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Andreas Scheffler: Freibäder sind Schicksalsorte

Von mir aus könnten alle Freibäder geschlossen werden, die Schwimmbecken mit Sand aufgeschüttet und mit Rasen eingesät werden. Denn nur darum geht es doch im Freibad. Um die Rasenflächen. Gut, bei schönem Wetter ist das Wasser voller Menschen, so voll, daß an Schwimmen nicht zu denken ist. Gesund ist ohnehin nur Rückenschwimmen, was im Freibad schon gar nicht möglich ist. Das Wesentliche für Kinder und Jugendliche ist ja nicht die Fortbewegung im Wasser, sondern die Wasserverdrängung vermittels einer sogenannten Arschbombe. Zack hat man einen im Kreuz, daß es nur so knackt. Wasserverdrängung funktioniert auch durch das Werfen von Leibern ins Becken; Körper, die möglichst von Sonne und UV-Strahlen aufgehitzt sind und folglich beim Eintauchen ins kalte Naß einen Schock erleiden. Solcherlei Spiele werden Spaß genannt.

Aber tatsächlich werden die Schwimmbecken nur benutzt, weil sie da sind, weil es nun mal Schwimmbad heißt und nicht Rasenfläche. Eigentlich wollen alle nur das Grün benutzen. Als Pubertätsbühne. (Mal abgesehen von den Müttern, die einen Haufen Windeln sparen, weil ihre Kleinkinder in das Nichtschwimmerbecken pinkeln.)

Das Freibad ist das Revier der Jugend. Hier finden ungeschickte Annäherungen statt. Hier sollen Körper in aufkeimendem Glanz erstrahlen. Erste Hautkontakte werden vollzogen. Wer Karin den Rücken eincremen darf, ist König, wenn sie dabei kurz ihren Bikiniverschluß auf macht, Kaiser. Zunächst liegen die Jungen und die Mädchen in zwei getrennten Gruppen nebeneinander. Doch im Laufe des Sommers findet der eine oder andere Junge den Mut, sich neben ein Mädchen zu legen und umgekehrt. Erste große Lieben entstehen. Ein paar der Jungen bleiben zurück. Ein paar sind immer übrig. Einer ist immer der Arsch.

Spiele werden gespielt. Frisbee auf dem Rasen und Kartenspiele auf dem Badehandtuch. Das Wasser ist uninteressant. Manche Jungen schreiten langsam die gesamte Grünfläche ab auf der Suche nach Frauen, die sich oben ohne sonnen. Dann spielen die Hormone verrückt, und in diesem Zustand kommen sie zu ihrer Gruppe zurück. Jetzt wäre es sinnvoll, ins kalte Wasser zu springen. Statt dessen werden die Mädchen naßgespritzt. Dabei wollen die nur einfach in der Sonne liegen. Manchmal im Laufe des Sommers kommt es vor, daß ein Mädchen einen Jungen bei der Hand nimmt und sehr ernst sagt: »Komm mal mit.« Dann gehen sie hundert Meter weg in eine Ecke der Rasenfläche, und nun muß das Mädchen mit dem Jungen reden. Denn Jungen können nicht reden. Nicht darüber.

Ich sehe mich noch vor mir an der Hand von Adriane. 1980. Sie hatte auch noch ihre beste Freundin mitgenommen. Das verhieß nichts Gutes. Wir setzten uns, und ich zupfte vor Verlegen- und Schüchternheit büschelweise Gras. »Andreas, ich muß dir was sagen.« Was würde nun kommen? Wenn sie mir sagen wollte, daß sie mit mir gehen will, und nichts wünschte ich mir damals sehnlicher, dann hätte sie wohl nicht ihre Freundin mitgebracht, ihre Freundin Sylvia, die übrigens ihrerseits mit mir gehen wollte; aber das war mir nichts. Sylvia war größer als ich und entsprach nicht annähernd meinem Schönheitsideal. Adriane dagegen - Mensch, Mensch! Sie war recht klein, aber für ihre vierzehn Jahre erstaunlich gut entwickelt. Braune Locken und das strahlendste Lächeln der Welt. Und energisch war sie auch.

»Andreas, Du würdest gern mit mir gehen, stimmt’s?« Ich hatte ihr das nie gesagt, aber sie hatte es gefühlt. - Göttin! »Ich habe Dich ja sehr gern ...« Und nun kam das böse Aber, das Übel der Jugend, das schlimmste Wort, das es gibt. »Aber ...« - Kurzum: Ich entsprach nicht ihrem Schönheitsideal. Ich hätte zwar einen tollen Oberkörper, so v-förmig, und auch breite Schultern, aber meine Beine ... - zu dick! Ich hätte nun sagen können: Dumme Kuh, guckt nur auf die Beine, dabei hab ich doch jede Menge innere Werte! Hab ich aber nicht gesagt, denn es stimmte ja. Ich hatte dicke Beine. Und angesagt waren bei Jungs damals Spinnenbeine in engen Röhrenjeans. Mick Jagger war das Vorbild. Beine wie bei langjährigen Rollstuhlinsassen. Mit solchen Stelzen war man cool. Mit dicken Beinen blieb man übrig. Ich war einer von denen, die immer der Arsch sind.

Alles Gras in Reichweite war ausgerupft. Wenigstens hatte Sylvia die ganze Zeit nichts gesagt. Wir gingen wieder zu den anderen. Ich durfte Adriane den Rücken eincremen. Sie hat sogar ihren Bikini hinten aufgemacht. Aber ich war weder König noch Kaiser. Und dennoch: Wahrscheinlich deshalb, wegen dieses Zeichens von Vertrautheit und Nähe, war ich bis zum Ende meiner Schulzeit der Trottel, der die Hoffnung nie aufgab. Wir gingen ins Kino, in Galerien, spielten Billard zusammen, und gemeinsam haben wir das erste Mal einen Pornofilm gesehen. Ich war ihr bester Kumpel. In den nächsten Jahren habe ich ihr noch oft den Rücken eingecremt. Warum auch nicht? Meine Grenzen waren ja klar abgesteckt. So verging meine Pubertät. Mit Rückeneincremen.

Später haben wir uns aus den Augen verloren. Aber ich bin fast sicher, Adriane wird es irgendwann mit einer gehörigen Portion Wehmut im Herzen bereut haben, dieses Aber.

Das alles ist nicht vergessen. Und wegen dieser, meiner, verkorksten Jugend, hätte ich nichts dagegen - nennen wir es ruhig Rache -, wenn alle Freibäder geschlossen würden.

Copyright: Andreas Scheffler

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:06
erstellt von jero

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