Tube: Ein relativ guter Deal
In jedem Auto ist für den Beifahrer ein zusätzliches Bremspedal eingebaut. Es ist unsichtbar, besteht aus Luft und zeigt keine Wirkung, wenn man drauf drückt. Auf dieses Pedal trat ich ständig, als ich einmal aus bestimmten Gründen in einem silbernen VW-Passat von Berlin nach Dortmund gefahren wurde. Daß er silbern war, spielt eigentlich keine Rolle, ein gelbes Auto hätte es genauso getan.
Wichtiger scheint es zu erwähnen, daß der Fahrer am Steuerrad blau war und ich kreidebleich. Daß ich kreidebleich war, ist womöglich auch von geringer Bedeutung, ich fand aber, daß es scheiße aussah, wenn ich mich im Rückspiegel betrachtete.
»Du siehst scheiße aus«, sagte der Fahrer zu mir.
»Du fährst zu schnell«, antwortete ich.
»Wieso?« fragte er. »Ich hab kein Schild gesehen, außer Messer und Gabel in zwei Kilometern.«
»Das bedeutet also«, versuchte ich ihm einen Bären aufzubinden, »daß in zwei Kilometern Besteck auf der Fahrbahn liegt und du deshalb langsamer fahren solltest.«
»Du willst mir doch einen Bären aufbinden«, antwortete er und fuhr schneller.
Der Fahrer des Wagens war Chef einer kleinen Computerfirma, in der ich ein kleiner Mitarbeiter war. Er war auch nicht wirklich besoffen, er fuhr nur so, als wären seine Sinne in einer anderen Welt. Da waren sie auch. Er hatte es eilig, Zeit war Geld für ihn. Und seine Sinne waren beim Geld, weshalb er zeitig in Dortmund sein wollte. Zu zeitig für meinen Geschmack.
Ein Unfall war das letzte, worauf ich Bock hatte.
»Ich hab keinen Bock auf einen Unfall«, sagte ich.
»Ich auch nicht«, antwortete er.
Wir rasten auf ein Auto zu, das vor uns auf der Überholspur dahinschlich. Ich trat auf das unsichtbare Bremspedal und kuppelt zuvor sogar ordnungsgemäß aus. Wir wurden schneller.
»He! Der steht fast«, warnte ich.
»Darum ja, der soll sich verpissen mit seiner lahmen Kiste«, sagte der Fahrer und bremste erst Millimeter hinter dem Fahrzeug ab und blinkte mit den Frontscheinwerfern wie ein Irrer.
»Das kann der doch gar nicht sehen, du bist zu dicht dran«, sagte ich.
Er sah es trotzdem und zog rüber auf die rechte Spur. Mit Daumen und Zeigefinger formte er ein Loch und zeigte es uns. Der Chef der Computerfirma grüßte mit seinem Mittelfinger zurück und gab wieder Gas, während ich wieder bremste - alles unsichtbar, versteht sich.
Mit diesem Auto auf ein anderes Auto zu fahren, hätte sicherlich verheerende Folgen gehabt. Die im Laderaum des Kombis gestapelten Computer hätten es sich nicht nehmen lassen, bei einem abrupten Abbremsen des Fahrzeugs ihre Geschwindigkeit beizubehalten. Angeschnallt waren sie nicht. So wären die Blechkisten über unsere Köpfe hinweg und durch unsere Köpfe durch und mit unseren Köpfen dann zusammen durch die Frontscheibe geflogen und hätten sich in der Heckscheibe des anderen Autos installiert.
Installiert werden sollten Computer allerdings irgendwo in Dortmund. Auf meine Hilfe war dabei nicht zu verzichten, weil ich gewisse Software dafür entwickelt hatte.

Das ist das große Los, das der Schreiber von Computerprogrammen gezogen hat. Er ist durch niemanden zu ersetzen, wenn er einige Grundregeln bei der Programmierung beachtet. Eine Regel davon lautet: Schreibe die Programme immer so, daß sie niemand versteht. Nicht einmal du selbst.
Das bringt den Erfolg, daß niemand die Programme erweitern oder von Fehlern bereinigen kann, weil niemand sie versteht. Allerdings glauben die Chefs von Computerfirmen immer, daß die Programmierer, die Programme geschrieben haben, sie verstehen müßten. Deshalb werden auch nur sie damit beauftragt, änderungen an der Software vorzunehmen. Da sie selber jedoch auch nicht genau verstehen, wie das alles funktioniert, kommen mit jeder änderung andere Fehler hinzu, für die wieder jemand beauftragt werden muß, sie zu beseitigen, was natürlich auch nur wieder der Programmierer selbst kann, was er aber eigentlich doch nicht kann, weil er sein Programm auch nicht versteht. So hat sich jeder Programmierer seinen Arbeitsplatz gesichert und kann auch noch seinen Stundenlohn diktieren.
Da ich also unersetzlich war und der silberne Passat für meinen Geschmack zu schnell fuhr, wobei die Farbe des Autos keine Rolle spielt, entschloß ich mich dazu, neue Gehaltsforderungen zu stellen.
Ich sagte zum Fahrer »Okay. Für alle Arbeiten, die ich in Dortmund durchführen werde, verlange ich einen Stundenlohn, der der durchschnittlichen Geschwindigkeit, mit der wir fahren, entspricht.«
Der Chef der kleinen Computerfirma machte eine Vollbremsung.
»Das ist doch nicht dein Ernst«, sagte er.
»Doch«, sagte ich.
Er lenkte das Auto zur Standspur und tuckerte mit Tempo 5 weiter.
Die Melodie des Musters im Straßenbelag war nicht zu hören, da die Frequenzen zu tief waren. In die Standspur sind immer Muster reingeschnitzt, auf denen die Reifen summen. Sie sind gedacht für eingeschlafene LKW-Fahrer, damit sie aufwachen, wenn sie von der Spur abkommen, und ihr Fahrzeug zurück auf die Autobahn lenken können, um wieder in Ruhe einzuschlafen, bis sie wieder auf die Standspur geraten.
Wenn man schnell drüber fährt, ergibt das einen lauten Summton. Ich finde, daß in diese Spuren richtige Melodien reingeschnitzt werden sollten. Das Lied vom Tod wäre beispielsweise passend. Aber auch ganze Symphonien wären möglich, oder gar Sprache ließe sich hineinschnitzen. Auf die Standspur das Gestöhne aus einem Pornofilm, davon wacht jeder Brummifahrer auf. Und auf die anderen Spuren könnte auch was rauf. Vielleicht Ansagen, wie: »Messer und Gabel in 2000 Metern.« Die alten, aus Platten zusammengesetzten Autobahnen hatten auch schon Musik drauf. Ta-Damm, Ta-Damm... Stupider Techno.
Ich sagte meinem Chef, daß es verboten sei, auf der Standspur mit Tempo fünf zu fahren und daß es eine gewisse Mindestgeschwindigkeit gäbe, die er auf der Autobahn einhalten müsse. Wenn er sich danach nicht richtet, würde ich die Polizei mit dem Handy über sein Verhalten informieren.
Er fuhr wieder schneller, dafür jedoch nicht mehr ganz so schnell, und ich hatte einen relativ guten Deal gemacht.