Jochen Schmidt: Anna Kournikovas große Liebe
Anna Kournikovas, die wegen ihrer zurückhaltenden Art überhaupt keine Freunde hatte, verbrachte ihre ganzen Ferien allein im Haus ihrer Großmutter damit, mit einer alten Bratpfanne Tischtennisbälle gegen die Wände zu schlagen, die wegen der Rauhfasertapete vollkommen unberechenbar zurückprallten und auch, weil sie als Tischtennisball nur eine überraschungseikapsel hatte, die sie bei Ljudmilla aus der 5a gegen ihren Zopf eintauschen mußte. In den Sommerferien ging bei ihnen im Dorf niemand aus dem Haus, weil sich draußen in Sibirien die Sonne schon am Morgen hinter dichten Mükkenschwärmen verdunkelte. Die Menschen waren blaß und blutarm und die ganze Stadt war voller roter Flecken, überall dort, wo jemand noch die Kraft aufgebracht hatte, eine fette, satte Mücke, die auf einer toten Ratte Mittagsschlaf hielt, zu erschlagen.

Auch in den anderen Häusern spielten die Kinder Tischtennis gegen die Wände, aber keines war so virtuos dabei wie Anna, die es schaffte, ihre überraschungseikapsel tagelang in der Luft zu halten. Wenn sie einen neuen Rekord aufstellte, war sie hinterher immer ganz abgemagert, weil sie vor Eifer nichts aß. Ihre Babuschka schüttelte nur noch den Kopf über ihre Enkelin, die, wenn man ihr die Bratpfanne einmal wegnahm, anfing, sich die Haare auszureißen. Offenbar brauchte Anna einen Freund.
Boris, der schon immer der Klassenclown war, weil er nie einen Witz verstand und ihn die anderen deshalb ständig auslachten, war in Anna verliebt, seit sie im Turnunterricht Bockspringen gehabt hatten und er bei ihr Hilfestellung geben durfte. Er fing sie auf und vergaß in der Aufregung ganz, sie am Boden abzusetzen. Er stand minutenlang mit ausgestreckten Armen da und hielt Anna, die verzweifelt mit Armen und Beinen wedelte, vor sich in der Luft. Ihre Schönheit hatte ihn überwältigt und erst, als sie schon ganz blau angelaufen war, setzte er sie ab und nahm seine Hände von ihrem Hals.
Obwohl ihr Boris im ersten Moment etwas unheimlich war, hatte sie sich doch sofort für diesen Jungen zu interessieren begonnen, der nicht wie die anderen war, und als die Schule im Herbst wieder losging und die blassen, von den Mücken ausgesaugten Kinder sich im kalten Klassenraum aneinander kauerten, fiel ihr auf, daß Boris noch blasser als die anderen war und sie erinnerte sich wieder daran, wie er den ganzen Sommer über vor ihrem Haus Wache gestanden und mit einem Stock gegen die Mückenschwärme gekämpft hatte.
In der großen Hofpause, die anderen lachten gerade wieder über Boris, weil er, um sich beliebt zu machen, versuchte, eine Rolle Klopapier aufzuessen, nahm sie ihn an der Hand und ging mit ihm raus nach Sibirien, wo sie so lange wortlos wanderten, bis sie sicher waren, daß sie nie mehr zurückfinden würden. Dann legten sich die beiden ins Moos und liebten sich, ohne darauf zu achten, daß es plötzlich Winter wurde, so daß Anna, weil sie nur ihr kurzes Sportzeug anhatte, über Nacht erfror. Als Boris sie am Morgen so liegen sah, deckte er ihren kleinen Körper mit ihrer alten Bratpfanne zu und weinte, bis sein Blick auf die überraschungseikapsel fiel, die immer noch in Annas Faust steckte. Er brach sie heraus und schaffte es mit letzter Kraft, sie zu öffnen. Taumelnd krabbelte eine halbtote Mücke aus der leeren Kapsel und setzte sich auf Boris’ Hand, um ihm gierig das letzte Blut auszusaugen, so daß er ohnmächtig wurde und für immer neben Anna einschlief.