32/2003
Eine Ebene höherHinark Husen rüttelt erfolgreich am Zaun des Kanzleramts, und darf dem Gerd aufs Hinterhaupt sehen, Volker Strübing wird in 4000 Metern Höhe aus einen Flugzeug geschubst und berichtet vom Leben nach dem Tod. Soweit die ganz großen Geschichten, dazu gibt es, wie immer, kleine Geschichten über Rosen (Ahne), Wurst (Bov Bjerg), einen Sack (J. Witte) und ein Hexenspiel (Tube). Das Sonderthema Familie, wie es dazu kommt, und wohin das führt beleuchten Daniela Böhle (Onkel Peter), Bohni (England-Schweden), Thilo Bock (Was man halt so sagt) und Bettina Andrae (Lenchen). Daß es aber nicht soweit kommen muß, beweisen Sarah Schmidt (Frau, Mann, Tresen) und Jochen Schmidt (Ich will kein Kind von mir). Weitere neue Autoren in diesem Salbader: Robert Weber, Ilja Hübner, Heiko Werning und Micha »Taxi« Ebeling. Viel Freude beim Entdecken. Illustrationen mit Kurt Vonnegut von Rattelschneck.
Vorwort
Hier spricht die Salbader-Redaktion mit ihren Lesern. Die Kunst des Salbaderns in Reinkultur. Wir lieben unsere Leser. Lieben Sie uns zurück...
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Die aktuellen Kurznachrichten. Ein Häuflein Häppchen, Pointen und Begebenheiten. (Für den schönen Titel bedanken wir uns beider leider viel zu früh verstorbenen Zeitschrift KOWALSKI)...
Hinark Husen: Reingekommen
»Wollt ihr reinkommen!«, schallt aus Schröders Munde zu uns herunter. Ich schaue in das Gesicht meiner Kollegin, das rot anzulaufen beginnt, die Kinder schauen mich fragend an und ich höre mich sagen: »Der Kanzler fragt, ob wir reinkommen wollen?« Ein vielstimmig begeistertes »Jaaa!« echot über den Platz, Brygida beginnt hysterisch zu kichern...
Ahne: Überall blühen Rosen
Autos fahren langsam auf der Oranienburger Straße. Eines hält bei der Prostituierten. Kurzes Gespräch, sie steigt ein. Der Insasse ist aufgeregt. Wie wird es wohl werden? Er macht es zum ersten Mal. Will sie einladen, bei sich zuhause zu einem Kaffee...
Horst Evers: Düsseldorf
»Na, Sie sehen so aus, als wenn Sie sich nicht auskennen, und da dacht ich, frag ich, ob ich helfen kann, is doch normal.« »Ja. Normal. In Düsseldorf. Klar. Ich, äh, ich brauch eine Zeitung, mit Immobilienteil, ich würd gern hierherziehen.«...
Sarah Schmidt: Frau, Mann, Tresen
Er bestellte Bier und in seinem Kopf ratterte es, oder nein, das stimmt nicht, da konnte nichts mehr rattern, nur noch kleine Gedankenblasen stiegen auf: »Da Frau! Ich Mann! Hier Tresen! Muß was sagen, muß unbedingt was sagen!«
Andreas Scheffler: Freibäder sind Schicksalsorte
Das Freibad ist das Revier der Jugend. Hier finden ungeschickte Annäherungen statt. Hier sollen Körper in aufkeimendem Glanz erstrahlen. Erste Hautkontakte werden vollzogen. Wer Karin den Rücken eincremen darf, ist König, wenn sie dabei kurz ihren Bikiniverschluß auf macht, Kaiser...
Volker Strübing: Mein Leben nach dem Tode
Auf den erste Blick unterscheidet sich das Leben nach dem Tode nur durch eine einfache Urkunde vom Leben davor. Ich muß es wissen. Ich bin schon mal in 4000 Meter Höhe aus einem Flugzeug geschmissen worden und so was überlebt keiner...
Jürgen Witte: Der Sack auf der Bank
Plötzlich war er da. Der Sack, er stand auf der Bank, als hätte ihn jemand dort nur kurz mal abgestellt. Kritisch beäugten von den Vorbeigehenden. Ein Sack. Auf der Bank - ganz allein. Ein herrenloser Sack.
Bov Bjerg: Recherche
Karfreitag, und Mutter war zur Kirche gegangen. Ich hatte Fieber und durfte nicht mit. Bruder und Schwester mußten nicht mehr mit, seit sie die Firmung hinter sich hatten und im Handelsverkehr mit dem Teufel als voll geschäftsfähig galten...
Andreas Kampa: England - Schweden
»Welche sind denn Unsere?« frage Oma. »Schweden.« Welche Unsere sind, war für meine Oma noch nie eine einfache Frage gewesen. Genau wie ich, wurde sie in einem Land geboren, das heute nicht mehr existiert. Es hatte wie ein Fußballspiel geklungen: Österreich-Ungarn...
Tube: Das verflixte Hexenspiel
»In der Anleitung steht, daß es nur zwei Möglichkeiten gibt, die Karten richtig anzuordnen.« Sie holte einen Zettel hervor, auf dem stand, dies sei die Anleitung zum »Verflixten Hexenspiel« zu dem es nur zwei Lösungen gebe. »Aha. Ein blödes Puzzlespiel. Kinderkram. Nichts weiter.«...
Bettina Andrae: Lenchen
Mißmutig stand er neben dem Stuhl, auf dem seine angetraute Leiche saß und überlegte, warum sie eigentlich nicht mit in die Flitterwochen gekommen war. Vielleicht hätte er sie fragen sollen. Aber die besten Ideen kamen einem bekanntlich immer erst im Nachhinein...
Daniela Böhle: Onkel Peter
Mein Onkel Peter sagte, er sei in den Vorruhestand versetzt worden, meine Mutter sagte, sie haben die Pfeife gefeuert, es wundert mich, daß sie das nicht schon viel früher getan haben...
Jochen Schmidt: Ich will kein Kind von mir
»Willst du mal schieben?« »Doch nicht hier, vor all den Leuten.« An der Ecke versuche ich es doch mal, obwohl es ein altmodischer Kinderwagen mit vier Rädern ist. So einen würde ich mir nie kaufen, wo es doch jetzt diese mit drei Rädern gibt, mit denen man auch joggen gehen kann. Immer wenn wir einem anderen Mann mit Kinderwagen begegnen, hupe ich und grüße mit der Hand wie ein Busfahrer...
Thilo Bock: Was man halt so sagt
Sie guckt mich total verdattert an: »Was´n das jetzt?« Und ich: »Sanne, ich lieb dich echt mehr als mein Leben, kannste mir glauben!« Und sie grinst nur und sagt: »Wo haste den Spruch denn aufgeschnappt?!«...
Robert Weber: Wie ich einmal eine berühmte Schauspielerin fickte, dann aber doch nicht
Das, was nach ihrer Schauspielschule von ihr übriggeblieben war, ist nach dem Strassberg-Workshop verschwunden. Entweder bereitet sie sich gerade auf eine Rolle vor oder sie bereitet sich gerade von einer Rolle weg. Wenn sie mittendrin ist, ist sie sowieso nicht ansprechbar. Die Menschen um sie herum sind Filmkameras...
Uli Hannemann: Knüllsau
Typisch für meinen Beruf ist diese archaische Form der Entlohnung: Sobald ich mit einem Fahrgast fertig bin, nehme ich ihm dafür Geldscheine weg. Die Scheine stopfe ich mir in die Hosentasche, die schnell prall und praller wird...
Andreas Gläser: Zeugnisse raus
Wir arbeiteten alle zwei Wochen einen halben Tag lang. Mit der Jugendweihe wurde die Kinderarbeit legalisiert. Unser PA-Leiter war ein verknöcherter Blau-Mann aus diesem Betrieb. Billiger Fusel schien sein alltäglicher Trost. Klarer Juwel, blauer Würger, Blindpesenbeschleuniger...
Ilja Hübner: Berlin ist eine Stadt für Jungs mit starken Nerven
Er ging rüber zur Post. Er mußte noch einen Brief an seine Eltern aufgeben. Den hatte er letzte Nacht geschrieben und sie beruhigt, daß es ihm gut gehe und er in der großen Stadt Berlin die Nerven behielt. Macht euch keine Sorgen, hatte er geschrieben, ich komme zurecht, Euer Sohn...
Heiko Werning: Gladys
Der Berliner »Tatort«. Jedesmal schämt man sich in Grund und Boden, hier gestrandet zu sein, und die ganze Republik guckt zu. Diese bescheuerten Kommissare! Diese albernen Lederjacken! Diese Pseudo-Übernächtigungs-Drei-Tage-Bärte! Und jetzt stehen fünf von der Sorte in meinem Innenhof und stapfen hinter mir die Treppe hoch...
Michael Ebeling: Ein Clown weist auf etwas hin
Ein levantinischer Clown verließ seine Latifundie und trat auf die Straße. Es war aber ein strahlender Sonnenschein. Mit ernster, sehr ernster Mine spannte er seinen Regenschirm auf und ging spazieren...
Kvara Bistroj: Der Ausländer
Neueste Ergebnisse der Salbader.-Ausländerforschung: Fremde Kulturen, die Menschen und Bräuche, kurzgefasst und rundumgeschlagen...
Was die anderen schreiben
Was rauskommt, wenn der Salbader fremde Quellen plündert. Ein steter Tropfen gescannter Merk- und Denkwürdigkeiten.
Werswer
Vollständiges Verzeichnis der Salbader.-Autoren der Salbader.-Ausgabe Nummer 32. Hier finden Sie lauter Portraits, Lebensdaten und manch liebevoll ausgewählten Link...