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Ahne: Der Sieger

Auf dem Spielplatz am Teutoburger. Der böse Junge mit seiner 007-James-Bond-Pistole zielt auf meinen Kopf. Is aber bestimmt keine echte. Er muß eben mal seine Aggressionen ausleben. Wahrscheinlich ist er in Wirklichkeit sehr traurig. Wahrscheinlich. Wenigstens spuckt er uns nicht an. Das hat er nämlich auch schon gemacht. Zwar nicht mich, aber einen anderen, einen Mann, der sich erdreistet hatte, ihm zu sagen, er solle nicht immer die Kleinen mit Sand bewerfen. Da ist der böse Junge einfach auf zwei Meter rangekommen und hat ihm volle Kanne ne Ladung Aule verpaßt, mitten ins Gesicht. Ich hab nicht schlecht gestaunt. Wie traurig muß so ein Kind sein, wenn es in der Lage ist, einen erwachsenen Mann so zu demütigen. Der Typ war echt verblüfft. Er schaute sich hilfesuchend um, aber im weiten Rund war niemand, mit dessen Beistand er rechnen durfte. Alle schienen nur gespannt auf das, was weiter passieren würde. Würde der Nickelbrillenträger ausrasten, sämtliche Grundsätze seines Sozialpädagogik-Studiums über Bord werfen und sich auf den traurigen, bösen Jungen stürzen? Der Kampf des alten gegen das neue Berlin hatte begonnen.

»Ey«, sagte der Mann, »spinnst du?«

»Wieso?« antwortet der böse Zwerg.

»Sag mal, hast du ne Macke?«

»Nö«, der Kleine grinste.

Ich überlegte mir, wie ich wohl reagieren würde in so einer Situation. Mir fiel auf die Schnelle nichts ein. Abhauen vielleicht? Einfach gehen. Sich davonschleichen wie ein begossener Pudel. Davon ausgehen, daß in einer Großstadt wie Berlin man keinen der Anwesenden so schnell wiedertrifft. Im Getümmel verschwinden. Sich im Hinterhof einer Mietskaserne heimlich die Brille putzen. Das Gemisch aus Tränen, Angstschweiß und Rotze aus dem Gesicht wischen mit einem Zellstofftaschentuch aus der Zellstofftaschentücherpackung, die doch noch hinten in der Hosentasche drinstecken müßte. Und dann ab zum Gesichtschirurgen. Neues Gesicht verpassen lassen. Neuen Körper am besten auch gleich. Gehirnwäsche? Logisch. Wozu gab’s denn die ganzen Sekten?

Na bitte. Jetzt war der Typ endlich aufgestanden. Wahrscheinlich zöge er gleich sein Messer. 1A Schweizer Taschenmesser aus der Schweiz von seiner letzten Schweizreise. Endlich war dis mal zu was nütze. Nein. Machte er nicht. Er schnappte sich den Buddeleimer seines nach wie vor unbeschwert im Sand vor sich hin spielenden Kindes und...

Wollte der jetzt den traurigen Rüpel mit dem Buddeleimer verhauen? Der grinste immer noch. Einige Zuschauer begannen zu tuscheln. Vielleicht schloß man Wetten ab. »Zehn Euro auf den Schwaben, die sollen ja eh nur impotent machen, also nicht die Schwaben, sondern die Zehn-Euro-Scheine. Stand inner B.Z.« Könnte sein. Also es könnte sein, daß sie Wetten abschlossen. Sicher war ich mir da nicht. Aber was ist heutzutage schon noch sicher. Sicher ist nur der Tod. Na, die James-Bond Pistole wird schon nicht echt sein.

Der Typ also mit dem Buddeleimer. Mußte ja kein Schwabe sein. Immer kriegten alles nur die Schwaben ab. Vielleicht war er sogar hier am Teutoburger Platz geboren. Vielleicht war er damals einer von denen, die Kaiser’s Kaufhalle ausgeraubt und abgefackelt hatten. Vielleicht isser aber auch aus der rechten Szene ausgestiegen mit diesem >Exit<-Projekt von dem Innenminister, dem mit dem komischen Haarschnitt, der mal früher bei der RAF war und der jetzt unser Boot nicht zu voll werden läßt. Damit dis nicht kentert. Könnte ja kentern. Kommt auf dis Boot drauf an. Gibt ja auch so Einer-Kajak-Boote. Da paßt nur einer rein. Jeder weitere is da zu viel. Na, jedenfalls, wenn der aus der Nazi-Szene ausgestiegen war, der Schwabe, dann hatte er jetzt bestimmt Angst davor, wieder einen Rückfall zu kriegen. Dis sind ja gerade so’ne Situationen, die gar nich mal unbedingt was mit Ausländern zu tun haben müssen. Man kennt dis ja aus dem Osten. Da, in den Dörfern, da gibt’s ja auch oft keine Ausländer. Da is der Auslöser manchmal einfach ’n offener Schnürsenkel und dann tritt man dann auf den drauf, stolpert, fliegt mit der Fresse voll rein in die Jauchegrube, schon isses passiert.

Zeichnung von ©Tom

Gerade ein Pubertierender kann sich oft nicht eingestehen, daß er selber den Schnürsenkel nicht zugebunden haben soll. Oder daß der einfach von alleine aufgegangen ist. Ein Schuldiger wird gesucht. Alles klar! Der Tölpel wird Rechtsextremist. Daran dachte der Schwabe jetzt unter Garantie, wie er da so gespannt den Buddeleimer seines Sohnes in der Hand hielt. Vielleicht hatte er sich auch schon Argumentationsketten zurechtfrisiert: >Kleiner Junge, der spuckt, spuckende Kinder? Gab’s da nich auch mal ’n Gedicht von Joachim Ringelnatz, und hieß dis nicht Afrikanisches Duell? Ah, die Neger wieder.< Konnte schon sein. Is nicht wahrscheinlich, aber konnte schon sein. Obwohl ich natürlich gar nicht weiß, ob der Nickelbrillenträger überhaupt je rechtsradikal war. Weiß ja noch nich mal, ob er Sozialpädagogik studiert hat. Vielleicht war er nicht mal Schwabe. Dann hatte er jedenfalls seinen Sproß gepackt. Guckte sich nochmal um. Fast war ich versucht, ihm zuzuwinken. Er war mir irgendwie sympathisch geworden. Direkt ans Herz gewachsen. >Wird schon!<, versuchte ich ihm zu suggerieren, als er sein Gesicht abwandte und sich zum Gehen anschickte. >Wird schon werden!< Der Verlierer verließ den Platz. Der Sieger guckte triumphierend in die Runde. Der böse Junge. Der traurige Junge. Der Sieger. Das Kind.

Und heute zielt er nun mit seiner James-Bond-007-Kanone auf meinen Kopf. Na, wird schon keine echte sein.

Copyright: Ahne

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero

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