Uli Hannemann: Süss und Herb

Heute ist in dem Sandwichladen, wo ich immer Pause mache, eine neue Ladenkraft, die hier die Pausensandwichs macht. Sie ist süß und herb zugleich.
»Ich beiße nicht«, sagt sie, weil ich noch unentschlossen herumstehe, »du siehst so aus, als würde ich so böse dreinblicken!«
Ich schiebe vor, daß ich Krebs habe. Eigentlich sieht eher sie aus, als würde sie so böse dreinblicken. Aber es wäre gefährlich, das einer Dame mitzuteilen, die herb und süß zugleich ist. So dünnhäutig wie aufmerksam, so freundlich wie schnippisch. Die Haare auf den Zähnen hat, Gold im Herzen und mein Sandwich noch nicht im Ofen. Die mich fragt, ob ich Milch in meinen Kaffee will und mich dann anschnauzt, das sei zuviel Milch. Sehr witzig, brummt sie, viel zuviel Milch. Zuckerbrot und Peitsche: Sie weiß mit beidem trefflich umzugehen. Natürlich bestelle ich ein Sandwich, das süß und herb zugleich ist, mit Vorderformschinken und Ananas.
Das Sandwich überbäckt im Ofen. Aus den Boxen tönt schöne Musik. Sie ist herb und süß zugleich. Ob ich eine Plastiktüte möchte, fragt die Ladenkraft, und warum ich so gucke, als ob mir einer was wegfrißt. Ich schiebe viele Geschwister und schlechte Zeiten vor. Dann frage ich, was das für Musik ist. Sie antwortet nicht.
»Das ist schöne Musik«, nerve ich, »von wem ist die?«
»Von so nem DJ«, sagt sie leise.
»Von welchem DJ?«
Sie hätte den mal gekannt. Vor einer Weile. Traurig klappen der Schirm ihrer Base-Cap und die Ohren nach unten. Noch trauriger hingen schon vorher die Haare herunter. Jetzt kenne sie den DJ nicht mehr. Er sei praktisch aus ihrem Leben gestrichen. Sie dreht den Kopf mit den inzwischen leicht geröteten Wangen zur Seite. Vermutlich soll ich ihre Tränen nicht sehen. Nun verstehe ich auch, warum sogar der Kaffee versalzen und angebrannt ist.
Och - das tut mir leid, du kleines Bitterlichleinchen! Ich möchte dich so gerne trösten. Der böse DJ! Jetzt hörst du seine Musik und schimpfst. Die Musik ist schön. Bestimmt war der DJ auch schön. Jetzt ist er fort. In Gedanken nehme ich dich auf meinen Schoß, streiche dir über die Haare und befestige Mütze und Ohren wieder richtig: >Wisse Bitterlichleinchen<, erkläre ich ihr, >DJs sind wie Landsknechte. Heute ziehen sie durch, versprechen dir das Blaue vom Himmel, oder wenigstens, daß sie dich nach Goa mitnehmen. Morgen sind sie dort. Ohne dich. Und du, im Gebrauch der relativ neu erworbenen Geschlechtsreife noch ungeübt, siehst dich genasführt. Dabei ist das so ein schöner Sandwichladen hier.<
Im Laden riecht es furchtbar angebrannt. Ein Glück, daß ich schon Krebs habe. Und keinen Hunger. Die Dame schnieft noch einmal kummervoll und blickt dann ein wenig gestärkt. Sie bedankt sich: Zwar habe ich gar nichts gesagt, doch sie spürt genau, was ich nicht gesagt habe. Ob ich sie wieder vom Schoß runterlassen könne, fragt sie, in Gedanken natürlich. Sie müsse langsam mal weiterarbeiten. Guck nicht so doof, sagt sie. Sie ist süß und herb zugleich.
