Andreas Gläser: Im Tal der Demokratie
Während einer frühen Morgenstunde fand ich mich auf dem Flughafen in Athen wieder. Irgendwo am Stadtrand. Es war vielleicht 4 Uhr. Der Busfahrplan verriet allen Menschen, die diesen Kaffeesatz-ähnlichen Fahrplan lesen konnten, daß der erste Bus nach Athen-City um 7 Uhr fahren sollte. Ich konnte kein Griechisch und so fragte ich den dicken Polizisten: »Garwaritje pa russki?« Er schaute mich ein wenig verstört an, weil er wohl kein Russisch konnte. Das mußte ihn nicht beunruhigen. Meine Russischkenntnisse reichten ja auch bloß dafür aus, griechische Polizisten zu beeindrucken. Er blickte auf mein Bad-Manners-T-Shirt mit dem Slogan You fat bastard! und ging weg. Ich fragte noch in den Wind: »Do you speak English?«
Schade, ich war allein in Griechenland. Allein mit den anderen Touristen, die auf den ersten Bus warteten. Wir fotografierten uns gegenseitig. Den Anlaß dazu bot neben dem Eingang vom Flughafengebäude ein Verbotsschild, auf dem eine Figur zu sehen war, die auf dem Fußboden schlief. Auf dem Rücken liegend und ein Bein angewinkelt. Wir fühlten uns herausgefordert. Wer von uns würde sich in dieser passiven Körperhaltung dem griechischen Polizisten ausliefern? Natürlich wir alle. Allerdings war es ihm zu blöd uns zu beobachten. Irgendwann kam der Bus.
Nun stand einigen Tagen im romantisch-verklärten Endzeitmoloch nichts mehr entgegen. Der Baustil, der sich in den meisten Straßen durchgesetzt hatte, erinnerte mich an die Karl-Marx-Allee. Diese Stadt muß anscheinend zu jeder Tages- und Nachtzeit ein Verkehrsaufkommen erdulden, wie ich es in Berlin allenfalls vom Berufsverkehr kenne. Die Luft war Diesel-geschwängert. An Ausschlag litten nur jene Menschen nicht, die schon überfahren worden waren. Das Verkehrsnetz war eine freie Wildbahn. Schnell lernte ich, daß ich mir auf eine grüne Fußgängerampel nichts einbilden durfte. Zebrastreifen trugen diesen Namen, weil sie im Galopp zu überqueren waren. Viele Autofahrer steuerten in rasantem Tempo auf eine Kreuzung zu. Ihr Hupsignal galt als Vorfahrtsrecht. Erstaunlicherweise wurde ich niemals Unfallzeuge.
Wohlwollende Menschen bezeichneten Athen als bizarr. Lachend unterdrückte die Sonne den Smog, damit er den Menschen in diesem Tal lange zu schaffen macht. Ich gewöhnte mich daran. Wozu der Akropolis schon wieder Adieu sagen? Ich hatte sie noch nicht einmal richtig begrüßt. Ach ja, die hellenische Millionenmetropole nahe der Ägäis! In der Altstadt sammelte Mikis Theodorakis viele Unterschriften für die Umbenennung von Instanbul in Konstantinopel. Immerhin befand sich Athen im Tal der Demokratie. Die Griechen hatten dieses gesellschaftliche Gerüst erfunden. Es ist so verständlich wie ihre Sprache. Einmal bestellte ich mir bei einem fliegenden Händler ein Bier. Ich bekam einen kalten Kaffee mit Eiswürfeln. Immerhin ohne Zucker. Bei diesem Durcheinander fiel es nicht auf, daß ich als deutscher Tourist sozusagen ein deutscher Tourist war. Diese Griechen erschienen mir charakterlich gefestigt und friedliebend. Während einer späten Abendstunde fuhr ich mit dem letzten Bus von Athen-City an den Stadtrand zum Flughafen. Es war vielleicht 23 Uhr. Die Flughafenhalle war voll Menschen, die auf dem Fußboden schliefen, denn drinnen gab es keine Verbotsschilder, auf denen Figuren zu sehen waren, die auf dem Fußboden schliefen. Überall liefen Polizisten umher. Ich habe das nicht weiter verfolgt. Ein Flugzeug flog mich in meine Heimat.
