Hinark Husen: Reingekommen
Prolog: Mittwoch, 16. Oktober 2002, 13 Uhr 30.
Ich schaue dem Kanzler kritisch aufs Hinterhaupt. Abstand circa ein Meter. Dichter würde ich an den Mann aus Hannover zeit meines Lebens wahrscheinlich nicht mehr herankommen. Einzelne graue Haare sind auszumachen. Noch einmal genau auf die Schläfen geguckt, auch hier ein bißchen grau. Eindeutige Feststellung meinerseits: Zumindest heute sind Schröders Haare nicht gefärbt. Dann fordert der Fotograf die Kinder auf, ein bißchen mehr zu lächeln, auch ich verziehe die Mundwinkel nach oben. Auf dem Foto im SPIEGEL waren dann allerdings nur meine Knie wirklich gut zu sehen. Wie lächelt man mit den Knien und überhaupt, wie bin ich hier reingekommen?
Rückblende: Mittwochmorgen 10 Uhr, völlig zerschreddert betrete ich die Kita in Neukölln, die Schüler haben Herbstferien, wir nicht. Wir haben sie am Hals. Ein Ausflug steht an. Wir wollen mit dem S-Bahnring fahren, spontan irgendwo aussteigen und Berlin erkunden. Ich hatte natürlich nichts Besseres zu tun, als mir am Abend vorher die Nacht um die Ohren zu schlagen. Kollegin Brygida, eine sehr attraktive Schlesierin im Katja Riemann-Alter, mault, ich hätte auch schon mal besser ausgesehen.
Die Kinder erfahren nur, daß wir uns das renovierte Brandenburger Tor anschauen werden, und wollen wissen, wo es sonst noch so hingeht. Wir verraten nichts, schließlich haben wir selber keine Ahnung. Am S-Bahnhof Gesundbrunnen steigen wir um und besichtigen erst einmal das dortige Einkaufscenter. Am Ausgang meint Jonathan, er sei ein wenig enttäuscht, das Brandenburger Tor sei wirklich häßlich und ein paar Geschäfte weniger hätten es auch getan. Recht hat er.
Das echte Tor läßt die Kids später relativ kalt. Am Reichstag die übliche Touristenschwemme. Wir beschließen, uns nicht an der Kuppelschlange anzustellen. Brygida doziert ein wenig über die Demokratie und ich frage nach dem Namen des Bundeskanzlers. Den kennt man, immerhin. Ich erzähle den Kids die Geschichte vom Zaunrüttler. Vor dreißig Jahren, oder so, gab es einmal einen jungen Juso – Zwischenfrage: »Was ist ein Juso?« – Egal, das interessiert jetzt nicht. Vor dreißig Jahren jedenfalls stand ein junger Mann am Zaun des Bundeskanzleramtes in Bonn und schrie laut und vernehmlich: »Ich will hier rein!« Und dieser Mann ist jetzt Bundeskanzler und wie er heißt, das wißt ihr ja.
Ein paar Minuten später stehen wir vor seinem Amtssitz und mir war klar, was passieren, nur wer anfangen würde nicht: Steve, acht Jahre, Agnostiker, Schweinefleischesser, türkischer Vater, deutsche Mutter, und Sami, sieben Jahre, bekennender Muslim und somit Schweinefleischgegner, pakistanischer Vater, deutsche Mutter, halten die Zaunstäbe umklammert und rütteln kräftig. »Schröder, lass uns rein!«, schreit Steve. Ich freue mich über die altruistische Formulierung »uns« und auch Brygida lächelt. Sie macht ein Foto unserer Aktivisten, während der Rest der Truppe sich auf einer kleinen Rasenfläche vorm Zaun niederläßt und die Wurststullen rausholt. Ein kleines Picknick an der Peripherie der Macht, warum nicht. Dann kommt Sami aufgeregt auf mich zu und erzählt, Steve habe gerufen, Schröder sei ein Arschloch! Der Beschuldigte weist alle Vorwürfe entschieden von sich und ich weise auf die Videokameras hin, die hier alles aufzeichnen, natürlich auch den Ton. Steve fragt ablenkend, ob wir das Haus auch von innen angucken können. Ich lächle gequält und sage: »Wohl eher nicht!« Dann stupst mich Brygida an: »Schau mal auf den Balkon, die drei Männer da oben. In der Mitte, ist das nicht Schröder?« Ich gucke hoch und in diesem Moment ruft eben der etwas zu uns herunter. Ich sage zu Brygida: »Also so aus der Ferne betrachtet könnt er’s sein« und zucke mit den Achseln. Er ruft ein zweites Mal und jetzt verstehen wir es beide: »Wollt ihr reinkommen?«, schallt aus Schröders Munde zu uns herunter. Ich schaue in das Gesicht meiner Kollegin, das rot anzulaufen beginnt, die Kinder schauen mich fragend an und ich höre mich sagen: »Der Kanzler fragt, ob wir reinkommen wollen.« Ein vielstimmig begeistertes »Jaaa« echot über den Platz und von oben die Erwiderung: »Es kommt gleich jemand und holt euch ab!« Brygida beginnt hysterisch zu kichern, während die Kids fröhlich aufgekratzt, aber kein bißchen nervös, ihre angebissenen Stullen eintüten. Ein paar Minuten darauf eilt ein Anzugträger auf uns zu und lädt uns im Namen Schröders ein, das Amt zu besichtigen. Die Kids grölen den umstehenden gaffenden Touristen zu: »Wir dürfen rein, wir dürfen rein!« Ich mache keine Anstalten, sie davon abzuhalten. Noch immer beschäftigt mich das Bild des schreienden Kanzlers. Soviel Selbstironie hätte ich dem Mann wirklich nicht zugetraut. Hinter der Kontrollschranke werden spaßeshalber die Rucksäcke durchleuchtet. Der wachhabende Polizist freut sich über die Abwechslung und im Hintergrund piepsen aufgeregt die Metalldedektoren, als die Kinder Fangen durch die Schranken spielen. Dann ein kurzer Blick in die Staatskarosse – »Cool, der hat Telefon im Auto.« Unser Führer protzt, da sei sogar ein Fax-Gerät drin. Ich würde jetzt nach Internet fragen, aber ich weiß, daß ich hier nur eine Randfigur bin.

Dann geht es hinauf in den siebten Stock. Auch von innen kann ich, ehrlich gesagt, dem Kohlschen Betonbau keine schönen Seiten abgewinnen. Immerhin, man hat einen schönen Ausblick auf den Reichstag. Thomas, wie die Kinder unsere Begleitperson mittlerweile duzenderweise nennen, will per Handy einen Fotografen organisieren, weil wir nur noch ein Foto auf unserem Apparat haben. Brygida ärgert sich, daß sie vorhin diese dämliche, kunstvoll zerschnittene Wassermelone vor dem asiatischen Restaurant geknipst hat. Außerdem hadert sie mit ihrem Aussehen – …Gott, ich bin kein bißchen geschminkt und du siehst aus wie aus der Scheiße gezogen. Gesagt hat sie es so natürlich nicht, aber gemeint hat sie es. Ich erinnere sie daran, daß sie Stoiber gewählt habe. Während Thomas telefoniert, erklärt sie den Kids – ihr Gesicht hatte nun ungeschminkt die Farbe eines Goldfisches angenommen –, daß sie auf keinen Fall nur »Herr Schröder« sagen sollen, wenn er gleich auftaucht, nein, es hieße unbedingt: »Herr Bundeskanzler Schröder«. Ich sinniere, wie sie einen Kanzler Stoiber begrüßt hätte; vielleicht mit »Ihre Durchlauchtigkeit«? Dann zeigt uns Thomas den Kabinettsaal. Die Kinder dürfen sich auf die Ministersessel setzen. Steve entscheidet sich für Fischers Platz. Im Streit um den Kanzlersessel hatte er gegen Jeng den kürzeren gezogen. Sami, der Schweinefleisch-Ignorant, sitzt auf dem Sessel von Gesundheitsministerin Schmidt. Die neue Regierung ist an diesem 16.10. noch nicht im Amt. Es stehen die alten Namenskarten auf dem Tisch und mich überkommt ein morbides Gefühl. Ich setze mich auf den Drehstuhl von Herta Däubler-Gmelin. Brygida grinst mich purpurfarben vom Künastsessel aus an. Der Fotograf fragt Kanzler Jeng, was denn so anliege, dieser stiert mit verknoteten Händen würdevoll in die Linse und fragt in die Ministerrunde, ob die Kioske schon geöffnet seien. Die Minister zucken die Schultern. Und dann fragt, ich glaube, es war Bildungsministerin Charleen, sechs Jahre, wann sie denn nun endlich Schröder treffen würde. Fünf Minuten später ist es soweit. Schon für das Gruppenfoto in Position gebracht, sitzen die Kids auf den Stufen vor seinem Büro und als der Gerd dann auftaucht, fangen sie wirklich an zu applaudieren. Über den ein oder anderen Kopf streichelnd, streckt er dann die Hand in Richtung Brygida aus und begrüßt sie mit einem zahnfleischentblößendem Grinsen, ich stehe circa zwei Meter daneben. »Sehr erfreut, Schröder«, höre ich ihn sagen und betrachte Brygidas Gesicht, um das Farbenspiel zu beobachten. »Guten Tag, Herr Bundeskanzler«, haucht sie zurück. Jetzt hat er sie, die wird nie wieder Stoiber wählen. Mich begrüßt er nicht. Ich bin aber nicht beleidigt, nur unendlich in meiner Eitelkeit verletzt. Daniel, sechs Jahre, bemerkt Schröder gegenüber, er würde nach Bier riechen. Ich freue mich. Dann wird das Foto geschossen.
Epilog: Donnerstag, 17. 10.
Die Kids und ich stehen startbereit an der Tür unserer Kita, es soll auf einen Spielplatz gehen. Nur Brygida ist noch nicht soweit. Sie tuscht sich in aller Gemütsruhe am Garderobenspiegel die Wimpern. »Hey Frau Kollegin, was soll denn das jetzt? Wir wollen los!«
»Du glaubst doch nicht, daß ich noch einmal ungeschminkt aus dem Haus gehe, schließlich weiß man nie, wen man trifft!«