Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Wenn der Winter kalt wird
(Jürgen Witte) Als ich noch in Neukölln wohnte, in den Achtzigern, Hinterhaus, Außentoilette, Ofenheizung, wurden mir dort ständig die Kohlen aus dem Keller geklaut. Irgendein anderer Hausbewohner war der Meinung, daß ich für die miese Gegend rund um die Hermannstraße viel zu reich sei, daß ich Vermögenssteuer zu zahlen hätte. Direkt an ihn. In Briketts. Ich war der Reiche. Ich hatte mir Kohlen liefern lassen. Er brauchte sein Bier dringender. Oder seinen Shit? Was weiß ich?
Außer der letzten übriggebliebenen Witwe und den zwei türkischen Familien traute ich den Diebstahl quasi jedem im Haus zu. Die Kinder der Türken waren dazu noch zu klein. Und die Väter? Nee, dazu waren die beiden viel zu korrekt. Sie dachten, sie würden es eines Tages schaffen, wenn sie sich hier nur immer ordentlich an die Regeln halten. Die anderen Hausbewohner hatten von diesen Regeln längst die Schnauze voll. Punks, also die echten Punks, die ohne Nieten- und Kettenfirlefanz, jene Punks, die Polohemden und Jogginghosen trugen und Howard Carpendale und Roland Kaiser hörten.
Arm dran
(Andreas Scheffler) Die Hausverwaltung hatte sich mit einem Architekten und einem Schornsteinfeger zur Wohnungsbegehung angemeldet. Nachdem sie sich fünf Minuten lang umgesehen haben, sagt der Hausverwalter: »So, nun wollen wir den armen Herrn Scheffler mal nicht länger stören.« Und schon sind sie wieder verschwunden. - Wieso »arm«? Was haben die mit mir vor?
Wohnungsauflösung
(Bov Bjerg) So nah war man der alten Tante, als sie lebte, nie. Hoffnung, in irgendeiner Lade den Hinweis auf ein Doppelleben zu finden. Nichts. In der Kommode eine jahrzehntealte Packung Monatsbinden. Im Kühlschrank eine Batterie Alete-Gläschen.
Fremdgehen
(Dan Richter) Wenn man fremdgeht und von Gewissensbissen geplagt wird, erwartet man von der Freundin, daß sie vor Wut die Wände hochgeht. Das tut sie aber nicht. Darf man es von ihr verlangen?
Sensible Nachbarn
(Heiko Werning) Eine Party in Münster, Stadt der Kirchen und Studenten, Stadt der Beamten und Fahrradläden. Irgendwann frühmorgens im Vollrausch wurde in beachtlicher Lautstärke Funny van Dannen aufgelegt, und am nächsten Morgen, als alle noch komatös herumlagen, klingelte lange, laut und aufdringlich die Polizei. Sie hatten eine Anzeige wegen Volksverhetzung vorliegen und wollten mal nachfragen, was denn da los gewesen sei. Verwirrung brach aus, man versuchte den Abend zu rekonstruieren, bis der Blick schließlich auf die Funny-CD fiel. Vaterland heißt der böse Song, Verdacht erregte die Textzeile »warum sind die Deutschen im Fußball so gut, warum mögen sie keine Juden«. Nach Anhören des gesamten Liedes sahen die Polizisten den Vorwurf aber nicht erhärtet und trollten sich.
Hochstapler
(Bov Bjerg) »Hochstapler« nennt er die Pfeifen am Hackeschen Markt. Schönes, fast vergessenes Wort. Ersetzt eine ganze Armada von Schmähworten für das Neue-Berliner-Mitte-Pack: Schnatze, Stenz und Fuzzi, Yuppie und auch Arschgesicht.
(Jetzt sind viele arbeitslos und pleite - natürlich auf hohem Niveau. Entdecken die tragische Tiefe im Poptrotteldasein. Bißchen Selbsterfahrungsworkshop für lau. Die »schlechte Zeit«. Davon wird man noch lange erzählen können.)
Rechtschreibung
(Theo Fuchs) Neulich in der Arbeit werde ich vom Kollegen gefragt, wie man »sukzessive« schreibt. Ich hatte einen guten Tag und wollte mal wieder richtig provokant sein. Ich antwortete möglichst kaltschnäuzig: »Mit KZ und SS«. Er aber darauf nur: »Dacht’ ich’s mir doch! Danke.« Da waren auch meine Depressionen wieder da.
Der Aufschwung kommt
(Jürgen Witte) Wenn irgendwelche Modedümmlinge für sich Werbung machen, mit dem Spruch: »Be your own Identity«, dann muß man nicht mal sehr viel Englisch können, um darüber wenigstens einmal herzlich zu lachen. »Be your own Identity«. Ich paraphrasiere das mal:
»Du sein dein Dasein.«
»Komm nicht zu spät zu deiner Identität.«
»Nanu, du bist ja du?«
»Sei einfach du, du dumme Kuh.«
»Be your own Identity«. Solange solche Idioten für so einen Scheiß von irgendwoher Geld bekommen, damit sie die Stadt damit zuplakatieren dürfen, solange setze ich zumindest keine große Hoffnung in die Wirtschaft.
Tennessee & Hitler
(Falko Hennig) Deutschkurs in Tennessee, Jim ist ein typischer Südstaatler, vielleicht abgesehen von seinen hervorragenden Deutschkenntnissen. Beim Abendbrot behauptet er, sein Vater sei wie Hitler gewesen. Als ich nachfrage: »Dann hat er also kein Fleisch gegessen, ist Vegetarier gewesen?«, ist er ganz baff, davon hat er nie gehört, Hitler habe kein Fleisch gegessen? Aber warum denn? Einen Moment muß ich überlegen und bin mir bei der Antwort immer noch nicht ganz sicher: »Aus ethischen Gründen.«
Diplomarbeit, TU Berlin
»Einsamkeit in Ost- und Westdeutschland. Ein empirischer Vergleich unter Verwendung einer neukonstruierten Einsamkeitsskala.«
Ich zweifle, also bin ich
(Dr. Karl Abraham)
»Verstehen Sie Spaß?«, fragte ich einmal eine 87-jährige Patientin.
»Ich wurde im Spaß gemacht«, war ihre Antwort. Die Schlagfertigkeit dieser alten Dame gefiel mir, und so erzählte ich die Anekdote oft bei Begutachtung meiner meist älteren Patienten. Neulich geriet ich allerdings an eine Frau, die sich mir als Doktor der Philosophie vorgestellt hatte, und die auf diese Geschichte nur trocken erwiderte: »Woher weiß sie das?«
So lacht der Funk Uhr-Leser
(Andreas Scheffler) In der Fernsehillustrierten Funk Uhr gab es Ende der siebziger Jahre auch eine Rätselseite. Die Rätsel waren alle sehr einfach. Eines bestand darin, daß man einen Prominenten auf einem Foto identifizieren mußte. Beispielsweise war der Sänger Ivan Rebroff abgebildet, und als Möglichkeiten für seine Identität waren angegeben Vader Abraham, Bata Illic und eben Ivan Rebroff.-– Einfach. Der Seitengestalter hatte offenbar einen ausgesprochen schlichten Humor, der allerdings eines Tages seine nie übertroffene Meisterschaft erreichte. Der zu erkennende Prominente war diesmal der gebürtige Kubaner Roberto Blanco. Neben seinem Namen nun standen zur Auswahl der Schauspieler Klaus Schwarzkopf und der Karnevalist Ernst Neger. Ha, ha, ha.
Der Hammerwerfer
Er drehte sich und drehte sich
und drehte und
drehte und
drehte
und
verwehte sich
(Konrad »Hortkind« Endler)
Biowaffen aus dem Bioladen
(Jochen Reinecke) Gestern erstand ich einen innen wie außen mordsklebrigen Zehnkilo-Blecheimer voller mexikanischem Biohonig, um einerseits die Honigglasproduktion nicht unnötig anzukurbeln und andererseits das Weltgefüge qua fairem Handel ein wenig zu verbessern. Heute erzählt mir eine ideologisch fest im biodynamischen Sattel verankerte Freundin, daß mexikanische Bienen die Bienenkrankheit Faulbrut übertragen. Die Bienen dort sind immun dagegen. Deutsche Bienen hingegen werden davon so krank, daß sie ihren Bienenstock von innen heraus quasi selbstmörderisch plattmachen. Wenn eine deutsche Biene mexikanischen Faulbruthonig nascht und heimsummt, kann der Imker seinen Bienenstock ausräuchern und vergessen.
Macht haben ist geil. Ich sehe mich im kommenden Frühling Honigbrote essend durch die Brandenburger Wälder laufen. Man muß ja nicht immer nett sein.
Irgendwo im Unendlichen
(Jürgen Witte) Alljährlich findet die Messe des heimischen Bestattungshandwerks statt, z.B. letztes Jahr in Köln-Deutz. Neue Trends auf dem krisensicheren Markt der Totengräberei gab’s dort zu besichtigen. Stromlinienförmige, graumetallic-lackierte Särge mit Chrom-Zierleisten und so Zeug. Die Bestatter-Leistungsschau trug den leicht absurden Titel »Eternity 2002«.
Darüber mußte ich länger nachdenken: »Eternity 2002«, läßt sich die Ewigkeit jetzt tatsächlich so genau datieren? Bis mir irgendwann einfiel, daß ich in Mathe ja auch mal lernen mußte, daß sich parallele Linien im Unendlichen dann doch noch irgendwo schneiden sollen.
MDR Info Radio Gaga I
(Bov Bjerg) »Am Sonntag holten die Ärzte bei einem zweiten Eingriff die Kugel aus seinem Körper. Sie gilt als wichtiges Beweisstück.«
MDR Info Radio Gaga II
(Bov Bjerg) »Wie Nachbarn berichten, soll seine Frau ein Verhältnis gehabt haben.«
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Gefühl, neu
(Friedemann Weise) Gestern, Mr. Nice Guy, habe ich ein neues Gefühl auf der Karte meiner Emotionen entdeckt. Ich habe noch kein Wort dafür, aber ich versuche es zu beschreiben: Ausgehend vom Gefühl »Alltag: normal« gehst du ein Stück nach schräg hinten. Da gehst du durch die kleine Tür (die, wo nix dransteht). Jetzt siehst du das Dreieck zwischen »Spontanangst«, »selbstlos-zweifelnd« und »Vorfreude«. Jetzt denk dir eine Linie (ca. 3m) die von »melancholisch-abwesend« zu »banal-befriedigt« führt. Das neue Gefühl liegt dann genau in der Mitte zwischen »benommen« und »kurzfristig verliebt«. Es fühlt sich garnicht sooo schlecht an. Naja, ich sag mal: »gewöhnungsbedürftig«. Kennst du das auch?
Pfleiderers Kreuz (Teil 1)
Pfleiderer litt unter einer Zwangsneurose, die sich in Form blasphemischer Gedanken bei Betreten eines Gotteshauses äußerte. Er ging dem Beruf des Pfarrers nach. Pfleiderer selbst sprach allerdings lieber von Berufung.
(Konrad Endler und Bettina Andrae)
Pfleiderers Kreuz (Teil 2)
Der Zwangsneurotiker Pfleiderer setzte sich in Dr. Loewensteins Wartezimmer und blätterte in einer Brigitte. Er hatte keine Ahnung, warum sie sich das gefallen ließ.
»Naja«, dachte er, »vielleicht ist sie ja auch nicht ganz ohne Grund hier.«
(Konrad Endler und Bettina Andrae)
Außerirdische
(Theo Fuchs) Unser Nachbar zu Hause bei meinen Eltern war Jäger. Oft begegnete er uns Kindern morgens, wenn wir auf dem Weg zur Schule waren und er gerade nach Hause kam. Manchmal hatte er dann quer über den Rucksack ein Reh geschnallt, das ganz traurig mit dem Kopf wackelte. Er war dann immer sehr gut gelaunt, und wir gruselten uns gehörig vor dem Leichnam.
Einmal allerdings trug er anstelle eines toten Tieres verschiedene Metall- und Plastikteile mit sich. Als wir ihn fragten, was er da erbeutet hätte, antwortete er, das sei ein Ufo und er habe es abgeschossen. Ich glaubte ihm, und erst Jahre später klärte er mich auf, daß es sich in Wahrheit um die Trümmer eines abgestürzten Wetterballons gehandelt hatte. Vermutlich würde ich sonst heute noch herumerzählen, daß der Vater des Nachbarsjungen einmal ein paar Außerirdische vom Himmel geholt habe - einfach so vor dem Frühstück.
Dielen abschleifen
(Dan Richter) Wenn ich nur daran denke, wie ich damals meine Dielen abgeschliffen habe, bin ich schon wieder so kaputt, daß ich darüber nicht mehr als einen Satz schreiben kann.
zuletzt verändert: 12.06.2006 01:06