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Andreas Scheffler: Am Anfang war Erziehung

oder: Vielleicht hat Alice Miller doch Recht

Selbst ohne persönliche haushaltswirtschaftliche Erwägungen und die daraus folgende Einsicht in die Notwendigkeit, mich einschränken zu müssen, wäre ich ein sparsamer Mensch. Ich bin so erzogen worden. Meine Eltern haben 1966 ein Haus gebaut beziehungsweise zwangsweise größtenteils bauen lassen, was ja bekanntlich ganz schön ins Geld geht. Vater war normaler Arbeiter, Mutter Hausfrau. Trotzdem kann man sagen, daß meine Eltern relativ wohlhabend sind. Und das aufgrund von pathologischer Sparsamkeit. Kino, Theater, das gab es nicht. Essen gehen war höchstens mal am Hochzeitstag drin. Wenn wir in Urlaub fuhren, Mutter, Vater und drei Kinder, abwechselnd nach österreich und Jugoslawien, dann wurde ein Doppelzimmer gebucht und die drei Jungs schliefen auf Luftmatratzen auf dem Fußboden. Bei den Reisen nach Jugoslawien wurde im übrigen durchgefahren, sonst hätte man sich ja eine übernachtung leisten müssen. Trotzdem kam es bei den Urlauben vor, daß wir essen gingen. Wir Kinder schämten uns schon damals, wenn Vater zehn oder höchstens zwanzig Pfennig Trinkgeld gab.

Ich habe nie ein gekauftes Fahrrad besessen. Aus unerklärlichen Gründen fanden sich immer mal wieder in Waldstücken, am Flüßchen Dalke oder sonstwo am Wegesrand Fahrradwrackteile, die mein Vater zu ordentlichen Gefährten zusammenbaute. Vater war gelernter Schlosser, konnte aber handwerklich so gut wie alles. Wenn im Haus etwas kaputt war, mußte, außer bei der Heizung, nie jemand gerufen werden. Selbständige Handwerker sind nämlich Halsabschneider, denen auf keinen Fall Geld in den Rachen geworfen wird. Diese Auffassung mache ich mir heute noch gelegentlich zu eigen.

Vater arbeitete damals im Hallenbad. Wir Kinder durften umsonst rein. Es war also nicht notwendig, zu Hause zu baden außer am Samstag, dem traditionellen Badetag. Wieder was gespart. Für das Freibad im Sommer wurde ein Kärtchen angefertigt mit der Aufschrift Hallenbad. Scheffler. Dieses sollte an der Kasse vorgezeigt werden, um die eine Mark fünfzig Eintritt zu sparen. Das war mir allerdings so peinlich, daß ich es meistens nicht getan habe.

Im Hallenbad vergaßen Badegäste häufig ihre Shampoos. Zu Hause hatten wir folglich Plastikflaschen mit einem zusammengekippten gelb-grün-blauen Mix. Ich kann mich nicht erinnern, daß jemals Shampoo gekauft wurde. Im Hallenbad wurden auch oft Uhren vergessen. Badehosen ebenfalls.

Es wurde von meinen Eltern übrigens niemals befohlen, pro Toilettengang maximal vier Blatt Klopapier zu verbrauchen; ich war selbst so auf’s Sparen konditioniert, daß ich mir eigengedanklich diese Restriktion auferlegte. Und das, obwohl unser Klopapier im Hallenbad abgezweigt wurde. So geht es zu im öffentlichen Dienst.

Wir waren selbstverständlich eine Aldi-Familie. Der Kaffee war Albrecht Gold, die Cola war River und die Milch war H. Gemüse gab es jede Menge aus dem eigenen Garten. Und zu besonderen Anlässen wurde ein Kaninchen geschlachtet, hin und wieder auch mal eine Flasche Asti Spumante aufgemacht. Wir Kinder leisteten uns gelegentlich eine Flasche Sangria, später dann heimlich auch mal Zaranoff, ein nach meinem jetzigem Empfinden widerlicher Wodka.

Heute gehe ich schon mal essen. Und ich gehe auch in Kneipen, gar nicht mal so selten. Ich spende Schnorrern regelmäßig eine Mark oder eine Dose Hundefutter. (Mein Vater wäre lieber gestorben, ehe er Bettlern Geld gegeben hätte. Wenn bei uns ein Landstreicher klingelte, bekam er von Mutter ein Butterbrot und eine Tasse Tee.) Manches aber habe ich beibehalten. Ich bade erst, wenn ich anfange zu riechen. Ich werfe alte Papierblätter mit leerer Rückseite nicht weg, sondern mache daraus Notizzettel. Zahnpastatuben werden an der Tischkante entlanggezogen, bis auch der letzte Rest heraus ist. Eine Kaffeetasse muß nicht jeden Tag abgewaschen werden. Schließlich kommt immer wieder Kaffee rein. Auch die Sache mit den vier Blatt Klopapier versuche ich einzuhalten.

Aber eines in Bezug auf Sparsamkeit macht mich nachdenklich: Ich trete gerne auf; ich lese gern was vor; es ist der schönste Beruf, den es gibt. Und ich freue mich natürlich auch über die Honorare anschließend, oder die Spenden. Aber das Beste bei den Auftritten sind neben dem Applaus die Freigetränke. So bin ich drauf.

Zeichnung von ©Tom

Copyright: Andreas Scheffler

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero

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