Sarah Schmidt: Dinslakener Dämmerung
Sobald ich in Dinslaken bin, werde ich müde. Nachdem wir beide bis um 4 Uhr morgens getrunken, geraucht und geredet haben, schreit mein Vater mich nach dem Frühstück um halb acht, manchmal gnädigerweise auch erst um acht, quietschvergnügt an: »So, meine Liebe, und was machen wir jetzt?«
Und dann machen wir irgend etwas, was er sich vorher ausgedacht hat. Egal, was es ist, er blamiert mich dabei ständig bis auf die Knochen. Das ist sein ganz privates Vergnügen. Seine Rache für meine Pubertät.
Mein Vater hat sich in den Kopf gesetzt, Stofftaschentücher kaufen zu wollen. Seine fünfzehn Stück, die er hat, seien angeblich alle häßlich. »Ich will jetzt mal ein schönes Taschentuch. Eines, das zu mir paßt. Nein, ich will sogar drei, mindestens!«, schreit er.
Ich erwache aus meinem Frühstücksschlaf, den ich hinter der Zeitung gehalten habe, und sage: »Gut, gehen wir Taschentücher kaufen. Wo gehen wir da hin?«
»Ja, das mußt du doch wissen!«
»Häh?«
»Na, du bist doch aus Berlin, da wirst du wohl wissen, wo man so richtig schöne Taschentücher für einen Herren im besten Alter finden kann.«
Ich versuche erst gar nicht, ihm zu sagen, daß ich mit elf Jahren aus Dinslaken weggezogen bin und daß ich selbst in Berlin noch niemals Taschentücher gekauft habe, und sage stattdessen: »Ja, dann gehen wir jetzt wohl in die Fußgängerzone.«
»Sehr gute Idee, na dann los.«
Also dackeln wir morgens um neun durch Dinslakens sehr lange Fußgängerzone.
»Wo hast du denn deine häßlichen Taschentücher immer gekauft?«
»Ja, was glaubst du denn, beim Herrenausstatter Moelcken natürlich.«
»Gut, gehen wir dahin.«
Wir betreten das Geschäft, mein Vater voran, ich hinterher.
»Guten Morgen, kennen Sie mich noch?«, strahlt er die Verkäuferin an.
»Nein, tut mir leid.«
»Ich bin Herr Schmidt und das hier«, er zerrt an meiner Jacke, »das ist meine Tochter. Kennen Sie meine Tochter?«
»Nein, tut mir leid, so auf den ersten Blick...«, stammelt die völlig überrumpelte Frau.
»Ja, da waren Sie wohl noch nie in Berlin, was? Meine Tochter ist in Berlin nämlich sehr berühmt. Die tritt da jede Woche vor tausend Leuten auf. Meine Tochter schreibt, müssen Sie wissen. So lustige Sachen. Los, sag doch mal was Lustiges«, er rammt seinen Ellenbogen in meine Seite, »damit die Frau sich das vorstellen kann. So etwas gibt es hier ja gar nicht.«
Er hat es innerhalb weniger Sekunden geschafft. Ich schäme mich in Grund und Boden und versuche abzulenken: »Wir suchen Stofftaschentücher, können Sie uns da was zeigen?«
»Ja, das ist meine eine Tochter, ich habe da aber noch viel mehr von«, plaudert mein Vater munter weiter.
»Ja, und wir hätten gerne Taschentücher«, sage ich.
Die Verkäuferin versucht zu fliehen: »Ich hole Ihnen mal welche.« Aber da hat sie die Rechnung ohne meinen Vater gemacht.
»Ich bin mit meiner Frau vor fünf Jahren wieder nach Dinslaken gezogen«, klärt er sie auf, »geheiratet haben wir ja in Italien, aber unsere Kinder sind alle hier geboren. Kennen Sie Italien?«
Jetzt ist aber Schluß, ich will hier raus oder Taschentücher sehen. »Zeigen Sie uns doch mal welche«, versuche ich die Verkäuferin zu retten. Sie ist dankbar und will wieder loseilen, aber mein Vater ist schneller.
»Moment noch. Gucken Sie mal!« Er nestelt aus seiner Gelenktasche ein merkwürdiges Gerät heraus. »Wissen Sie, was das ist? Haben Sie so etwas schon mal gesehen?«, fragt er die Verkäuferin, die nur noch stumm mit dem Kopf schütteln kann. Werner strahlt. »Das hab ich mir gedacht. Das habe ich mir gestern zugelegt, das ist modernste Technik, müssen Sie wissen.« Er drückt einen kleinen Knopf an dem Gerät, es piept, Ziffern erscheinen auf einem Display.
»Das hier«, mein Vater strahlt noch breiter, »das ist ein Fieberthermometer. Ja, das hätten Sie nicht gedacht, was? Ein elektronisches Fieberthermometer. Damit kann man in drei Sekunden im Ohr messen, ob man Temperatur hat. Wollen Sie das mal ausprobieren?«
»Nein Papa, jetzt ist mal gut, laß die Frau bitte Taschen-tücher holen.«

Er hört nicht auf mich. »Hier, Sie können es auch bei meiner Tochter ausprobieren, stecken Sie ihr einfach den Temperaturfühler ins Ohr. Das tut der nicht weh!«
Also mißt die fremde Verkäuferin in meinem Ohr herum, wir sind alle begeistert, denn ich habe eine Körperwärme von 36,8 Grad. Perfekt! Dann dürfen wir endlich Taschentücher bewundern. Innerhalb kurzer Zeit liegt ein Sortiment vor uns.
»Welche Art hast du dir denn vorgestellt?«, frage ich meinen Vater. »Weiß ich doch nicht, deshalb habe ich dich doch mitgenommen. Such du mal deinem Vater eines aus.«
Gut, kein Problem, ich fische eines der Tücher heraus: »Hier, wie findest du das?«
»Häßlich.«
»Und das?«
»Das ist auch häßlich.«
»Aber das hier, das ist doch schön.«
»Nein das hat Streifen, Streifen habe ich schon und die sind...«
»Ich weiß, ich weiß, häßlich.«
Dann finde ich ein einfarbiges. »Das ist doch toll.«
Mein Vater wankt. »Jaaa, das ist schon besser.« Er dreht und wendet es. »Aber zu klein, da paßt ja nichts rein.«
Wir sind auf dem richtigen Weg: »Haben Sie so eines in größer?«
Ja, Herrenausstatter Moelcken hat. »Guck mal, Papa, das ist groß und schön.«
Aber ich sehe es schon an der Mundfalte meines Vaters, so geht es nicht, das wäre ein viel zu schnelles Ende. »Zu billig, das kostet ja nur 6 Euro 95. Nein, das ist auch nicht das richtige.«
Also sage ich, was ich sonst nie sage: »Haben Sie das vielleicht auch in teuer?«
»Nein, tut mir leid. Dies ist das einzige.« Also geht alles von vorne los, bis mein Papa ein Taschentuch gefunden hat, das groß und schick und teuer ist. Nach etwa einer Stunde gehen wir, nicht ohne daß mein Vater die Verkäuferin gezwungen hat, der Bürgermeisterin mal von mir zu erzählen: »Die ist zwar von der CDU, aber sie kann ruhig mal ein bißchen Kultur nach Dinslaken bringen, sagen Sie ihr das mal. Die hat übrigens zweimal die Woche Bürgersprechstunde. Waren Sie da überhaupt schon mal?«
Die Verkäuferin verneint, verspricht aber, am nächsten Tag gleich hinzugehen. Draußen vor dem Geschäft fühle ich mich völlig erschöpft. Mein Vater nicht. Mein Vater schreit mich wieder an: »So, jetzt habe ich ein Taschentuch, wo holen wir die anderen?« Ich habe noch 5 Tage vor mir und möchte einfach ein bißchen still vor mich hin weinen.