber nicht geschwätzig) und natürlich zur Zeit Single (vielleicht sogar frisch getrennt) und sie gehen dort am Zielort, wo auch du (nicht) zufällig hinfährst, zu einer Party bei ihrer jungen, etwas alternativen, gesprächsfreudigen (nicht geschwätzigen), alleinstehenden Freundin. Man wird nach den angenehm erregenden Plaudereien während der Fahrt zur Party mit eingeladen, tauscht am Ende noch Adressen und Handy-Nummern aus und bekommt schließlich ein rechts-links Abschiedsbussi. Ich habe manchmal solche Phantasien.

Okay. Seifenblasen. Is ja nicht das erste Mal, daß mir meine Phantasie ein Schnippchen schlägt.

Pünktlich treffe ich am Bahnhof ein. Dort stehen cirka 20 Männer mit schlechten Anzügen und Schnurrbärten. Einige davon haben gar Vollbärte, so daß ich diese ausschließen kann. Die gesamte Gruppe kommt auf mich zu und ich befürchte noch, daß mein altersbedingter, ganz von selbst gewachsener Kahlhaarschnitt, vielleicht zu falschen Schlüssen verleiten könnte, als ich bereits dunkelbehaarte Hände schüttle und mir mein Begleiter für die Fahrt vorgestellt wird: Ein Mann mit schlechtem Nadelstreifenanzug und dunklem Schnurrbart. Die Beschreibung stimmt. Seit einer Woche ist er in allen kurdischen Gemeinden Deutschlands unterwegs, um für ein kleines Krankenhaus in seinem Dorf in der Türkei Geld zu sammeln.

Nach einer heftigen körperlichen Abschiedszeremonie fahren wir los. Es stellt sich schnell heraus, daß mein Fahrgast geschwätzig (nicht gesprächig) ist, aber seine gesamten Deutschkenntnisse aus drei Monaten Bauarbeit in Österreich resultieren. Wir kommunizieren, so gut es geht, über die Kurdenproblematik in der Türkei und über Deutschland, was er gerne mit Österreich verwechselt. Auf dem Amaturenbrett liegen zwei Handys und wenn er mir gerade nichts zu sagen hat, spielt er damit rum und versucht irgendwelche Menschen anzurufen, was dann viertelstündige Gespräche zur Folge hat, in deren Verlauf ich nur mal gerade die Namen der Orte verstehe, die auf den vorbeihuschenden Autobahnausfahrtsschildern stehen.

Das eine der Handys klingelt und überrascht erkenne ich die elektronische Melodie. »Im Frühtau zu Berge wir ziehn, fallara«. Ich frage ihn, ob er denn dieses Lied kenne, worauf er antwortet, das sei ein billiges D-2 Handy aus Österreich.

Mein von Phantasien beherrschter Geist taucht ab ins wilde Kurdistan. Steinwüsten, hohe, karge Berge und bärtige PKK-Widerstandkämpfer, schwer mit Waffen behängt, marschieren zur Musik von »Im Frühtau zu Berge wir ziehn, fallara« und werfen beim »fallara« ihre türkischen Kappen in die Luft.

Ein plötzlich ausscherender Lastwagen stoppt meinen Tagtraum, und ich überlege, wie es überhaupt mit diesen, doch immer wieder für Heiterkeit sorgenden, melodiösen Klingelzeichen steht, da sich handyherstellende Länder (HHLs) schließlich deutlich in der Minderheit zu nicht handyherstellenden Länder (NHHLs) verhalten. Ob vielleicht irgendwo im Kongo ein Schwarzer vom Fahrrad fällt, weil in den Straßen von Brazzaville, plötzlich sein Handy »Big in Japan« oder die Nationalhymne von Finnland spielt und Fahrradfahren und gleichzeitig telephonieren selbst in Afrika wirklich schwierig ist ? (Ob auch verboten? Sicher nicht!)

Ich frage meinen Fahrgast, wie es sich mit den Klingelzeichen in der Türkei verhält. Gibt es da einen Musikkulturimperialismus der HHLs? Als Beweis ruft mein Gast dann mit seinem billigen »Frühtau«-D-2 Handy sein orginal kurdisches Nokia Handy an. Der elektronische Orient breitet sich musikalisch im Autoraum aus und vor meinem geistigen Auge sehe ich entschlossene PKK Kämpfer, geschäftstüchtige Teppichverkäufer und opiumgeschwängerte Bauchtänzerinnen. ich fahre jetzt extrem vorsichtig, die Autobahn vor mir könnte sich blitzartig in eine unbefestigte Staubpiste verwandeln.

Als wir uns verabschieden, gibt mir mein Fahrgast seine Adresse für den Fall, ich mache mal in der Türkei Urlaub. Dann müsse ich ihn unbedingt in Kurdistan besuchen kommen. Iss ja nicht weit vom Badeort Antalya nach Kurdistan. Es gibt dort sicher auch eine MfZ.

Copyright: Ingo Klopfer

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 30
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