Dan Richter: Brich die Tradition!
»Brich die Tradition«, hatte Elli mir letztes Jahr am ersten Advent empfohlen. »Ist doch klar, daß es dich annervt, wenn du Weihnachten immer bei deinen Eltern feierst. Wir laden Freunde ein, und deine Eltern können natürlich auch kommen.« Ich gehorchte Elli. Wir waren ja erst vier Wochen zusammen, da bemüht man sich noch.
Zwanzig Freunde lud ich ein. Zwanzig Freunde sagten zu. Und am 23. Dezember hatten 19 von ihnen wieder abgesagt. Nicht abgesagt hatten Ina und meine Eltern. Elli lag bei sich zu Hause mit Grippe im Bett und ließ sich von ihrer Mitbewohnerin pflegen.
Am Morgen des 24. Dezember zerrte ich den viel zu großen, regennassen Weihnachtsbaum vom Balkon und malte mit ihm eine schöne Spur aus Wasser, Dreck und Kiefernnadeln auf meinem Teppich. Wohin damit? Ah ja. Am besten in die Fernsehnische. Ich lehnte den Baum an die Wand und bugsierte den Fernseher ins Schlafzimmer. Dort angekommen, hörte ich von nebenan einen Knall. Meine Vermutung, daß Computer und Monitor, wenn sie von einem Nadelbaum zu einem Fall aus 1 Meter 20 Höhe gebracht werden, nicht mehr zu gebrauchen sind, erwies sich als korrekt. In der Hoffnung, daß ich während der Feiertage die Daten von der Festplatte retten könnte, verstaute ich den Elektronikschrott in drei Kartons. Als ich den Baum in die Fernsehnische hielt und feststellen konnte, wie schön er doch dorthin passe, hatte ich das Gefühl, daß etwas fehlt. Ich überlegte: Lametta? Elektrokerzen? Kugeln? - an alles hatte ich gedacht. Erst als ich diese Utensilien aus dem Keller holen gehen wollte, fiel mir auf, daß es der Ständer war, den ich zu besorgen vergessen hatte. Und im Jahr 2000 fiel der Heiligabend leider auf einen Sonntag. Drei Stunden später hatte ich circa zehn äste der Kiefer durch Angelsehne mit verschiedenen Möbelstücken verbunden. Der Baum stand - und wackelte nur, wenn man sich nicht vorsichtig schleichend durch die Wohnung bewegte. Ich war gerade mit den letzten Lamettadekorationen beschäftigt, als es an der Tür klingelte. Draußen stand ein Irokese mit Schäferhund und Bierbüchse. »Hey, ick bin Pocke, ’n Freund von Ina, die hat jesacht, du machst hier ne Party.« Mein zögerliches »Ja« war für ihn Anlaß genug, mitsamt Hund zielsicher in die Küche zu gehen, den Kühlschrank zu öffnen und den Bierschinken an seinen Hund zu verfüttern.
»Ähm, Pocke, würde es dir etwas ausmachen, wenn du...« Es klingelte wieder. Mein Gebet, es würde Ina sein, und nicht meine Eltern, erhörte das Christkindlein an seinem Geburtstag nicht. Hätte mich auch gewundert. »Frohe Weihnachten! Du hast ja noch Lametta auf der Schulter«, rief meine Mutter und küßte mich.

»Soll ich den Kartoffelsalat in den Kühlschrank...« - »Nein! Geht ruhig ins Wohnzimmer durch. Aber duckt euch bitte unter der Angelsehne.« Da meine Eltern meinen Humor nicht verstehen, halten sie alles, was sie an mir nicht verstehen, für meinen Humor, den sie ja nicht verstehen. »Ha, ha, Angelsehne!«
Es war meine Mutter, die gegen die Angelsehne lief und den Weihnachtsbaum mitriß. Es war mein Vater, der unter dem Baum begraben wurde. Und es war Pockes Hund, der als erster versuchte, meinem Vater zu helfen.
Es dauerte bis Juni, bis meine Eltern wieder mit mir gesprochen haben. Es dauerte bis Mitternacht, bis ich Pocke überredet hatte, endlich meine Wohnung zu verlassen. Und es dauerte bis Silvester, bis ich mir sicher war, daß die Hoffnung, auch nur eine Datei von der Festplatte des zerbrochenen Computers zu retten, trügerisch gewesen war.