Volker Strübing: Mein Leben nach dem Tode
Auf den ersten Blick unterscheidet sich das Leben nach dem Tode nur durch eine einfache Urkunde vom Leben davor. Ich muß es wissen. Ich bin schon mal in 4000 Meter Höhe aus einem Flugzeug geschmissen worden und sowas überlebt keiner. Fallschirm hin, Fallschirm her.
Ein paar Monate vor meinem dreißigsten Geburtstag hatte ich bei einem Kaffeetrinken im Familienkreise unter dem Eindruck irgendeiner Fernsehreportage den verhängnisvollen Satz geäußert: »Mensch, Fallschirmspringen, das müßte man auch mal machen!«
Selbstverständlich war das nur dahingesagt. Ich leide an Höhen- und Flugangst. Obwohl ich im 10. Stock aufgewachsen bin, wird mir auf jeder Leiter bange und vor jeder meiner wenigen Flugreisen habe ich gebetet und gehofft, erst auf dem Rückflug abzustürzen, damit ich vorher wenigstens noch den Urlaub genießen kann. Sobald dann der Rückflug anstand, habe ich mich geärgert, nicht schon auf dem Hinflug abgestürzt zu sein, dann hätte ich das alles schon hinter mir gehabt.
Wenn es sein muß, kann ich meine Angst überwinden, aber zum Glück muß es nicht sehr oft sein. Es gibt ja Leute, die sagen, man müsse am laufenden Meter Ängste überwinden und Grenzen überschreiten und immerzu Adrenalin ausschütten. Aber wozu, das sagen sie nicht. Ja gut, um glücklich zu sein, aber warum man glücklich sein soll, das erklärt einem niemand. Ich habe eigentlich immer lieber auf meinem Sofa gesessen und die Wand angeguckt, als Grenzen zu überschreiten. Grenzen überschreiten, glücklich sein, dieser ganze Hedonismus-Krempel, das ist doch 20. Jahrhundert-Quatsch.
Auf dem Sofa spürt man sein Leben viel intensiver. Der Unterschied zwischen Leben und Tod wird in seiner reinsten Form erfahrbar, wenn man sich nicht von Adrenalinen und Endorphinen ablenken läßt, wenn man weitgehend auf äußere Lebenszeichen, etwa Bewegungen, verzichtet und sich ganz auf die innere Welt, wie öde sie auch sein mag, konzentriert. Ist nicht die Koralle viel lebendiger als ein Stein, der den Berg hinunterrollt? Bin ich mit stumpfem Gesichtsausdruck auf meinem Sofa hockend nicht das blühende Leben im Vergleich zu am Boden zerschellenden Extremsportlern?
Zu meinem 30. Geburtstag überreichten mir Mutter und Schwester freudestrahlend einen Gutschein für einen Sprung aus 4000 Meter Höhe.
»Ihr meint also, 30 Jahre sind genug?«, entschlüsselte ich die eigentliche Botschaft hinter ihren Glückwünschen und tat, als freue ich mich über das Geschenk. Wer hat auch schon Verwandte, die so generös die Kosten für einen Erste-Klasse-Selbstmord übernehmen. Ich wollte zwar eigentlich gerade gar nicht sterben, aber Mütter wissen ja oft viel besser, was gut ist für ihre Kinder. Meine Mutter hatte das schon in meiner Kindheit wiederholt behauptet.
»Eine Mutter weiß am besten, was gut ist für ihr Kind«, hatte sie gesagt und dann hatte sie mich zur Schule geschickt oder ins Bett oder zum orthopädischen Turnen, und einmal hat sie meine Hände nachts festgebunden. Nicht am Bettpfosten, sondern an meinem Glied, sie machte sich Sorgen, ich war fast 14 und masturbierte noch immer nicht.
Nun sollte ich also aus einem Flugzeug fallen. Aus einem fliegenden Flugzeug. Vom Boden aus gesehen nur ein winziger Punkt, ein Fliegenschiß am Firmament. 4000 Meter hoch sollte es fliegen, mehr als hundert 10. Stockwerke hoch. Eine gute Stunde Fußmarsch senkrecht nach oben. Da sollte ich rausspringen oder besser: rausgesprungen werden.
Fast drei Monate konnte ich den Tag hinauszögern, dann gab es kein Zurück mehr. Die ganze Familie war mit zum Flugplatz Gransee gekommen, um sich zu verabschieden. Ich und ein paar andere Sprungkandidaten erhielten badekappenförmige Lederhauben, ulkige Schutzbrillen und wurden in eine Art Strampleranzug gesteckt - wind-, wasser- und blutdicht, so daß es bloß um meinen Kopf herum eine Lache geben würde - und mußten uns auf den Boden legen.
»So«, sagte der Obermotz der Fallschirmfirma. »Herzlich willkommen, Ihr werdet heute einen sogenannten Tandemsprung absolvieren. Wer von Euch ist schon mal gesprungen?« Niemand meldete sich.
»Naja, dachte ich mir.« Er kicherte. »Wer ist denn freiwillig hier?« Niemand meldete sich.
»Und wer hat einen Gutschein geschenkt bekommen?«
Alle meldeten sich.
»Na gut. Diesen Tag werdet ihr nie vergessen.«
Während wir im Gras lagen, erklärte er uns, wie wir uns während des Sturzes und insbesondere während des Aufschlagens zu verhalten hätten. Beim Aufprall war Embryonalhaltung vorgeschrieben. Vor den Augen der feixenden Verwandschaft mußten wir uns zusammenrollen. Ob es vor dem Gang zur Guillotine auch Trockenübungen gab?
Dann wurden wir unseren Tandem-Masters vorgestellt, den Menschen, die uns als lebende Schutzschilde vor ihre Bäuche schnallen wollten.

Meiner war Anfang zwanzig, hieß Reiner, trug Rasta-Locken und eine »Kombi« - so nannten die Insider den Strampelanzug -, auf deren Rücken »Air Power Girls« stand.»Die Kombi ist geborgt«, erklärte er. »Der Fallschirm auch. Hab vorhin schon ’n Tandemsprung gemacht und der Typ hat gekotzt. Ziemliche Sauerei. Mußt du auch kotzen? Das wär scheiße, noch ’n Schirm kann ich bestümpt nicht auftreiben.«
Ich sagte, daß ich im Bus oder so nie kotzen müsse, allerdings sei ich noch nie aus einem Flugzeug gefallen und könne für nichts garantieren. Er gab sich damit zufrieden und erst jetzt fiel mir auf, daß ich die Chance für einen ehrenvollen Rückzieher vertan hatte.
Er zurrte irgendwelche Riemen an meiner Kombi fest, es zog an Armen und Beinen und ich stand da wie ein Cowboy vor dem Duell: O-Beine und abstehende, herunterhängende Arme.
»Los schnell, wir müssen versuchen, als erste reinzukommen!« Er rannte los, auf das Flugzeug zu. Ich hinterher, immer noch mit O-Beinen und Gorilla-Armen.
Das Flugzeug sah aus wie selbstgebaut. Als Tür diente eine Art Rollo aus halbdurchsichtigem Plastik am hinteren Ende des Flugzeuges. Mein Master schob es nach oben und stieg ein.
»Komm«, sagte er und watschelte im Entengang durch den niedrigen Innenraum bis vor zur Wand der Pilotenkanzel. Reiner setzte sich mit gespreizten Beinen auf den Boden und hieß mich, in seinem Schritt Platz zu nehmen. Schnell füllte sich das Flugzeug mit zwei Reihen Tandempaaren, zwei Lines, die sich in wenigen Minuten die Schwerkraft genüßlich Menschlein für Menschlein ziehen würde.
»Gut, daß wir die ersten drin waren. Da springen wir als letzte.« Da leben wir etwas länger.
»Da können wir nämlich sehen, wie das Flugzeug abdreht, wenn wir gesprungen sind. Das zieht dann so ne Kurve und fliegt dabei nach unten und überholt uns, weil es schneller sinkt, als wir stürzen! Zeig ich dir dann alles.«
Ich war nicht sicher, ob ich mich darauf würde konzentrieren können. Das Rollo wurde herabgezogen, ein Motor begann zu knattern.
Das Flugzeug rumpelte über den Rasen des Sportflugplatzes und Reiner fummelte an meinem Rücken rum.
»Ich schnalle dich jetzt an«, sagte er. »Erstmal bloß einfach. In 2000 Meter Höhe sichere ich das dann noch zusätzlich. Und bei 3500 Metern setzen wir die Schutzbrillen auf!«
Das Rumpeln hörte auf, das Flugzeug war abgehoben. Durch ein kleines Fenster sah ich Bäume, Felder, Menschen schrumpfen, der kleine winkende Floh dort unten mußte meine Mutter sein. Vielleicht sah ich mich auch selber, wenn ich genau hinguckte, vielleicht lag ich ja mit weitaufgerissenen Augen im Grase, eine Hand aufs Herz gepreßt und war längst an einem Herzinfarkt verstorben und nur meine Seele fuhr jetzt gen Himmel! Dann gab es keinen Grund zur Besorgnis! Doch Seelen fliegen niemals Flugzeug und schlecht wird ihnen auch nicht.
»Alles klar? Wir sind jetzt bei 2000 Metern, ich befestige die Sicherung.«
Wir flogen eine Kurve, das Flugzeug neigte sich bedrohlich auf unsere Seite.
»Ich glaub, mir wird schlecht.«
»Haha, keine Scherze, Brille auf, gleich geht’s los.« Vorne erhob sich ein Mann und stellte sich neben die Schiebetür. Und dann ... und dann auf einmal ... plötzlich ... er ... also, wie soll ich sagen ... es war absurd ... ER MACHTE DIE TÜR AUF! Die Flugzeugtür! Und dann, schwups!, war er auch schon weg! Rausgesprungen, der arme Irre! Nun gab es kein Halten mehr! Auf dem Boden rutschten die beiden Reihen Richtung Tür, immer zu zweit aneinandergefesselt fielen die Leute ins Nichts. Und Reiner und ich rutschten unerbittlich mit. Noch fünf Tandempaare vor uns, noch vier, noch drei, das war doch Wahnsinn, warum machte niemand die Tür zu? Noch zwei, jetzt saß unser Nachbarpärchen in der Tür, über ihre Schultern sah ich Felder, aber sie sahen nicht so aus, wie sich das für Felder gehört, mit Getreidehalmen, Insekten und Klatschmohn, sondern wie in einer Landkarte und dann war plötzlich das Pärchen vor uns verschwunden und ein riesiges Loch gähnte in der Flugzeugwand und Reiner schob mich weiter vor, und MEINE BEINE BAUMELTEN AUS DEM FLUGZEUG und Reiner brüllte mir ins Ohr, ich solle die Beine unter den Flugzeugrumpf pressen und ich preßte meine Beine unter den Fugzeugrumpf, unter den Rumpf eines fliegenden Flugzeuges - es ist mir wichtig, auf diesen Umstand hier noch einmal ganz deutlich hinzuweisen, falls einige Leser das nicht ganz verstanden haben und sich fragen, wieso ich das alles überhaupt erzähle. Ich starrte auf das Nichts und auf den viele Kilometer unter dem Nichts befindlichen Boden und wußte, es gab nicht die geringste Chance zu überleben. Fallschirm hin, Fallschirm her. Und wenn sie unten eine Matratze ausgelegt hätten. Wenn ihr mit mir in der Flugzeugtür gesessen hättet, ihr würdet diese Einschätzung teilen.
»Bist du bereit?«, brüllte Reiner. Ich schüttelte heftig den Kopf, Reiner stieß sich ab und wir fielen ...
Wie gesagt, auf den ersten Blick unterscheidet sich das Leben nach dem Tode nicht sonderlich von dem davor. Ich habe immer noch Höhen- und Flugangst, und ich sitze noch immer gerne auf meinem Sofa und gucke die Wand an, an der neuerdings eine Bescheinigung über meinen erfolgreichen Selbstmord hängt.
Was lernen wir daraus? Der Tod wird allgemein überschätzt und Grenzen - selbst die letzte Grenze - zu überschreiten bringt überhaupt nichts.