Bov Bjerg: Recherche
Fulda und Wurst
An der A7 liegt Fulda. Am Dom, Barock, kann man parken. Versuche, mich an einen Witz zu erinnern, in dem der Erzbischof Dyba (auch schon tot) mitspielt.
Junge Frau fährt ins Krankenhaus von Fulda - total schlimme Bauchschmerzen. Stellt sich raus: hochschwanger. Kind kommt noch am gleichen Tag zur Welt. Die Frau hat Angst vor der Schande. Will das Kind auf keinen Fall behalten. Arzt sagt: er kümmert sich drum.
Kurz darauf wird dem Bischof Dyba der Blinddarm rausgenommen. Er wacht aus der Narkose auf, der Arzt steht neben ihm und sagt: »Hochwürden müssen jetzt sehr fest sein im Glauben. Hochwürden sind soeben von einem prächtigen Jungen entbunden worden.« Dyba glaubt dem Arzt kein Wort, aber der sagt, daß das eben ein Wunder ist, wahrscheinlich. Und daß der Dyba ja wohl nicht an einem Wunder zweifeln will. Dyba sagt: okay, kann man wohl nix machen, und nimmt das Kind mit nach Hause.
Wie der Witz weitergeht, hab ich vergessen. Auf der andern Seite des Doms steht die Michaelskirche, ein Juwel karolingischer Baukunst. Von den Besuchern darf jener Takt erwartet werden, der sich in einer Kirche geziemt. (Die Broschüre kostet zwei Euro.)
Im Querschiff, gleich bei der Treppe zur Krypta, hängt ein Relief aus Holz an der Wand. Kann es nur schlecht erkennen, weil vor meinen Augen lauter dunkle Punkte hüpfen. Gerade habe ich eine Glühbirne gesehen, eine leuchtende blanke Glühbirne. Ich habe wissen wollen, wie stark sie ist, und weil ich zu dicht rangegangen bin, hat sie mich geblendet. Habe keine Wattzahl gefunden. Habe nicht einmal einen Firmennamen gefunden. Das hätte mich nämlich auch noch interessiert, woher die katholische Kirche eigentlich ihre Glühbirnen hat, von Osram oder sonstwoher. Keine Chance. Keine Wattzahl, keine Firma. Und jetzt hüpfen dunkle Punkte rund ums Relief herum. Das Relief: ein Mann, vor dem ein Schweinchen auf den Hinterbeinen steht. Der Heilige Antonius der Einsiedler mit Antoniusstab, Glöckchen, Buch und Schwein; künstlerisch wertvolle Karten und Dias am Ausgang erhältlich. Das Schweinchen rüsselt dem Antonius am Gewand herum. Es ist rosarot bemalt und sieht aus wie ein hochkant hingestelltes Stullenbrettchen. Muß unwillkürlich daran denken, wie meine Geschwister einmal am Freitag Wurst gegessen haben. Klarer Fall von Epiphanie. Kirche, Schweinchen, Stullenbrettchen, daraus folgt: Erinnerung und Wurst bricht über einen rein. Man kann sich gar nicht dagegen wehren. Am Karfreitag war es.
Freitags aß man ja kein Fleisch, das war klar, höchstens Fisch. Oder Maultaschen. Eine Erfindung, die es ermöglichte, wenigstens Hackfleisch zu essen, ohne daß der liebe Gott es sehen konnte. (Exkurs: In manchen US-Bundesstaaten ist es verboten, Bier- und Schnapsflaschen offen herumzutragen. Dort saugt jeder Penner an einer braunen Packpapiertüte. Das sieht eigenartig vornehm aus. Ende des Exkurses.)
Ein windiger, verregneter Karfreitag, und Mutter war zur Kirche gegangen. Ich hatte Fieber und durfte nicht mit. Bruder und Schwester mußten nicht mehr mit, seit sie die Firmung hinter sich hatten und im Handelsverkehr mit dem Teufel als voll geschäftsfähig galten. Wir sahen fern, ich saß auf dem Boden vor der Couch und mein Bruder trommelte mit den Fäusten auf meinem Kopf, wie er es immer machte. Im Fernsehn kicherte ein Mann in seinen Fusselbart, er zupfte an irgendwelchen Saiten und sang, wie schön das brennende Rom sei. Mein Bruder sagte: »Was gibt’s denn heut zum Abendbrot.«
Die Schwester und er sahen sich an. Ein kurzes Zucken mit den Lidern, beide sprangen auf. Sie rannte zum Kühlschrank, er stolperte zum Fenster, die Rolläden knallten nach unten. Er steckte den Schlüssel ins Haustürschloß, drehte ihn zweimal herum und ließ ihn von innen stecken. Wir waren im Innern der Maultasche.
Dunkel. Die Schwester knipste das Licht an (60 Watt). Mitten auf dem Eßtisch stand milchig weißes Tupperware, die Wurstschachtel. Der Bruder trat langsam, breitbeinig an den Tisch. Bog den Wurstschachteldeckel an der Ecke hoch. Langte mit bloßen Fingern hinein. Zog eine Scheibe Lyoner heraus, legte den Kopf in den Nacken und ließ die Wurst in den Mund gleiten. Kaute. Schmatzte. Schluckte. Sagte: »Aaaah.« Die Schwester griff nach einer Scheibe Salami, schob sie in den Mund, noch eine Scheibe, noch eine, noch noch noch eine, stopfte, stopfte, würgte runter. Draußen rüttelte der Aprilsturm an den Rolläden.

Der Bruder griff mit beiden Händen in die Wurstdose, zerrte wahllos den Aufschnitt heraus, legte sich bunt schimmernde Scheiben aufs Gesicht, dann spielte er mit den Handkanten Planierraupe, schob die Scheiben zusammen und versenkte sie in der Gesichtsgrube. Die Schwester preßte eine Mettwurst aus, eine lange Linie aus rosa Wurstpüree, und wischte sie mit der Zunge von der Tischplatte. Sie holten zwei Schnitzel aus dem Kühlschrank und brieten sie an. Kurzes Zögern, bevor sie die Schnitzel mit Bierschinken belegten. Schnelle Bissen.
Die Wurstschachtel war leer. Im ganzen Haus roch es nach gebratenem Fleisch. Die Ekstase der Geschwister ließ nach. Sie atmeten flach und schnell. Der Regen wurde stärker, der Wind ließ die Dachziegel klappern. Rund ums Haus schepperten die Rolläden. Da klingelte es an der Haustür. Noch einmal. Der Bruder saß da, pappsatt, erschöpft, Fettschlieren im Gesicht, weit aufgerissene Augen - riesige Pupillen in verschmierten Brillengläsern. Die Schwester lief nach dem Parfüm und nebelte die Küche damit ein, der Bruder drückte Wurstpellen in Einwickelpapier, schubste die leere Wurstschachtel in den Kühlschrank, ein paar Joghurtbecher davor. Es klingelte Sturm. Klopfte. Rüttelte an der Tür. Der liebe Gott wollte sehen, was in dieser Maultasche vor sich ging.
Die Mutter kam in die Küche und sagte nichts. Es stank nach Bratenfett und Patschouli.
Und plötzlich fällt mir hier, in der Michaelskirche zu Fulda, auf dem Treppenabsatz zur altehrwürdigen Krypta aus dem Jahr 820, die zu den ältesten erhaltenen sakralen Räumen Deutschlands zählt, wieder ein, wie der Dyba-Witz weiter geht.
Die Kirche hält das Wunder, daß der Bischof einen Sohn geboren hat, geheim. Der Junge wächst im Hause Dyba wohlbehütet auf. An seinem achtzehnten Geburtstag ruft ihn der Bischof zu sich. »Junge«, sagt er, »du bist nun alt genug, die Wahrheit zu erfahren. Du denkst, ich sei dein Vater. Junge, ich muß dir leider sagen: Das stimmt nicht. Ich bin deine Mutter. Dein Vater ist der Kardinal Ratzinger.«
Ein Scheißwitz. Ratzinger fickt Dyba in den Arsch. Mein Gott, was für ein Scheißwitz.
Diese Geschichte ist dem Erzengel Michael gewidmet, dem Geleiter der Seelen vor Gottes Gericht.