Horst Evers: Düsseldorf
Zum Beispiel Düsseldorf. Auch sone Stadt. In Kürze werde ich sicher wieder den Satz sagen, den ich so oder ähnlich, früher oder später überall sage. »Nein, ich bin tatsächlich zum ersten Mal hier, aber ich habe schon viel von Ihrer schönen Stadt gehört.« In Berlin gäb’s für so einen Satz ja gleich was auf die Fresse, und zu Recht, aber anderswo darf man ziemlich lange ziemlich viel Mist reden, bis es Ärger gibt. Das kommt mir und meinem Naturell sehr entgegen.
Es heißt, in Düsseldorf gäbe es die meisten schönen Frauen in ganz Deutschland. Na toll, da bin ich ja mal gespannt. Außerdem mag das wohl sein, aber es nützt mir im Prinzip herzlich wenig, wenn sie mich dann nicht ansprechen. Sie sprechen mich nie an. Wieviel Zeit hab ich nicht schon damit verbracht, in irgendwelchen Cafés rumzusitzen und mich allein darauf zu konzentrieren, irgendwie interessant auszusehen. Für nischt und wieder nischt. Sie sprechen mich nie an. Blödes Düsseldorf, hör mir doch auf.
Am Bahnhof angekommen, starre ich erstmal hilfesuchend in die Gegend. Eine schöne junge Frau spricht mich an.
»Kann ich helfen?«
Bin gehörig fassungslos verblüfft, gucke vermutlich leider auch so, versuche aber weltmännisch und gelassen zu antworten: »Was?«
»Na, Sie sehen so aus, als wenn Sie sich nicht auskennen, und da dacht ich, frag ich, ob ich helfen kann, is doch normal.«
»Ja. Normal. In Düsseldorf. Klar. Ich, äh, ich brauch eine Zeitung, mit Immobilienteil, ich würd gern hierherziehen.«
Sie lacht. »Wissen Sie schon, wo Sie hinmüssen?«
»Ja natürlich. Wo muß ich hin?«
Sage Ihr die Adresse meines Hotels. Sie freut sich. »Oh, das liegt auf meinem Weg, da kann ich Sie mitnehmen.«
Auf der Fahrt zeigt sie mir ein wenig die Stadt. Ich stammle eloquent: »Schön. Wunderschöne Stadt. Ganz herrlich wunderschön, auch diese ganzen ... diese hier ... so ... Häuser und so ... alles da ... wunderschön.«
Sie versucht tapfer, das Gespräch in Gang zu halten: »Und was machen Sie in Düsseldorf? ... Ah, das ist ja toll! Da machen Sie sicher auch was über Möllemann? - Nein, ach das ist ja schade. Käme im Moment bestimmt gut an ... Ihr Hotel ist direkt in der Altstadt, da haben Sie Glück, da ist rund um die Uhr richtig was los.«
Irgendwann setzt sie mich am Rande der Altstadt ab. Noch lange schaue ich sinnierend ihren Rücklichtern nach. Dann spricht mich eine andere schöne junge Frau an und hilft mir, die Taschen zum Hotel zu tragen. Ich liebe diese Stadt.
Der Hotelportier freut sich völlig grundlos darüber, daß ich gut angekommen bin, sagt, daß er vielleicht in die Vorstellung kommt und fragt, ob ich auch was über Möllemann mache. Als ich verneine, ist er sichtlich enttäuscht. Am Abend erscheint er nicht zur Vorstellung.
Die Einschätzung, in der Altstadt sei rund um die Uhr richtig was los, erweist sich als sehr stimmig. Mein Zimmer ist nach vorne raus.
Dann zum Theater. Der Veranstalter fragt mich, ob ich auch was zu Möllemann mache. Nach meiner Antwort wird seine Miene sorgenvoll.
Nach der Vorstellung Gespräche mit den Zuschauern, sagen, war schön, aber ein Thema hätte ihnen doch gefehlt. Ergreife die Flucht.
Im Hotel um drei Uhr vom Lärm entnervt wieder aufgestanden, angezogen und nochmal runter zum Pub vorm Hotel. Erklärtes Ziel: Solange betrinken, bis ich von allem nichts mehr mitkriege. Ist aufwendiger, als ich dachte. Im Gespräch mitgekriegt, fast alle Gäste des Pubs wohnen in diversen Hotels in der Straße, trinken hier entnervt, bis sie von allem nichts mehr mitkriegen und machen so selber wieder Lärm. Bin beeindruckt. Die Düsseldorfer Altstadt scheint ein perfekt ausgeklügeltes, in sich geschlossenes, funktionierendes Wirtschaftssystem zu sein. Da kann man noch von lernen. Gegen fünf zweimal mit dem Kopf auf Kneipentisch gefallen. Stammhirn meldet hinsichtlich des Hucke-voll-Trinken-Projektes Vollzug. Schleppe mich mit letzter Kraft ins Hotelzimmer und schlafe sofort ein. Dann fall ich mit zwei Dritteln meines Körpers aufs Bett. Reicht.
Gegen halb sechs donnert’s an die Tür. Der Wirt vom Pub. Er bittet mich das Fenster zuzumachen, weil sich seine Gäste bei meinem Geschnarche nicht vernünftig unterhalten können. Fragt dann, ob es stimmt, das ich nichts über Möllemann gemacht habe. Werfe ihn raus.
Am nächsten Tag Viertelstunde über Möllemann gemacht. Im Pub dafür Freibier bekommen. Verstehe langsam die Düsseldorfer Strukturen. In der Nacht, wie auch in der nächsten, greifen wieder die Gesetzmäßigkeiten des Düsseldorfer Marktwirtschaftsmodells.
Vierter Tag. Bin mittlerweile völlig übernächtigt. Das Publikum hat gestern nach der Vorstellung gesagt, ich hätte mich ihnen als Jürgen W. Möllemann vorgestellt. Hätte ihnen gut gefallen.
Die ständige Freundlichkeit der Düsseldorfer geht mir langsam auf die Nerven. Kann keine schönen Frauen mehr sehn. Will mal wieder richtig beschimpft werden. Suche Streit. Beschließe, zu einer Bank zu gehen. Will für den Urlaub spanische und italienische Euros umtauschen. Werde solange darauf beharren, bis der Kassierer mich anschreit. Das könnte mir helfen. Kassierer lächelt nur freundlich und tauscht anstandslos die Euros um. Sagt, das würde hier oft verlangt. Gebe auf, gegen diese Stadt bin ich machtlos. Muß ohnehin weiter zur nächsten Stadt. Werde mich am nächsten Morgen einfach stumpf mit meinem Gepäck vors Hotel stellen und warten, bis mich eine schöne junge Frau zum Bahnhof bringt.