Hinark Husen: Mein freiwilliges asoziales Jahr
Die Auseinandersetzung mit dem Thema Arbeitslosigkeit ist besonders dann eine sehr intensive, wenn man sie nicht von außen betrachtet. Mit anderen Worten: Ich bin arbeitslos und kann deshalb mitreden. Obwohl ich zugeben muß, in den vergangenen drei Monaten erst einmal auf dem in solchen Fällen zuständigen Amt gewesen zu sein und das eigentlich auch nur, um meinen Antrag abzugeben. Und sofort war ich auch wieder draußen. Damit gehöre ich zumindest nicht zu dem Kreis der Müßiggänger, von denen immer behauptet wird, sie würden die Warterei bei Behörden unnötig verlängern, weil sie immer dann im Amt erscheinen, wenn auch die arbeitende Bevölkerung mal Zeit hat.
Allerdings, ich gebe zu, den Supermarkt suche auch ich bevorzugt in den späten Nachmittags- und frühen Abendstunden auf. Dies ist die Zeit, in der mein Biorhythmus sich langsam wieder eingetaktet hat und ich also vernünftige Dinge kaufen kann. Zu der Zeit, als ich noch aufs frühe Aufstehen konditioniert war, kam ich mal mit Unmengen von Gewürzgurken, eingelegten Heringen und Schwarzwälder Schinken nach Hause. Das ist zum Frühstück eigentlich nur runterzukriegen, wenn man danach sofort wieder zu Bett geht. Immerhin hält es sich länger als Joghurt und Obst.
Jetzt habe ich meinen Lebensrhythmus meiner Situation und meiner Umgebung angepaßt. Es ist ohnehin nicht unbedingt angebracht, in unserem Hause nachts schlafen zu wollen. Frühestens ab vier oder fünf kann man langsam darüber nachdenken. Vor rund zwei Monaten ist ein Fußballfanclub in die Ladenwohnung gezogen, draußen hängt ein Fenerbahçe Istambul-Leuchtschild, drinnen über dem Tresen ein Poster von Galatasaray und an den Tischen sitzen Araber gemütlich bei Wasserpfeife und Tee, falls sie nicht gerade vor dem Döner-Imbiß schräg gegenüber Drogen verkaufen.

Ich hab mich lange gefragt, warum die einen türkischen Fußballclub aufgemacht haben? Die Alternative heißt doch immer entweder Sport oder Drogen, wenn man den Plakaten der organisierten Leibesertüchtiger Glauben schenken kann. Nun, ich nenne das mal einen klassischen Integrationsversuch.
Das Arabische ist eine Sprache, die man nur schlecht leise und eigentlich gar nicht in geschlossenen Räumen sprechen kann. Als unkundiger Mithörer hat man immer leicht den Eindruck, die Schreihälse stünden soeben kurz davor, sich zu verprügeln, dabei reden sie wahrscheinlich nur freundlich übers Wetter oder die anziehenden Graspreise.
Neulich hat ein im gleichen Haus wohnender Bekannter einen 15-Liter-Wassereimer auf die vor dem Laden stehenden palavernden Clubmitglieder ausgeschüttet. Mitsamt Eimer im übrigen, weil ihm der Bügel dabei abgebrochen ist. Für den Eimer hat er sich dann tags darauf entschuldigt, für das Wasser natürlich nicht.
Was der Fanclub an Ärger hervorbringt, das macht er durch eine fast preußisch zu nennende Sauberkeit wieder wett. Jeden Morgen wird sowohl in als auch vor den Räumlichkeiten mit einer derartigen Leidenschaft von den Ehefrauen gefegt, gewischt und gewienert, als würde gleich ein arabischer Scheich, die Polizei oder die Spieler von Fenerbahçe vorbeischauen. Bei letzteren bin ich mir allerdings nicht sicher, ob sie von den Clubmitgliedern hier als solche auch gleich erkannt werden würden.
Die morgendlichen Putzaktionen hab ich mir von den Nachbarn berichten lassen. In meiner Tiefschlafphase krieg ich in der Regel nichts davon mit. Als Arbeitsloser hat man sowieso ständig das Gefühl, daß man was verpaßt. Um das auszugleichen, guckt man extra viel fern. Und dabei bin ich dann doch erfreut, wie sehr man sich eben da um mich sorgt. Als Arbeitsloser wirst du in den Medien permanent zum Thema gemacht, von Politikern, Wirtschaftsbossen und neuerdings gar von gesellschaftskritischen Ex-Fußball-Nationalspielern.
Aber entweder bist du ein unschuldig leidender Verlierer oder ein elender Schmarotzer, dazwischen gibt’s gar nichts. Da kriegt dann einer wie ich schon schnell das Gefühl, er säße nun endgültig zwischen allen Stühlen. Und weil ich ungern in einem solchen Vakuum lebe, werde ich mal unten im Club fragen, ob sie eine Putzhilfe brauchen oder eine Tresenkraft oder einen Kassenwart. Da hab ich dann auch mal was für die soziale Integration getan. Fragt sich nur, ob die auch schwule Westfalen anstellen.