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Ahne: Überall blühen Rosen

Inspiriert von Hortkind und Gilbert Becaud

Nachts um halb drei mit einer Rose in der Hand auf der Oranienburger Straße, die man zum Glück nicht O-Straße nennen kann, alldieweil sich den Begriff O-Straße schon die Kreuzberger Schwaben für ihre Oranienstraße gesichert haben. Nachts um halb drei mit einer Rose in der Hand auf der Oranienburger Straße. Die Straßenbahn rumpelt nicht mehr, denn es ist nachts. Es ist Sonnabendnacht. Eigentlich schon Sonntagnacht, denn halb drei ist ja schon nach null Uhr und um null Uhr endet ja ein Tag, in diesem Fall der Sonnabend. Es ist Sonntagnacht, der Vollmond scheint nicht, weil es keinen Vollmond gibt. Zumindest nicht in dieser Nacht. Die Rose in der Hand ist rot. Es ist eine Rose der Liebe. Sie ist in meiner Hand, ich kann sehen, wie sie in der Hand drinsteckt. Sie ist Realität. Auch noch da ist Regen. Er tropft vom Himmel hinunter auf mich und meine Rose in der Hand. In meiner Hand. Die Hand ist an meinem Arm, der Arm an meinem Oberkörper, an dem dran auch ein Hals und an dem ein Kopf ist. Auf dem Kopf Haare, und die werden naß vom Regen. Der Regen tropft. Er macht alles naß. Es ist Herbst auf der Oranienburger Straße. Auf der Oranienburger Straße ist Herbst.

Eine Prostituierte steht am Bordstein und guckt zu mir und meiner Rose herüber. Sie denkt tief in sich drinnen wohl, daß es heute ein ziemliches Scheiß-Wetter ist, um so am Bordstein herumzustehen. Ich lauf an ihr vorbei, in meiner Hand eine Rose. Eine Rose der Liebe. Ein Zeichen nur, aber immerhin. Autos fahren langsam auf der Oranienburger Straße. Eines hält bei der Prostituierten. Kurzes Gespräch, sie steigt ein. Der Insasse ist aufgeregt. Wie wird es wohl werden? Er macht es zum ersten Mal. Will sie einladen, bei sich zu Hause zu einem Kaffee. Er hat Zeit, hat keine Frau, keine Kinder. Sie hat Zeit, Hauptsache er bezahlt. Von ihr aus Kaffeetrinken, is besser als die Beine breit machen. Das Auto fährt wieder los. Die Rücklichter leuchten rot. Irgendwo klirrt eine Bierflasche. Jemand muß sie fallenlassen haben, vielleicht mit Absicht. Gott allein weiß warum. Vielleicht ist dieser Jemand ja einsam, hat weder Freunde, Frau noch Kind und außerdem auch kein Auto, von Geld ganz zu schweigen, um damit eine Prostituierte zu sich nach Hause einladen zu können zum Kaffeetrinken. Da hebt er eben eine am Straßenrand liegende Bierflasche auf und schmeißt sie irgendwo hin. Diese zerklirrt. Scherben bringen Glück. Doch darauf scheißt dieser Jemand – nicht wirklich, nur in Gedanken. Möglicherweise. Vielleicht ist ihm die Flasche auch nur versehentlich aus der Hand gerutscht.

Er is noch etwas zittrig. Braucht noch was Alkohol, um richtig und so. Braucht noch bißchen Promille, um …? Na braucht er eben, warum is ja egal. Braucht er eben. Is ja auch nicht leicht, das Leben. Wenn man dazu überhaupt Leben sagen kann. Leben? Ha, ha, da muß er mal kurz lachen, wenn das gestattet ist. Is ja auch egal, ob das gestattet ist. Is ihm total egal. Soll’n se ihn doch verhaften, dis is ihm auch egal, er lacht eben einfach. So und bitteschön, er hat gelacht. Na und? Ihm doch egal, ob er Alkoholiker ist. Immer noch besser als wie ohne Alkohol. Nur schade um das Bier. Grüne Flasche. Soll man ja eigentlich nicht trinken. Bier aus grünen Flaschen, wegen dem Licht, das bricht sich in dem Bier und macht es schlecht. Besser aus braunen Flaschen trinken. Is besser. Trotzdem schade. Ne Frau wär auch nicht schlecht? Na zu spät. Der Zug is wohl abgefahren. Is eigentlich auch nie angekommen. Obwohl, einmal, aber da isser dann gleich wieder abgefahren. Und dann, danach hatter den Bahnsteig immer gemieden. Also er selber, jetzt diesen Bahnsteig. Diesen speziellen. Ansonsten Bahnsteige ja sicher, ab und zu. Hin und wieder läßt ja mal jemand was liegen. Klauen nich, nur wenn was liegen bleibt. Kümmert sich ja sonst keiner, wär doch schade drum.

»Aber bitteschön, was geht Sie das eigentlich an?« Nachts um halb drei auf der Oranienburger Straße mit einer Rose in der Hand. Es regnet, eine verwirrte Touristengruppe sucht ihr Nachtlager. Den Stadtplan in der Hand aufgeregt sich streitend, haben sie keinen Blick für Bierflaschen am Straßenrand, Prostituierte, den Regen, die Rose, die Stadt.

Copyright: Ahne

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:06
erstellt von jero

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