Uli Hannemann: Der trojanische Rollstuhl
Bis hierhin war’s noch relativ einfach gewesen: Der Rollstuhl lag zusammengeklappt im Kofferraum, die Begleitperson saß auf dem Rücksitz und der Begleitete vorne neben mir. An der Einfahrt zum Hof der Kulturbrauerei sprang ich aus dem Taxi und schickte mich an, das halb offenstehende Stahltor vollends zu öffnen, als mir ein Uniformierter entgegenkam.
»Oh, oh«, dachte ich nur, während sein Gehirn sichtlich auf Hochtouren arbeitete - er brummte mit offenem Mund, um es zu kühlen, damit es nicht heißlief. Bit auf Bit schob sich nahezu im Minutentakt durch die Synapsen seiner Großhirnrinde, wie störrische und dennoch leistungsfähige Esel durch Verbindungstüren im Schlachthof. Nach dem Passieren der Synapsen stoben einige beiseite oder diffundierten durch die Kopfhaut ins Freie. Die meisten aber formierten sich zu blitzsauberen binären Oppositionen, die ihrerseits eine grazile Endinformation herausbildeten: Mann hier, Auto dort. Mehr Männer drin, Mann raus. Tor auf, Mann rein. Auto rein, mehr Männer rein. - Nicht erlaubt! Untersagt! Verboten!
»Sie können hier nicht einfach auf den Hof fahren«, sagte der Pförtner der Kulturbrauerei.
Ich hätte einen gehbehinderten Fahrgast im Auto, gab ich wahrheitsgemäß an, und müsse deshalb, bitteschön, auf den Hof fahren.
Tor auf. Trojanisches Auto rein. Männer raus. Plündern drin. Brandschatzen drauf. Vergewaltigen drüber. - Kulturbrauerei verteidigen! Tor zu! Männer draußen! Zinnen hoch! Siedendes öl runter!
»Wie? Behindert?«, sträubte sich der Wächter - und wo wir denn ganz genau hinwollten, als relativiere das jeweilige Fahrtziel den Grad der Behinderung.

Naja, Beine ab und zum russischen Kammertheater, murmelte ich verzagt, denn ich begann zu ahnen, daß hier ohne amtlichen Bescheid vermutlich gar nichts gehen würde. Ich kehrte zum Auto zurück, unterrichtete meinen Fahrgast über den Stand der Verhandlungen und fragte ihn, ob er seinen Behindertenausweis dabeihabe. Hatte er nicht.
In der Zwischenzeit war der Pförtner ans Taxi getreten. Eine verwirrende Flut ähnlich lautender Vokabeln füllte seine Synapsen bis an ihre Kapazitätsgrenzen: Simulant. Schauspieler. Lügner. Verbrecher. Hütchenspieler. Taschenspieler - Hütchentasche!
»Wie? Behindert?«, schnaubte er laut. »Und wieso Hütchentasche?«, wunderte er sich leise über die einzige Fehlschaltung seines ansonsten selbst unter dieser mörderischen Belastung glänzend funktionierenden Denkapparats. Wir Autoinsassen waren uns mittlerweile einig, daß es nur eine einzige Chance gab, unsere Legitimität zu beweisen: Wenn der Behinderte die Tür öffnen, hinaushüpfen, direkt vor dem Wärter mit der Fresse im Dreck landen und dergestalt seine Beinlosigkeit beweisen würde. Aber wahrscheinlich hätte der Pförtner sich daraufhin doch nur zu ihm herabgebeugt und nach seinem Behindertenausweis gefragt. Und dann hätte er, der Fahrgast, ganz alt ausgesehen: Den Torso im Staub, den Rollstuhl im Kofferraum, den Pförtner obenauf und dabei dem russischen Kammertheater keinen Deut nähergekommen.
»Sind Sie alle behindert?«, fragte der Pförtner nun überraschend, denn das bedeutete zumindest, daß er immerhin erwog, die eine Behinderung ohne amtliche Beglaubigung, d.h. allein vom bloßen Augenschein, anzuerkennen. Doch was im ersten Moment so sensationell wirkte, war letztendlich auch nur das Ergebnis eines präzisen Denkprozesses, der die semiotischen Einheiten: Gefährliche Männer draußen, minus gefährlichster Mann, minus zweitgefährlichster Mann - zwei gemerkt, eins im Sinn - ist gleich Zwischensumme: Drittgefährlichster Mann draußen, minus Beine - ist gleich: Ungefährlicher Mann draußen. Ableitung ist gleich: Ungefährlicher Mann drinnen mit Hilfe einfacher mathematischer Zeichen strukturierend verknüpfte und in genau diesem Gedanken zusammenfaßte.
Was wollte er? Daß sich der Behinderte ans Steuer setzte und wir anderen zu Fuß hinterherliefen, oder besser noch, in der Pförtnerbude als Geiseln warteten, bis eine mitleidige Seele unseren Mann zurückbringen würde? Bei der Automatik hätte zwar ein Bein zum Fahren genügt, doch da er gar keines hatte, wäre er, sofern er geschickt lenkt, mit Standgas durch die ganze Kulturbrauerei hindurch-, am russischen Kammertheater vorbei- und am anderen Ende des Geländes schließlich in die verschlossene rückwärtige Ausfahrt hineingeknattert.
»Sie fahren dann aber gleich wieder raus?«, entlarvte der Pförtner die ganze Diskussion im Nachhinein als paraphilosophisches Schattengefecht. Entweder wollte uns dieser Schöngeist schlicht und einfach verarschen oder er führte, um sich die Langeweile zu vertreiben, Statistik: Eine Liste mit zwei Spalten - links »dumme Fragen«, rechts »dumme Antworten« - mit der Option, eines Tages, nach seiner Pensionierung, einen Sammelband zu schreiben.
Rechtsseitig war noch Platz in der Statistik frei und gereizt schlug ich vor: »Nein, ich bleib für immer da! Ich montier die Räder ab, mach innen Gardinen ans Fenster und ein schönes kleines Feuerchen - dann hab ich ein kleines Häuschen, da müssen Sie mich unbedingt mal besuchen kommen!«
»Damit ist der doch völlig überfordert«, raunte der Fahrgast ängstlich, »reizen Sie ihn doch nicht noch mehr!« Er schien aus schlechter Erfahrung zu sprechen - wer weiß, wodurch er seine Beine eingebüßt hatte - und das machte ihn blind für unser kleines Spiel oder er hatte zumindest keinen Sinn dafür. Aus seiner Sicht hätte ich das auch gut verstehen können.