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Falko Hennig: Radiologie

In einer Dreiraumwohnung, da sind meine fünf Kinder groß geworden, wir waren glücklich gewesen. Links ist die Balkontür, sa’ick immer: Könnse durchgehen. Storkower Straße, da war ich glücklich, da will ick auch sterben. Fünf Kinder und 14 Enkel hab ick«, sagt die eine ältere Dame, die zweite liegt im Bett daneben, sie murmelt etwas Anerkennendes, die erste fährt fort: »Nächstes Jahr, der 70., würde ich am liebsten wegfahren. Da können Se sich vorstellen, was bei mir los ist, wenn die alle kommen. Aber sehr diszipliniert, wenn die Stühle alle sind, setzen sie sich auf’n Bierkasten. Wo waren Sie her?«

»Oschersleben, wenn’se das kennen? Eine Küche, ein Zimmer, ein Bad. Mein Garten hatte 1000 Quadratmeter, da war viel zu tun, ham’wa aufgegeben, ein zweiter Haushalt kostet ja so viel. Was ich mir nur noch vorstellen könnte, ist ein Wohnmobil, Dusche, Küche, alles drin.«

»Wo wohnen Sie?«

»Weißensee!«, sagt die zweite und beschreibt die Lage ihrer Straße.

»Ah, den Friedhof kenne ich, da liegen meine Schwiegermutter und mein Mann. Mensch, mir brennt der Po, brennt Ihnen nischt? Na Sie haben noch ’n bißchen mehr Speck drauf.«

Die zweite Dame verteidigt sich: »Meine Ärztin sagt, ich soll nicht abnehmen, das sei alles Quatsch. Meine Mutter rennt noch wie ne Biene.«

Zeichnung von ©Tom

»Muß doch über 80 sein.«

»87, aber macht noch alles, Straße fegen und so.«

»Noch alte Schule. Meine Mutter ist natürlichen Tod gestorben, mit 80.« »Da sind wir ja schon hingeköppte Menschen. Kennen Sie den einbalsamierten Menschen in Kahlbutz? So sieht mein Bruder aus, hat spät im Alter Zucker gekriegt. Die Frau an Brustkrebs gestorben, aber seine Wohnung, da könnte sich manche Frau ne Scheibe abschneiden.«

»Wo isses?«

»Oschersleben, Schöningen, vor der Grenze.«

»Ick hab ja keen Auto, nicht mal ’n Handwagen, Kinderwagen ooch nicht mehr.

Mein Schwiegersohn wird demnächst 60, da muß ich wieder hin. Ja, die Jahre vergehen.«

Zustimmend grunzt die andere.

»Ich könnt jetzt ne schöne Tasse Kaffee trinken und ne Zigarette. Man muß nur nicht dran denken, dann geht das wieder, deshalb nehm ick mir auch immer was zu lesen mit. Heut abend geht wieder das Telefon, mein Jüngster.«

»Bei welchem Doktor waren Sie?«

»Ick war damals bei dem Brandt mit dem Zopf in Hohenschönhausen, jetzt hab ick den hier auch gesehen, hat mir damals diese Platte eingesetzt.« Sie stöhnt und ächzt: »Ick kann nicht mehr liegen. Bei drei Wochen, ick hab jedacht, ick hab keen Kreuze mehr, ick dachte des bricht. Das hat alles mit der Durchblutung zu tun. Eine Zeitlang geht’s immer, sogar tanzen. Letztet Jahr haben se mich mit nach Italien genommen. Hab ick gesagt: Geht! Ick hab für heute jenuch Schmerzen jehabt.«

Gleichmäßig rauscht die Klimaanlage, zwischen den Lamellen der grünen Jalousien sind vor dem grauen Himmel Schlote, ein Glaspavillon sowie verschiedene Alt- und Neubauten zu sehen.

»Wann bin ich hier reingekommen, halb zwölf? Ich war für um zehn bestellt, halb elf war ich drin. Hab gar nicht richtig auf die Uhr geguckt. Ich warte, bis ich dran bin. Dasselbe Theater wie beim letzten Mal.«

»Hämmert dit bei Ihnen ooch so in der Schlagader? Mein Schieber rutscht weg.«

»Was für ein Schieber?«

»Na wo die Beine drin sind.«

»Nee, ick spüre nichts.«

Copyright: Falko Hennig

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero

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