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Andreas Scheffler: Krieg zwischen den Stegen

In der Stadt kann man relativ anonym in seiner renovierten Altbauwohnung leben, ohne ständig von Nachbarn behelligt zu werden. Außer man trifft zufällig gerade den Mitmieter, den es in jedem Haus zu geben scheint. Den Mieter oder die Mieterin mit sehr viel Zeit und dem großen Mitteilungsbedürfnis. Da steht man im Morgenmantel schlotternd am Briefkasten oder mit vollen Einkaufstüten, die einem in die Handflächen schneiden, im Hausflur und muß Erzählungen über das Arbeitsamt, die Hausverwaltung oder den letzten Arztbesuch zuhören. Das ist schlimm, aber passiert zum Glück nicht so häufig.

Auf dem Lande sieht es anders aus. Auf dem Wochenendgrundstück am See erst recht. Die Nachbarn sind direkt an einem dran. Und trifft es einen, daß der Nachbar aus der Pfalz kommt, gern Rasen mäht und über eine große Lebenserfahrung verfügt, dann muß man einen großen Teil seiner Freizeit abschreiben.

»Hallo, Herr Nachbar!«, wird man morgens begrüßt, kaum hat man sich den Schlaf aus den Augen gekratzt. »Wenn du eure Weide beschneiden willst, kannst du unsere Leiter haben. Komm, ich zeig dir, wo sie steht.« Ich will aber unsere Weide nicht beschneiden. »Streng dich nicht so an. Auch mit dreißig kann man einen Herzinfarkt kriegen.« Laub harken ist nicht anstrengend. »Was schreibst’n du schon wieder? Ich dachte, du willst Urlaub machen.« Das ist eindeutig mein Bier. »Wenn du mal meinen Rasenmäher haben willst, brauchste nur Bescheid zu sagen.« Wir haben keinen Rasen. »Hör mal. Bei Penny ham sie nur Scheiße.« - Was soll ich dazu sagen?

In diesem Sommer herrschte dagegen Funkstille. Wir hatten im Frühjahr das Grundstück vermessen lassen und festgestellt, daß unser Nachbar uns einen halben Meter breiten Streifen versehentlich geklaut hatte. Macht nichts. »Wenn wir demnächst den alten Maschendrahtzaun neu setzen, wird das korrigiert«, sagte der Nachbar. Als wir das nächste Mal kamen, war der neue Zaun ein weiteres Stück auf unser Areal gewandert. Eine zwei Meter hohe Bretterwand. Der Mann hat sich als Alteigentümer vier Grundstücke am Ort gekrallt und stellt sich jetzt hier wegen eines halben Meters an. Unser kleines Sommerdomizil gehört meiner Schwiegermutter. Also habe ich mich nicht drum gekümmert. Ich habe im Sommer anderes zu tun, als in die Stefan-Raab-Show zu kommen. Immerhin schwiegen nun die Nachbarn. Und sehen konnten wir uns nur noch von den Bootsstegen aus.

Ich muß noch erwähnen, daß es an der Märkischen Seenplatte üblich ist, die Wasservögel zu füttern. Im Penny-Markt gibt es ein Brot, welches schweinebillig ist und vermutlich ausschließlich zum Füttern von Federtieren dient. Aus diesem Grund wird es auch allgemein »Entenbrot« genannt.

Sabine und ich hatten schon frühzeitig die Bleßhühner und ihre fünf Jungen auf unsere Seite gebracht. Diese sonst sehr scheuen Tiere kamen sogar direkt an unser Ufer heran. Ich hatte mir vorgenommen, sie soweit zu bringen, daß sie mir im Laufe des Sommers aus der Hand fressen würden. Nach mehrwöchiger Abwesenheit mußte ich feststellen, daß sie inzwischen beim Nachbarn auf dem Bootssteg herumliefen. Da konnte man wohl nichts machen. Bleßhühner sind eh ziemlich dumm. Ich nahm mir die neu hinzugekommene Entenfamilie vor. Nach einer Woche kam sie zu mir an Land und fraß mir aus den Fingern. Die Schwäne kannten mich noch vom letzten Jahr und waren ebenso zutraulich. Freunde, die uns besuchten, waren beeindruckt. Dies beäugte neidisch der Nachbar, der ebenso häufig Besuch bekam, aber nichts vorzuführen hatte. Eines Tages dann ruderten sowohl Enten als auch Schwäne zuerst zu seinem Ufer hin. Der Nachbar verwöhnte die Schwäne mit Apfelscheiben, die Enten mit Rosinenbrot. Ich ging zum Bäkker und kaufte eine Torte. Das gefiel auch den Bleßhühnern, die derweil fröhlich unseren Steg vollkackten. Der Nachbar grummelte jenseits des Zauns, daß diese Viecher doch elend dumm wären. Einen Korb mit äpfeln hielt ich ständig für die Schwäne bereit. Boskop scheinen sie besonders zu mögen. Dafür machen sie sogar Kunststücke und legen den Kopf schief. Das sieht niedlich aus. Der Nachbar schäumte vor Wut. Mit dem Versuch, den Graureiher mit edlen Fischen ans Ufer zu locken, sind wir allerdings beide gescheitert.

Zeichnung von ©Tom

Eines Tages sah ich den Nachbarn auf allen vieren auf seinem Steg herumkrabbeln. Aus seinem Mund ragte ein Stückchen Kuchen heraus. Die Enten kamen angewatschelt und er fütterte sie mit dem Mund. Ein grotesker Anblick. Zwischendurch grinste er triumphierend in unsere Richtung. Mußte ich nun meine Niederlage eingestehen? Wie konnte man das noch toppen? In der darauffolgenden Nacht hatte ich einen von endokrinen Hormonen beeinflußten Alptraum: Ich hockte nackt auf unserem Bootssteg. In meine Poritze hatte ich eine Scheibe Brot geklemmt, das gute vom Bäcker, nicht das Entenbrot, und hielt sie einem Schwan entgegen. Als dies der Nachbar sah, bekam er einen Herzinfarkt, fiel in den See und wurde gefressen.

Am nächsten Morgen packten wir unsere Sachen zusammen und fuhren zurück in die Zivilisation, in die renovierte Altbauwohnung mit den festen Wänden.

Copyright: Andreas Scheffler

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero

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