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Spider: Wie mir als Kind mal die Augen geöffnet wurden

Kurz vor meiner Einschulung empfahl eine Kindergärtnerin meinen Eltern, mir auf dem Schwarzmarkt eine Brille zu besorgen. Nicht aus modischen Gründen, ihr war aufgefallen, daß meine Augen ständig rot waren. Das stimmte, aber es lag daran, daß ich immerzu so viel weinte. Aber das behielt ich für mich. Als Kind machte ich nicht viele Worte. Aus Mißtrauen der Kindergärtnerin gegenüber entschieden meine Eltern sich gegen den Schwarzmarkt und für einen Augenarzt.

Der Augenarzt war in der Poliklinik Friedrichshain untergebracht, einem in meiner Erinnerung riesigen Komplex. Unzählige Behandlungszimmer für die verschiedensten Leiden und Siechtümer waren um eine gigantische Wartehalle herum angeordnet. Ich erinnere mich an Terrazzo-Fußboden und an Betonkübel mit Hydrokulturen; blütenlose Pflanzen, statt in Erde eingepflanzt in Kieselsteine oder in diese ulkigen Plastenadeln.

Ich verstand nie, wieso irgend jemand solche Pflanzen goß, wenn die doch nie blühten. Dickfleischige Blätter verstaubten im Neonlicht und trieben Luftwurzeln. Blüten, heißt es nicht so, Blüten sind das Lächeln der Pflanzen. Diese Pflanzen jedoch waren mürrisch und böse.

Den Warteraum zierte Wandschmuck. Gegenstände, die aus Kindern entfernt werden mußten, nachdem sie verschluckt worden waren oder in Ohren gesteckt oder in Nasenlöcher. Schnuller, Schlüssel, Uhren, Spielzeug, Batterien, Puppengliedmaßen. Alles hübsch geordnet, beschriftet und gerahmt an die Wand gedübelt. Dazwischen hingen Honecker, Stoph und Breschnew.

Ich hatte jedesmal furchtbare Angst davor, zum Augenarzt zu gehen, denn ich rechnete damit, früher oder später eine Spritze ins Auge zu bekommen. Doch der Arzt leuchtete einem bloß jedesmal mit einer Lampe in die Pupillen oder man mußte in geheimnisvolle Apparate hineingucken oder auf einer Leuchttafel immer kleiner werdende Bildchen erkennen. Ein Haus, eine Lokomotive, ein Stuhl, ein Haus, ein Hund, eine Lokomotive, eine Uhr...

Auf dem Heimweg machte meine Mutter auf eigene Faust weiter: »Erkennst du die Zahl auf der Straßenbahn dort?« Ich fragte: »Wo ist die Straßenbahn?«

Zum Augenarzt mußte ich wegen meiner roten Augen noch oft. Ich weinte vorher immer heimlich wegen der Angst, aber das bewirkte nichts, außer rote Augen. Oder vielleicht doch: Jedenfalls bekam ich keine Spritze ins Auge, ich bekam eine Brille.

Nun ist es so, daß wir seinerzeit im ressourcenarmen Ostdeutschland lebten. Aus altem Papier stellte man Schulhefte her, aus Schrott und aus Schulessen Schweinenahrung. Für Goldzähne mußten Familienerbstücke, meist Goldzähne, umgeschmiedet werden und für meinen Onkel Herbert hatte ein findiger Optiker Brillengläser aus den Füßen von zwei Biertulpen geschliffen.

Da ich in meinem damaligen Alter noch keine Biertulpen ausgehändigt bekam, mußte ich ein halbes Jahr auf meine Brille warten. Aber das Warten lohnte sich, nicht nur wegen der achromatischen Gläser aus Rathenow, sondern vor allem wegen des Rahmens. Was für ein grandioses Gestell! Jeden Fasching klebte ich mir einen Bart an und ging als Karl-Eduard von Schnitzler. Später wirkte sich das sogar positiv auf meine Zeugnisse aus.

Zeichnung von ©Tom

Natürlich hält auch die schönste Brille nicht ewig, wenn im Sportunterricht Boxen auf dem Stundenplan steht. In einer Schublade unserer Wohnzimmerschrankwand sammelte mein Vater kaputte Brillengestelle aus dem ganzen Stadtbezirk. So gelangen ihm die peinlichsten Reparaturen. Weil ich es bei einsetzender Geschlechtsreife leid wurde, mit unterschiedlichen Brillenbügeln herumzulaufen, versuchte ich, mir vom Augenarzt eine neue Brille verschreiben zu lassen.

Da ich längst lesen gelernt hatte, drückte der Arzt mir eine Karte in die Hand, die ich vorlesen sollte. Es ging nicht. Es waren solche komischen alten Buchstaben, wie sie von den Nazis verwendet worden waren. Die konnte ich nicht lesen. Aber das behielt ich für mich. Als Kind machte ich nicht viele Worte. Später entdeckte ich auf der Rückseite der Karte den selben Text mit richtigen Buchstaben. Doch da war es schon zu spät. Der Augenarzt hatte mir schon eine Brille mit geradezu wahnwitziger Dioptrienzahl verschrieben, da er mich für annähernd blind hielt. Natürlich war ich auch annähernd blind, aber nur, wenn ich diese utopische Brille aufsetzte. Nur auf ganz weite Entfernung konnte ich damit etwas erkennen.

Ich gewöhnte mir an, nachts auf das Dach unseres Wohnblocks zu steigen, und entspannte dort meine Augen, indem ich in den Himmel blickte, hinauf zu den Sternen. Dort, in der Ferne von Lichtjahrtausenden, entdeckte ich dank meiner Brille einige Dutzend bis dahin völlig unbekannte Sternensysteme. Etliche von ihnen verfügten über belebte Planeten, besiedelt von erstaunlichen Zivilisationen.

Niemand glaubte mir. Alle wollten es besser wissen, obwohl keiner eine auch nur annähernd so starke Brille hatte wie ich. Es war unglaublich: Ich war nur von Idioten umgeben. Sie konnten das alles gar nicht sehen, das begriff ich, aber sie wollten sich um nichts in der Welt helfen lassen.

In dieser Zeit begann mir aufzufallen, daß die meisten Menschen um mich herum ziemlich schrullig sind und, wenn man mal genauer darauf achtet, im Laufe der Zeit immer noch schrulliger werden.

Copyright: Spider

zuletzt verändert: 12.06.2006 00:07
erstellt von jero

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