Daniela Böhle: Würstchen im Wald
Der große Mann in seiner steifen Uniform war früher einmal ein richtiger Bahnhofsvorsteher, damals, als die Welt noch in Ordnung war. Zehn Jahre nach der Wende fühlt er sich wie Gulliver. Er ist immer noch Bahnhofsvorsteher, aber alles ist geschrumpft, die Züge, die Bahnsteige und auch seine Azubis. Den meisten seiner Ex-Kollegen war es schlechter ergangen. Sie waren Alkoholiker geworden oder arbeitslos, manche beides zusammen. So richtig freuen kann er sich nicht, daß es ihm besser geht als seinen Ex-Kollegen. Er starrt auf die kleinen Trottel, die er ausbilden soll, diese winzigen Kindergestalten, die immer so aussehen, als seien sie beim Waschen zusammen mit ihrer Uniform eingelaufen.
Hier, in der Wuhlheide, dem Ostberliner Naherholungsgebiet, können Kinder eine Ausbildung bei den Berliner Verkehrsbetrieben machen. Nahe beim gleichnamigen S-Bahnhof stehe ich vor einem kleinen Häuschen mit dem ersten Auszubildenden. In seinem Mund sieht es aus, als wäre er der Aufbewahrungsort des Familiensilbers. Eine grausame Kieferorthopädin hat das Material von einem halben Dutzend Zahnspangen auf seinen Zähnen verklebt. Das Zahnklammeropfer nuschelt etwas. Ich verstehe ihn nicht und sage, ich hätte gern eine Fahrkarte. Er nuschelt wieder und ich sage, keine Ermäßigung. Wieder nuschelt er etwas, was ich nicht verstehe. Hin und zurück, sage ich. Er nuschelt und sieht ein bißchen verzweifelt aus. Mit zwischendurch aussteigen, bitte, sage ich. Er malt etwas auf einen Zettel und hält ihn von innen an die Scheibe. Möchten sie zu ihrer Fahrkarte noch eine Siedewurst? steht darauf. Nein danke, sage ich. Er nickt und beginnt, einen Fahrschein auszufüllen, der ungefähr einen halben Quadratmeter groß ist. Hinter mir warten inzwischen zwei Familien. Die kleine Dampflok fährt mit viel Getöse ein und der Azubi malt Buchstaben in die Felder meines Fahrscheins. Die Dampflok steht. Leute steigen aus. Die Familien hinter mir warten. Ich warte. Der Azubi malt Buchstaben in Felder. Die Sonne wandert weiter und ich sehe ihr beim Wandern zu. Der Azubi vermalt sich und fängt auf einem zweiten Fahrschein neu an. Die Familien warten. Ich warte auch. Als der Azubi mit Malen fertig ist, schaffe ich es gerade noch, ihm den Fahrschein zu entreißen und in einen der Waggons zu springen. Dann fährt die Dampflok ab.
Im Waggon sitzen ein paar Familien und Einzelpersonen. Ein Junge in Uniform hat einen Korb mit Süßigkeiten am Arm hängen und fragt jeden einzeln mit einer Stimme hart am Stimmbruch: »Möchten Sie etwas trinken oder essen? Eine Limonade oder eine Süßigkeit vielleicht oder ein paar warme Wiener mit Brot?«
Ich nehme ein Paar Wiener, weil ich möchte, daß er aus seinem Henkelkorb ein Paar warme Würstchen zaubert. Statt dessen aber klopft er vorne an den Waggon und die Dampflok kommt langsam zum Stehen. Der Junge schiebt die Türen auf, steigt aus, schiebt die Türen des zweiten Waggons auf, steigt hinten ein, ich sehe seinen Kopf verschwinden und wieder auftauchen, er steigt aus dem zweiten Waggon wieder aus, schiebt die Türen zu, steigt ein, schiebt auch in unserem Waggon die Türen zu und reicht mir ein Paar dampfender Wiener mit Brot. Ich habe Angst, ein Getränk dazu zu bestellen. Dann muß er möglicherweise bis zu dem Jungen mit der Zahnklammer zurück laufen.
Draußen sieht man Bäume. Schau mal, sagt ein Vater zu seinem Sohn, das ist ein ehemaliger DDR-Wald. Man sieht das daran, daß man so gut durch gucken kann. In der DDR durften die Wälder nämlich nicht so dicht sein, damit die Leute überwacht werden konnten. Der Sohn staunt.
Auf dem nächsten Bahnhof werden von einem etwa 10-jährigen Uniformträger gegrillte Bratwürste angeboten. Vom Waggonfenster aus sehe ich ein kleines Mädchen, das auf dem Bahnsteig steht. Es trägt eine so steif gestärkte Uniform, daß sie auch ohne das Mädchen stehen und die Kelle hochhalten könnte. Falsch herum, brüllt ein großer Mann, dessen Uniform ebenfalls ohne ihn stehen würde. Das Mädchen dreht verzweifelt die Kelle um, die nun grün zeigt, und die Dampflok fährt los. Der Lokführer hofft immer, daß die kleinen Azubis in ihrer Aufregung die Kelle falsch herum halten und angeschrien werden, dann ist was los.
Ich steige am nächsten Bahnhof aus. Hier werden Knakker verkauft. Ich wandere mit einem Rudel Familien die geteerten Wege entlang. Am nächsten Kiosk werden Bratwürste gegrillt. Am übernächsten werden Wiener mit Brot verkauft. Eltern schleifen ihre plärrenden Kinder an ihnen vorbei, weil sie nicht bereit sind, das zehnte Paar Wiener in einem bodenlosen Kindermagen zu versenken.
Ich feiere den fünfundzwanzigsten Kiosk, der mir entgegen kommt, und kaufe eine Bratwurst. Eine Familie hinter mir kauft zweimal Wurst und dreimal Eis. »Welches Eis ist denn für das kleine Mädchen«, fragt die Kioskverkäuferin. Sie macht das Eis nur halb so groß und es hat oben eine Delle. »Ich hab es für sie kleiner gemacht, so kann die Kugel nicht rausfallen«, sagt sie zu den Eltern. Zu dem Mädchen sagt sie: »Jetzt hast du ein ganz besonderes Eis, ein Eis mit Delle!« Das Mädchen nimmt das kleine Eis und fängt an zu heulen. Ich frage mich, ob die Kioskfrau dem Mädchen von einer Wiener in der Schrippe vorn und hinten die überstehende Wurst abgebissen hätte. Damit sie nicht abbrechen kann.
Im FEZ, dem gigantomanen Freizeitzentrum im Herzen der Wuhlheide, kaufe ich im ersten Stock eine Siedewurst. An der nächsten Haltestelle steige ich in die Dampflok, die gerade dort steht. Sie steht dort noch recht lange, weil der kleine Junge, der die Kelle präsentieren sollte, von Gullivers Kollegen angeschrien worden ist und einen Nervenzusammenbruch bekommen hat. Bis der Azubi ausgewechselt ist, stehen wir herum. Um uns die Zeit zu vertreiben, essen wir warme Wiener mit Brot, dann muß die Lok nachher nicht so oft anhalten.
Schau mal, sagt ein Vater auf dem Rückweg zu seinem Sohn, das ist ein ehemaliger DDR-Wald. Die Leute in der DDR hatten damals nicht genug Geld für einen richtig dichten Wald mit vielen Bäumen.
Ich beschließe, nächste Woche mit ein paar Freunden zurückzukommen, ein paar Eicheln, Bucheckern und Kastanien einzubuddeln und vielleicht die Kinder aus dem Straflager zu befreien.
