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Jürgen Witte: Globo, der Film

Syd Field, der große Guru der Hollywood-Drehbuchschreiberei, sagt in seinen Drehbuchlehrbüchern unter anderem so schöne, simple Sachen wie: »You can start your film with an action-sequence.« Also fange auch ich meinen kritisch-ambitionierten Film mit einer Action-Sequenz an. Sonst will ja keiner einen kritisch-ambitionierten Film sehen. Aber kritisch-ambitioniert mit Action, das ist quasi ein völlig neues Genre. Mal sehen, ob die Leute das sehen wollen.

Es geht also gleich zu Beginn einiges ab, viel Bewegung, vielleicht auch mit Blut und Geballer, vielleicht mit Autos, es ist ja eigentlich egal. Hauptsache Action, und da es am Anfang der Handlung ist, weiß ja eh noch keiner so recht, worum es geht. Also passiert jetzt erst minutenlang ganz viel Zeug, man kann nicht so genau erkennen, wie das alles zusammenhängt, was da passiert. Erst als die Musik einsetzt und der von der vielen Action aufgewirbelte Staubsturm sich legt, tauchen ein paar recht mitgenommene Figuren aus dem Dunst auf.

Der, der sich später als der große Held herausstellen wird, könnte sowas sagen wie: »Meine Herrn, das war knapp?«

Ein anderer, ein eher so unbedarfter Charakter, so ein Nebendarsteller, also einer von denen, die immer die dummen Fragen stellen müssen, damit ihm und auch dem Zuschauer bei Bedarf etwas erklärt werden kann, von wegen, worum es eigentlich geht in diesem Film, der wird dann fragen: »Ey Leute, was war denn das? Sowas hab ich noch nie gesehen?«

Ein Dritter, es kann ein Polizist sein oder ein Wissenschaftler oder so ein gemütlicher Großvatertyp mit Lebenserfahrung, irgend jemand mit einer gewissen Kompetenz also, würde dann antworten: »Wir wissen selbst noch nicht genau, was es ist, aber eines ist auf jeden Fall klar: Es ist sehr groß, es ist verdammt schnell und es vernichtet Arbeitsplätze.«

So wird dem geübten Zuschauer sofort klar, daß mein Film um Arbeitsplatzvernichtung gehen wird. Sozial engagiert und kritisch-ambitioniert, wie gesagt. Für den ungeübten Zuschauer braucht es aber noch eine zweite Szene. Da ist dann eine Frau, eine schöne natürlich, und die wird dem Helden erzählen, die beiden können dabei an einem still und friedlich dahinfließenden Fluß langwandern, daß ihr Bruder nämlich seinen Arbeitsplatz verloren hat, und daß der das damals nicht verwunden hat, daß er seine Kinder nicht mehr ernähren konnte, und dann hat er sich in diesen so still und friedlich dahinplätschernden Fluß gestürzt. Und ist tot gewesen.

Die Frau weint. Der Held nimmt sie in den Arm und guckt dann so entschlossen und mutig über das stille, friedliche Wasser des Flusses hinweg, so daß wir schon wissen: Der wird schon was machen, gegen diesen gemeinen Arbeitsplatzvernichter. Man könnte den Gegner auch Globalisierung nennen. Der Held aber tut was dagegen, was mit Grips und sicher auch was mit Action, und dann ist alles gut und die beiden können sich zusammen eine Wohnung mieten. Aber das dauert noch etwas.

Um die Zeit bis dorthin zu überbrücken, machen wir sofort wieder Action. Dieses Arbeitsplatzvernichter-Dingsbums kommt so Dune-mäßig angeschossen. Da es die Globalisierung ist, muß es natürlich was ganz Riesiges sein, mindestens so groß wie ein Braunkohlebagger aus der Lausitz, und der Held ist da jetzt im Moment erstmal quasi machtlos dagegen, er wirft sich nur schützend über die Frau, und das Ding rauscht über sie hinweg und zack!, sind die beiden ihre Arbeitsplätze los.

Zeichnung von ©Tom

Jetzt sieht er aber gar nicht mehr so heldenhaft aus, unser Held. Die Frau ist natürlich von ihm enttäuscht und wendet sich erstmal von unserem Helden ab. Doch da, wo sie sich hinwendet, dort geht es geradewegs in die Gosse und der Held muß sie da wieder rausziehen. Also wird er auch in die Gosse gehen. Obwohl er das eigentlich vielleicht gar nicht nötig hätte. Weil er reich ist oder sowas. Da merkt dann echt jeder, daß das schon ein ganz klasse Mensch ist, der Held.

Kann noch jemand der Handlung folgen? Oder ist das schon zu kompliziert? Viele werden sagen, mein globales Arbeitsplatzvernichter-Dingsbums sei als Monster unglaubwürdig. Okay, das ist schon wahr, aber irgendwie dachte ich mir, mein Film soll auch eine gewisse Relevanz haben, man muß das eben nur richtig visualisieren, das ist im Film so. Und das Böse, sage ich mal, das Böse hat viele Gesichter.

Weiter in der Handlung: Jetzt zeige ich erstmal viel Gosse. Gosse ist interessant, das sehen die Leute gern, gerade, wenn sie selbst nicht drinstecken. Da ist immer was los und exotisch ist so eine Gosse auch. Unser Held steckt jetzt also mitten in der Gosse drin, und er trifft dort einen superintelligenten ehemaligen Arbeitgeber, der aber von Alkohol und Drogen voll ist und deshalb von der Arbeitgeberei total die Schnauze voll hat. Sagt er. Der könnte was machen, gegen diesen Arbeitsplatzvernichter, denkt der Held, und wenn wir hier in der Gosse alle zusammenstehen würden, dann könnte man dieses Arbeitsplatzvernichter-Dingens besiegen. Also organisiert unser Held da was. Das böse Dingsbums bekommt davon natürlich Wind und viel Action ist die Folge.

Durch List, Schläue und unsagbar viel mutige Sachen, die quasi immer der Held alleine vollbringt, auch mit Schießen und Verhauen und Bomben in letzter Sekunde entschärfen, gelingt es ihm schließlich, das Dingsbums - manche nennen es ehrfurchtsvoll den großen Globo - zu besiegen. Das Ding röchelt noch was von: »Aber ich wollte doch immer nur die freie Marktwirtschaft, habt ihr mich denn nicht mehr lieb.« Dann stirbt es.

Der Held, der die in letzter Sekunde vor der Pauperisierung gerettete Frau wieder mal in der Armen hält, sagt jetzt noch was Grundsätzliches, irgendwas mit Freiheit, und dann wird schwer geknutscht. Und zerlumpte Arbeitgeber stellen sich im Hintergrund auf Bierkästen und ölfässer und schreien wild durcheinander, daß sie massig Arbeitsplätze zu vergeben hätten, und es sieht so aus, als würde alles wieder gut werden.

Copyright: Jürgen Witte

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero

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