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Sarah Schmidt: Frau, Mann, Tresen

Manchmal ist Bier das leckerste Getränk der Welt. Samstag war so ein Tag, da wollte ich mich betrinken. Doch meine Freunde sind nicht mehr das, was sie mal waren. Haben keine Lust oder sagen Sachen wie: »Die Luft in Kneipen, die vertrag ich einfach nicht.« Meine letzte Rettung heißt Jutta. Jutta ist immer für einen Rausch zu haben. Doch auch sie ließ mich im Stich. Sie sei letzte Nacht im Traum aus dem Bett gefallen und habe sich dabei das Schlüsselbein gebrochen. Na, wenigstens eine originelle Ausrede. Es war besiegelt: Ich geh alleine aus. Mir doch egal! Es gibt dabei nur ein Problem: Wenn eine Frau alleine in eine Kneipe geht und sich an den Tresen setzt, fühlen sich Männer, die ebenfalls alleine trinken, aufgerufen, diese Frau zu unterhalten. Und zwar auf Teufel komm raus. Aus diesen Männern redet es heraus, als gäbe es kein Morgen und als wäre Stille, grade am Tresen, nicht ein erstrebenswerter Zustand.

Illustration von Rattelschneck

Trotzdem ging ich in meine Stammkneipe am Chamissoplatz, setzte mich und trank, bis es neben mir blökte: »Ich nehme das gleiche wie die nette, blonde Frau.«

Hansi, der nicht umsonst mein Lieblingswirt ist, sagte: »Wer bei mir sein Getränk nicht mehr selber benennen kann, bekommt nix.« Der Mann war verwirrt. »Ja, was trinkst du denn, wenn ich mal fragen darf?«

Ich entschied mich für Weißwein.

»Ha, du willst mich wohl auf den Arm nehmen.«

Auf keinen Fall. Er bestellte Bier und in seinem Kopf ratterte es, oder nein, das stimmt nicht, da konnte nichts mehr rattern, nur noch kleine Gedankenblasen stiegen auf: »Da Frau! Ich Mann! Hier Tresen! Muß was sagen, muß unbedingt was sagen!«

Nachdem er mit diesem Gedanken durch war, versuchte er, ihn in die Tat umzusetzen: »Darf ich mal was fragen?« Ich weiß aus Erfahrung, es hat keinen Sinn, Nein zu sagen, denn dann kommt unweigerlich: »Warum denn nicht?« Also sagte ich etwas wie: »Mhnmh«.

Er war begeistert. Wieder blähte sich sein Gehirn auf: »Frage stellen! Frage stellen! Frage stellen!« Nur: Es fiel ihm beim besten Willen keine ein. In seinem Gesicht zeigte sich Verzweiflung, ansonsten völlige Leere, er sah aus wie Männer, die im entscheidenden Moment versagen.

Ich bin nicht der Typ, der dann tröstende Worte bereit hält wie: »Ach, das kann doch jedem mal passieren.« Ich schrie ihn an: »Du wolltest mich was fragen, na los!«

Unter Druck funktionieren Männer gewöhnlich noch schlechter als sonst. Alles, was ihm einfiel, war: »Ich wohn in der Bergmannstraße.«

»Das ist keine Frage.«

Er schwieg betroffen. Zwei Minuten später schwallte es erneut neben mir. »Darf ich dich mal was fragen?« Es schien, als hätte er sein Versagen vollkommen vergessen. Darum beneide ich die Männer. Nach einem schlimmen Besäufnis ins Bett fallen und am nächsten Morgen nichts mehr zu wissen. Ich weiß immer alles, was ich gesagt oder getan habe. Schön ist das nicht.

»Darf ich dich mal was fragen?«

»Ja klar, frag nur.«

»Jaaa, du sag mal, äh, ach, Prost???«

»Das ist keine Frage!«

»Ich wollt dich doch nur was fragen, was bist du denn so garstig?«

»Na bitte, klappt doch! Du hast es geschafft, eine vollständige Frage, herzlichen Glückwunsch.«

Er freute sich wie ein Schneekönig und in seinem Hirn gärte es erneut: »Das wird noch was, das wird noch was, jetzt nur dranbleiben.«

Er rückte näher. Jetzt war aber genug, also sagte ich: »Kannste deine Frage noch mal wiederholen, ich hab sie vergessen.« Es war ein zu schönes Bild, er sackte in sich zusammen wie schaler Schaum auf einem Pils. Schon wieder versagt.

»Jetzt ist sie beleidigt,« sagte er dem Wirt, »dabei wollte ich sie nur was fragen. Jetzt bist du beleidigt, dabei wollt ich nur was fragen. Aber jetzt bist du ja beleidigt.« Ich gab auf, trank aus und ging. Meine Geduld mit dem schwachen Geschlecht war für diesen Abend erschöpft.

Copyright: Sarah Schmidt

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:06
erstellt von jero

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