Manfred Maurenbrecher: Gysi ist busy
Hier in Lichtenberg, Ecke Siegfriedstraße - den Autolärm? Hör ich schon gar nicht mehr. Aber da: dieses Knattern. Kann einen wahnsinnig machen. Das ist das Knattern der Blindenampel. Die knattert immer, auch wenn überhaupt kein Blinder zu sehen ist. Erst die ganzen Straßenumbenennungen, und am Ende ha’m sie dieses Ding installiert, als wenn die sagen wollten: Hier, wo die Stasi-Zentrale nur einen Steinwurf weit weg war, hier sind jetzt mal alle blind. Und damit ihr das nie vergeßt, wird’s hier knattern. Meine Enkelin sagt dann gern mal: »Stasi-Zentrale ... du lebst in der Vergangenheit, Opa.« Und ich antworte: »Ich lebe objektiv so weit draußen in der Zukunft, daß es in diesem ewiggestrigen System, an das wir angekoppelt worden sind, zwangsläufig wie die Vergangenheit aussehen muß. Und das ist Dialektik. Da kann man gar nichts gegen machen.«
Zum Beispiel die Amis - ich kann mir gut welche vorstellen, die jetzt subjektiv mächtig betroffen sind und erschrocken, was da eigentlich passiert ist mit ihren Welthandelstürmen - aber begreifen nicht, daß es eigentlich ganz in ihrem objektiven Interesse geschieht. Und deshalb denk ich manchmal schon, vielleicht waren sie’s ja sogar selbst. Und mit mir ist auch keiner solidarisch. Siehe die Blindenampel. Ich hab davon dem Kandidaten der Partei vor der Wahl gleich erzählt: Genosse, da müßt ihr was tun! Da muß zur Not der Gysi selber mal ran! - Was der mir geantwortet hat? Der schaut mich an, guckt rüber zu der Blindenampel, schaut wieder mich an und sagt dann: »Busy. Gysi ist busy.« Und ich glaub, ich spinne. Was ist denn das für ne Antwort? Ist doch zum Davonrennen. Aber typisch, daß die mit sowas hier Wahlen gewinnen.
Der war auch gar nicht von hier, garantiert. Das war ein Westimport, dieses Jüngelchen. Der ist ja schon zusammengezuckt, als ich ihn Genosse genannt hab. Ich frag den: »Was sagst du zum 11. September?«, und der flüstert was von friedlichen Polizeieingreiftrüppchen gegen den weltweiten Terrorismus. Und ich bleib ganz ruhig und sag dem: »Junge, der 11. September, das ist für mich immer noch der Tag, an dem der CIA den Präsidenten Allende und den Sozialismus weggeputscht hat, ’73 in Chile.« Da kann der nu’ überhaupt nichts mit anfangen. Starrt mich an mit dem gleichen Ich-glaub-mein-Handy-pfeift-Blick, den ich von meiner Enkelin kenne - die ich übrigens mit durchfüttere, weil der Jugend keine Ziele mehr geboten werden. Der starrt mich an, dieser Parteikandidat von der PDS, als wenn ich diese Anschläge in Amerika mit gemacht hätte.
Und ich bin wirklich kein Freund des Terrorismus, obwohl ich selbst Militär war. Und mir leuchtet sogar ein, wenn die Grünen neuerdings den Krieg als ein Mittel in der Politik für sich entdecken, daß wir dann ne Weile ruhig mal auf Pazifismus machen können, wir Sozialisten, aus taktischen Gründen - aber selber dran glauben an diesen Schmus muß ich doch deshalb noch lange nicht! Wozu ist dies Jüngelchen eigentlich da, frag ich mich, als ich den da rumstehen sehe mit seinen Flugblättern und seiner Betroffenheit, die ihn von keinem andern, der Sympathien einheimsen will, unterscheidet. »Sogar nachts knattert es«, schrei ich dem ins Gesicht, »sogar nachts, und da sind doch überhaupt keine Blinden unterwegs. Hier jedenfalls nicht!« - Busy. Gysi ist busy. Ich glaub, ich hör nicht recht. Und ganz typisch, daß die mit sowas heutzutage ihre Wahlen gewinnen.Und ich vermute, das ist dann auch ihr Untergang.
Meine Enkelin z.B., die hofft doch jetzt, die würden die Großen zurechtstutzen, wie sie sich ausdrückt, der neue Senat mit der PDS da drin, der würde bei der Oper kürzen und der Landesbank statt bei den Kitas und beim Seniorenschwimmen. »Von wegen«, lach ich ihr ins Gesicht, »die ha’m ihre Sachzwänge, die wer’n sich nicht anders verhalten als alle. Nur schlimmer, wart’s ab!« Da fragt sie ganz frech: »Und die Blindenampel? Wartest du nicht darauf, daß die Partei deiner Wahl die jetzt endlich mal abstellt, wo sie doch die Macht dazu hätte?« - »Nein«, sage ich und erteile ihr eine Lektion in revolutionärer Gelassenheit. »Ich erwarte das gar nicht. Wer in dieses System reingewählt wird, ist längst ein Teil davon. Und die Blindenampel, die erinnert dann einen wie mich daran, daß er hier niemals ankommen will. Und dafür ertrag ich sie gern.«

Einen Moment ist es still. Dann sagt sie - und ihr Kopf glüht vom Denken: »Subjektiv vielleicht. Subjektiv wirst du vielleicht hier nie mehr ankommen. Aber in Wirklichkeit - du mit deinem Abonnement bei der Stiftung Warentest - du mit deinen Berechnungen zur Riester-Rente - du mit deinen Schnäppchenfahrten nach Polen und deiner Ernst-Busch-Liedersammlung auf selbstgebrannten CDs, aus dem Internet rausgeholt ... also wirklich, Opa, in Wirklichkeit, und in deinem objektiven Interesse...«
Und ich könnte sie knutschen! Inhaltlich natürlich völliger Blödsinn, was sie da daherredet, aber vom Denken dahinter: die gute alte geschulte materialistische Dialektik. Ob sowas vererbt wird? Das hat sie von mir. Da ist etwas, das mich noch überlebt. Und mir wird leicht zumute und frei, und ich tanze durch die Wohnung - ich fühl mich busy. Busy wie Gysi. Ich glaub, ich schwebe. Ich kann sogar kurzzeitig sowas wie ne Weltinnenpolitik vor mir sehen.
Und sie sagt: »Paß bloß auf, daß du nicht mal so landest wie dieser peinliche dicke Rezzo Schlauch von den Grünen!«
Und ich sag: »Zu meiner Zeit sind die Mädels mit 18 von Zuhause ausgezogen!«