Andreas Kampa: England - Schweden
Die Fußball-WM 2002 fand beim Essen statt, entweder zur Frühstückszeit oder während des Mittagessens. Am Tag, als England gegen Schweden spielte, hatte Mutter mich beauftragt, bei Oma nach dem Rechten zu sehen. Kein Problem. Es mußte nur gut getimed werden. Um 11 Uhr 30 ging das Spiel England - Schweden los. Also mußte ich in der Halbzeitpause um 12 Uhr 15 losgehen, um 12 Uhr 30 Oma erschrecken, Fernseher anmachen, nebenbei Rommé spielen, anschließend die Suppe warm machen, die Mutter schon vorbereitet hatte, essen und nochmal Rommé spielen, bis Oma mal gewinnt. Soweit der Plan.
Das klappte auch ganz gut, mit der Ausnahme, daß sich Oma schon um 12 Uhr 25 Uhr erschrak, als ich plötzlich in ihrer Küche stand. Da mußte ich eben improvisieren. Gegen halb eins begann die zweite Halbzeit, England führte 1:0 und ich teilte die Rommékarten aus.
»Welche sind denn unsere?«, fragte Oma.
»England.«
Ich spürte, wie Oma eine Frage auf den Lippen lag, aber ihr fiel wohl wieder ein, daß schon seit einigen Jahren die Logik aus ihrem Leben verschwunden war. An deren Stelle ist die Verwunderung getreten, manchmal auch der Schrecken. So, zum Beispiel, als vor einigen Wochen auf dem Bildschirm plötzlich Adolf Hitler zu sehen war.
»Hat der auch wieder was zu sagen?«, rief sie entsetzt.
Ich nahm ihre Reaktion erleichtert als Zeichen dafür, daß sie früher kein Nazi war, und ließ sie in dem Glauben, der Führer starte ein Comeback.
Mittlerweile hatte ich die erste Partie Rommé gewonnen und Schweden das 1:1 geschossen.
»Welche sind denn unsere?« frage Oma.
»Schweden.«
Welche unsere sind, war für meine Oma noch nie eine einfache Frage gewesen. Genau wie ich wurde sie in einem Land geboren, das heute nicht mehr existiert. Es hatte wie ein Fußballspiel geklungen: Österreich-Ungarn. Nach dem ersten Weltkrieg gehörte das Sudetenland zur Tschechoslowakei. Dann heiratete Oma nach Schlesien. Als Schlesien polnisch wurde, floh die Familie nach Westen, irrte zwischen Erfurt und Leipzig hin und her, bevor sie, Gott sei Dank, nach Berlin zog, was mich davor bewahrte, heute einen lächerlichen Dialekt zu sprechen.
Die Schweden spielten immer besser und waren inzwischen dem zweiten Tor näher als die Engländer. Ich hatte aus Versehen auch die zweite Partie Rommé gewonnen und nahm mir vor, mich stärker auf’s Verlieren zu konzentrieren. Genau wie die Engländer. Nach dem Schlußpfiff stand es 1:1 für Schweden und 3:0 für mich. Ich ging in die Küche, machte die Suppe warm und erschreckte Oma bei meiner Rückkehr mit zwei Suppentellern in den Händen. Sie unterzog mich sofort einem Verhör betreffs der Herkunft der Suppe. In Omas Welt konnten Männer nicht kochen, was in meinem Fall auch stimmte. Ich stotterte und lamentierte. Oma wurde böse, ließ mich sprachlos mit meiner Suppe allein und machte sich auf die Suche nach dem mysteriösen Suppenkoch mit Brüsten und Kittelschürze. Daß sie niemanden fand, ließ nur einen Schluß zu: Ich hatte die Köchin, also meine Mutter, ermordet und beseitigt. Und wer wußte schon, was jetzt in dieser Suppe war? Ich wich ihren Blicken aus und löffelte verlegen die Suppe, die sie nicht einmal probieren wollte. Es herrschte eisiges Schweigen, doch die Zeit spielte für mich. Nach meiner Berechnung würde sie in zehn Minuten alles wieder vergessen haben. Sie würde sich wundern, warum ich plötzlich an ihrem Tisch sitze, wieso die Suppe kalt ist und sie würde mich nötigen, eine Partie Rommé zu spielen.
Zur Ablenkung ließ ich den Fernseher laufen. Ich zappte durch die Kanäle und hoffte darauf, daß irgendwo Adolf Hitler erscheint. Ein gemeiner Plan, der leider nicht aufging. Wo war der Führer, wenn man ihn brauchte? Auf ntv gab es immerhin Möllemann zu sehen. Pünktlich nach zehn Minuten wunderte sich Oma. Sie wunderte sich darüber, daß ich da war. Sie mäkelte an der kalten Suppe herum und sie zwang mich zu einer Partie Rommé. Eine Stunde später gewann sie schließlich ihr erstes Spiel. Ich nutzte ihren Freudentanz zur Flucht.