Andreas Gläser: Ich musste sie als verantwortungsvollen Eckpfeiler unseres Sozialstaates fürchten
Seit einiger Zeit wurde man auf dem Arbeitsamt am Anmeldetresen abgewickelt. Einigen Leuten war das zu unpersönlich, sie kamen sich bloßgestellt vor. Ich fand diese Neuerung gut. Drei Monate zuvor war ich dort von einer gemütlichen Dicken in drei Minuten abgefertigt worden.
»Guten Tag. Ick komme wegen dieser vierteljährlichen Meldung.«
»Gut, dann trage ich das im Computer ein. Wenn ansonsten alles beim Alten ist, können Sie wieder gehen.«
»Ja, Dankeschön, auf Wiedersehen.«
»Auf Wiedersehen.«
Bemühungsnachweise wollte sie nicht sehen, trotz meiner beispielhaften Vorbereitung. Was soviel heißt wie: Ich hatte mich nicht wirklich bemüht, aber ich war vorbereitet. Bei einem festen Arbeitsverhältnis in irgendeinem Betrieb hätte ich ohnehin ziemlich schnell die altersgerechten Themen im Schädel. Sex, Essen oder Stuhlgang. Ich aber wollte alles, und zwar nach freier Zeiteinteilung.
Als ich nun wieder auf dem Arbeitsamt war, zog es sich länger hin. Zwei Tresenkräfte mußten sich mit jeweils einer Nervensäge viel Mühe geben. Bei einer gegen jedes mögliche Ereignis gewappneten Bearbeiterin in den besten Jahren guckte eine Auszubildende mit über die Schulter. Da war besondere Vorsicht geboten. Ich hoffte also auf die weniger resolut wirkende Dicke. Jemand bombardierte sie mit dreimal denselben fünf Fragen.
Bevor ich sie begrüßte, setzte ich mir die Maske eines hoffnungslosen Routinefalls auf. Sie sagte so souverän wie überraschend: »Sie werden von Ihrem Arbeitsberater aufgerufen.«
Oh je. Ich wollte nichts Neues erleben. Womöglich sogar desorientiert durch die Straßen ziehen, um irgend etwas zu reparieren. Gewalt war doch keine Lösung und Arbeit war auch nur ein Puzzle für Schlafgestörte. 60.000 Teile Herbstlaub - zurück in die Kiste. Wie lange würde ich meine Freiheit noch genießen können?
Die folgenden 20 Minuten wartete ich auf dem Flur. Dort saßen überwiegend schwer zu vermittelnde Boulevardblatt-Leser und traurige, vor sich ins Leere starrende Jogginganzugträger. Hier und da ein aufgeweckt wirkender Arbeitsscheuer. Satt, verschlafen und antriebslos hingen wir auf den Stühlen. Deutschland war reich genug für uns alle. Die beschönigende Statistik sprach von 4 Millionen. Viel gab es auf dem Amt nicht zu sehen. Nur ein Hinweisplakat mit der fetten überschrift: »Wenn Arbeitslosigkeit droht...« Der kleingedruckte Text darunter handelte vom anstehenden Kleinkrieg mit dem Arbeitgeber und der Leistungsabteilung. Jemand hatte über das Kleingedruckte mit dickem Filzstift rübergeschrieben: »...erst mal Urlaub machen!« Um diesen Schmunzelwitz zu erfassen, mußte ich nicht unbedingt 20 Minuten vor dem Plakat verbringen. Eine ausgeruhte Bearbeiterin schritt an uns vorüber. Sie kannte ihre Pappenheimer und würdigte uns mit keinem Blick. Hoffentlich mußte ich nicht ausgerechnet zu ihr ins Zimmer.

Ich war unvorbereitet, hatte weder Bemühungsnachweise noch Zukunftspläne. Okay, ich bin ein Märchenerzähler, aber ob ihr das reichen würde? Aufgrund meines übermotivierten Auftretens beim letzten Mal hatte ich mir eingebildet, für eine Dreiminutenmeldung am Tresen ein weiteres Vierteljahr einzustreichen. War es nicht so, daß auf dem Arbeitsamt jede Niete gewann?
Ich wurde aufgerufen und mußte prompt zu ihr. Sicherlich wäre es ein Glücksfall gewesen, wenn wir uns beim ersten Mal nicht auf dem Arbeitsamt, sondern im Swingerclub begegnet wären. Ich nahm Platz und sagte traurig: »Guten Tag. Ich komme wegen dieser vierteljährlichen Meldung.«
Gleich würde sie mich nach meinen Bemühungsnachweisen fragen, worauf ich antworten würde: »Äh.« Ihr strenger Blick signalisierte mir, daß ich sie als verantwortungsvollen Eckpfeiler unseres Sozialstaates fürchten mußte. Ihre Worte umhüllten mich: »Haben Sie eine Stelle in Aussicht?«
»Äh.«
Wortlos verließ ihr Augenpaar den Computerbildschirm mit meinem tabellarischen Lebenslauf, um mich im nächsten Moment vermittels Blickkontakt auf meine Glaubwürdigkeit zu testen. Bisher hatte ich nichts Falsches gesagt. Ich drückte meine Wirbelsäule durch, löste meine gesenkten Augen von meiner Jacke auf meinem Schoß und sagte mit fester Stimme: »Ich verkaufe Jacken!«
Auf diese Antwort war sie in all ihren nützlichen Fortbildungsseminaren nicht abgerichtet worden. »Ja, ich fang an. Wahrscheinlich, äh, bei Freunden im Geschäft. Also Jacken und Schuhe, im Prenzlauer Berg gibt’s Geschäfte.«
Ihr Gesichtsausdruck pendelte wie ein Jojo zwischen ungläubiger Skepsis und wissender Ordnungswiederherstellung. »Und wann können Sie dort die Arbeitstätigkeit aufnehmen?«
»Weiß ick nich.«
Unaufgerufen trat ein Boulevardblattproletarier ins Zimmer. »Sie werden aufgerufen. Warten Sie bitte einen Moment!«
Ich war ihr lieber auf dem Amt als im Club. Schnell fand sie ihre Fassung wieder: »Ich gebe Ihnen eine Nebenverdienstbescheinigung mit. Kennen Sie sich damit aus? überlegen Sie sich das in Ruhe. Ansonsten sehen wir uns in einem Vierteljahr wieder.«
Sie war eine Proletendompteurin mit menschlichem Antlitz. Ihre herbstliche Traumfigur entspannte sich. Wir wünschten uns einen schönen Tag.