Jürgen Witte: Der Sack auf der Bank
Plötzlich war er da. Der Sack, er stand auf der Bank, als hätte ihn jemand dort nur kurz mal abgestellt. Kritisch beäugt von den Vorbeigehenden. Ein Sack. Auf der Bank - ganz allein. Ein herrenloser Sack. So mancher sah sich verstohlen um, einen Herren zum Sack irgendwo in der Nähe, vielleicht mit seinem Hund auf der Wiese spielend, zu erspähen, aber da war keiner weit und breit, der als zum Sack zugehörig identifiziert hätte werden können. Kopfschütteln. Weitergehen. Ein Sack.
Die Bank, sonst oft als Rastplatz genutzt, war nun rechtsseitig vom Sack belegt. Kaum einer, der sich jetzt noch trauen würde, sich daneben zu setzen. Angst, andere Passanten könnten dann ihn als zu diesem Sack zugehörig betrachten. Und wer halst sich schon so mir nichts, dir nichts einen herrenlosen Sack auf. Einen recht großen Sack, einen Kunststoffsack. Mit Zeug drin.
Müll. Wir vermuten mal, daß da Müll drin ist. Wer sollte sonst sich eines recht großen Sacks einfach so entledigen, wenn da kein Müll drin wäre. Noch ist der Sack zu, ordentlich. Noch kann er an sich halten. Aber man kennt das ja, man weiß, wie das ist mit Müll, der irgendwo einfach so rumliegt.
Als ich ein paar Stunden später wieder zum Fenster raussehe, ist der Sack leicht geöffnet. Er steht noch auf der Bank, aber er ist leicht geneigt und oben schon offen. Da hat jetzt einer nachgeguckt, heimlich, als grade niemand in der Nähe war, der ihm dabei hätte zusehen können. Er hat die Vermutung, daß da Müll drin sein muß, einfach mal keck verifiziert.
Gut daß ihn niemand dabei gesehen hat. Derjenige hätte womöglich gedacht, daß das sein Sack sein muß. Wenn er da schon so keck reinguckt. Das liegt doch nahe, daß man annimmt, daß der, der in einen Sack reinguckt, daß der auch der Besitzer des Sacks sein müßte.
Na, das ist ja grade nochmal gut gegangen. Wenn ich ihn dabei erwischt hätte, ich hätte mein Fenster geöffnet, und hätte ihm nachgeschrien: »Hallo, Sie haben da was liegenlassen. Auf der Bank, Ihren Sack«, hätte ich gerufen. Das wäre lustig gewesen. Zack, zack, kann man so zum Sackbesitzer werden. Er hätte den Sack vielleicht sogar mitgenommen, oder er hätte versucht, diesen Sack in den nahen Abfallkorb reinzuquetschen.
Habe ich überhaupt schon erwähnt, daß nahebei, am anderen Ende der Bank, ein Abfallbehälter zur Entsorgung des Sacks durchaus zur Verfügung stünde. Also, wenn sich hier mal jemand ein Herz nimmt. Aber da kannste lange drauf warten in Steglitz. Uralte Herzen für Kinder haben sie hier auf ihren Autos kleben, aber kein Herz für Müll, diese Menschen.
Jetzt steht da ein halbgeöffneter Sack auf der Bank. Halbgeöffnet, muß man sich mal vorstellen! Ist ja wohl allen klar, daß da nur Müll drin sein kann, in dem, ich sag mal, mittelgroßen Sack. Weil, der Sack ist halb offen. Jetzt könnte jeder, wenn er wollte, einfach so reingukken. Im Vorbeigehen, ein kurzer Blick, Hoppla!, als wenn man stolpert, den Rumpf beugend, Gleichgewichtsuche vortäuschend, wie zufällig dem offenen Sack zugeneigt, und er könnte dann erhaschen, was da so drin ist. Muß er aber gar nicht. Ist ja doch nur Müll. Wo der Sack doch schon halb offen steht. Da hat doch längst einer reingeguckt. Und der Sack ist noch immer da. Kann also nur Müll sein. Aber auf der Bank, der Sack, immerhin. Ordentlich hingestellt, nicht weggeworfen.
Keiner guckt hin. Alle gehen achtlos vorbei. Nur die Kinder, die gucken manchmal. Werden aber gleich energisch von ihren Müttern weitergezerrt. Die Müllverachtung ist allgemeines Erziehungsziel. Zu seinen Hunden sagt man Pfui, zu den Kindern sagt man: »Komm weiter, Tobias, nicht anfassen. Das ist doch eh nur Müll.«
Dann setzt sich doch einer hin, ein älterer Herr. Ganz am anderen Ende von der Bank. Ohne den neben ihm die Bank benutzenden Sack auch nur eines Blickes zu würdigen. Tut einfach so, als wenn der Sack da gar nicht wäre. Aber der Sack ist da, der Sack ist voll Müll, und der Mann fühlt sich nicht wohl. So weggucken von dem Sack, wie er gerne von dem blöden Sack weggucken würde, so weggucken, das kann er gar nicht. Vielleicht stinkt der Sack ja auch. Vielleicht stinkt er auch noch nicht. Vielleicht stinkt der Sack erst morgen so richtig. Der Mann zündet sich trotzdem eine Zigarette an und starrt dann zwischen seinen beiden Beinen auf den Boden. Da liegt auch Müll. Ein bißchen Müll, eine zerquetschte Dose. Also nicht so viel, wie davon in dem beträchtlich gefüllten Sack zu vermuten ist, sicherlich, aber eben auch Müll.

Blöd das. Wo man hinguckt, wird man an Müll erinnert. Der Mann schüttelt den Kopf, steht wieder auf und geht. Nicht mal seine Zigarette hat er ausgeraucht.
Morgen wird der Sack aufgeplatzt sein. Der Müll herausgequollen und ringsum verstreut. Sowas passiert immer nachts. Nachts, wenn die dünne Haut der Zivilisation von den Menschen abfällt, weil sie sich unbeobachtet fühlen, weil sie betrunken sind oder weil sie einfach so ihre Wut an etwas auslassen wollen. Die Nacht ist gefährlich für Säcke mit Müll, die unbeobachtet auf Bänken stehen.
Vielleicht sollte ja ich? Schuhe anziehen, rausgehen, über die Straße rüber, die Wiese durchmessen und einfach hin zur Bank, zum Sack, bevor es Nacht wird. Schlimmeres verhüten?