Tube: Das verflixte Hexenspiel
(Wie ich mal ein Problem, mit dem ich ein Problem hatte, gelöst habe)
Hier! Das habe ich von meiner Schwester. Ich glaube, das könnte dich interessieren«, sagte eine Freundin, als sie mich besuchte, und warf neun quadratische Pappkarten auf den Tisch, jede so groß wie ein Busfahrschein und mit vier bunten, auf Besen reitenden Hexen bedruckt. Allerdings sah ich nirgends eine vollständige Hexe. Entweder flüchteten sie am Rand aus dem Bild, sodaß nur ihr Hinterteil erkennbar war, oder sie betraten die Szene und der Kopf mit Oberkörper war abgebildet.
»Und? Warum soll mich das interessieren?«
»Das ist ein Spiel. Guck! Du mußt die Karten in einem Dreimaldrei-Rechteck so anordnen, daß die Hinterteile farblich zu den Vorderteilen passen. Und wenn du alles richtig machst, fliegen die Hexen von links nach rechts und von oben nach unten in einer Reihe durchs Bild.«
Sie begann, die Karten zu drehen und zu schieben, bis fast alle wie beschrieben angeordnet waren. Nur die letzte wollte nicht passen. Egal, wie sie sie drehte, entweder kam ein gelbes Hinterteil mit einem roten Vorderteil zusammen, oder zwei gelbe Hinterteile verbanden sich zu einem Körper, was ziemlich beknackt aussah.
»Und? Warum soll mich das interessieren?«, fragte ich wieder.
»Na, ich dachte, so eine Knobelei macht dir Spaß. In der Anleitung steht, daß es nur zwei Möglichkeiten gibt, die Karten richtig anzuordnen.« Sie holte einen Zettel hervor, auf dem stand, dies sei die Anleitung zum »Verflixten Hexenspiel«, zu dem es nur zwei Lösungen gebe.
»Aha. Ein blödes Puzzlespiel. Kinderkram. Nichts weiter.«
Ich erinnere mich noch daran, als ich 12 war: Schloß Sanssouci, 500 Teile, angeblich gab es nur eine einzige Möglichkeit, sie anzuordnen, damit das vollständige Bild entstand. Am einfachsten waren die Ecken, dann der Rand, der ging auch noch ganz leicht, und die Treppenstufen und das Bauwerk hatte ich auch irgendwann hingekriegt. Aber zum Schluß, der Himmel, die reinste Katastrophe! Ich mußte jedes Puzzleteil mit der Schere nachbearbeiten, damit am Ende alles halbwegs zusammenpaßte.
»Und warum soll mich das Hexenpuzzlespiel interessieren?«, fragte ich.
»Na ja. Es ist nicht leicht, es zu lösen.«
»Und was hast du davon, wenn es gelöst ist?«
»Na, dann sieht man das vollständige Bild, und alles paßt schön zusammen.«
»Toll! Wenn du’s gelöst hast, siehst du die Hexen mit dem richtigen Arsch am richtigen Kopf durchs Bild fliegen. Überlege dir mal bitte, wie absurd das ist: Du gehst in einen Laden und bezahlst Geld für ein Bild, das zuvor jemand zerschnitten hat. Und dann fummelst du Tage, Wochen oder Monate mit den Schnipseln rum, nur um dieses Bild zu sehen? Wäre es da nicht viel einfacher, gleich das fertige Bild zu kaufen? Gibt es nicht genug andere Probleme, mit denen man sich beschäftigen sollte? Ich denke da an den Weltfrieden, die Klimakatastrophe, die überhöhten Bierpreise und natürlich die längst fällige Revolution. Damit sollten wir anfangen! Und nach der Revolution können wir Bilder zerschneiden! Die Bilder mit den unsympathischen Köpfen drauf.«
»Ich glaube, du spinnst«, sagte die Freundin. »Du mußt dich ja nicht mit dem Hexenspiel beschäftigen.«
»Ach Quatsch. Gib mal her. Ich mach das schnell. Kinderkram.«
Drei Tage später:
Die Jalousien sind heruntergelassen. Habe seit drei Tagen keinen Kontakt mehr zur Außenwelt. Vor mir liegen neun bunt bedruckte Pappkarten - jede so groß wie ein Busfahrschein. Daneben ein paar Zettel, vornehmlich mit Notizen folgender Art: Rotarsch, Rotkopf, Gelbarsch, Gelbkopf. Dazu einige Pfeile, die Rotationen andeuten und Skizzen und Zahlen. Das Telefon klingelt. Die Freundin, die mir die Karten gebracht hat, ist dran.
»Hallo Tube. Na? Hast du’s schon gelöst?«
»Ähm, was? Was soll ich schon gelöst haben?«
»Na, das Hexenpuzzle.«
»Oh, das Hexenpuzzle. Ähm, öh, ach ja, nee, also, nee weißt du, ich hatte noch keine Gelegenheit, mich damit zu beschäftigen. Das Zeug liegt hier noch rum, genauso wie neulich, nachdem du gegangen bist. Ich werd’s mal lösen, wenn ich zehn Minuten Zeit finde.«
»Na, ich bin gespannt, wie du das machst. Bis jetzt hat es nur einmal meine Schwester gelöst. Aber die weiß nicht mehr, wie sie das hingekriegt hat. Das war wohl Zufall bei ihr. Sie hat die Karten wahllos hingelegt, und alle Hexen haben zusammengepaßt.«
»Wie bitte, was? Das ist absolut unwahrscheinlich. Das sind 9 Fakultät mal 4 hoch 8 Möglichkeiten. Bei zwei denkbaren Lösungen ergibt das eine Chance von 2 zu 23 Milliarden! Das zufällig auf den Tisch zu packen, ist wesentlich unwahrscheinlicher als ein Sechser im Lotto. Damit dürfte deine Schwester ihr gesamtes Glück im Leben verballert haben, und das mit neun albernen Pappkarten, die mit Hexen bedruckt sind.«
»Woher weißt du das mit den 23 Milliarden so genau?«
»Ähm, öh, ach. Nur so. Ich hab jetzt keine Zeit. Ich ruf später noch mal an.«
Ich werfe den Hörer aufs Telefon und beuge mich wieder über den Tisch. Diese Hexe, denke ich, bringt mir das Hexenspiel, das es nicht im geringsten wert ist, gelöst zu werden, und dennoch sage ich mir: »Jetzt mußt du es doch endlich mal lösen.« Warum?
»Tube! Leg das Zeug einfach weg. Verbessere lieber die Welt!«, höre ich ein Englein sprechen.
»Nein Tube! Du darfst dich nicht geschlagen geben«, höre ich das Böse in meinem Innern.
»Blödsinn«, sagt das Engelein, »2 zu 23 Milliarden. Du hast es ausgerechnet. So viel Glück kriegst du nie. Außerdem: Pech im Spiel, Glück in der Liebe.«
»Du hast dich drei Tage nirgends mehr blicken lassen, dich liebt eh keiner mehr.«
»Denk an die vielen anderen Probleme!«, fleht das Englein.
»Schnauze!«, rufe ich und springe auf.
Wie lange benötigt mein 700-MHz-Pentium, um die 23 Milliarden Varianten durchzurechnen? Lange? Vielleicht sehr, sehr lange? Egal! Selbst, wenn es sehr, sehr, sehr lange dauert, will ich es versuchen. Ich setze mich an die Tastatur und beginne, ein Programm zu schreiben. Dabei fällt mir auf, daß es einen Suchbaum über die 23 Milliarden Varianten gibt, den ich mit einer rekursiven Funktion stark beschnitten abwandern kann, habe ein paar Stunden später das Programm geschrieben, starte es und sehe zwei Sekunden darauf die beiden Lösungen auf dem Monitor.
Na bitte! Wieder eines der unsinnigsten Probleme gelöst und die innere Ruhe wiedergefunden. Dazu eine Frau als Hexe enttarnt. Schließlich wollte sie, indem sie mir die Karten gab, doch nur erreichen, daß ich wahnsinnig werde und keine Zeit mehr finde, die Welt zu verbessern. Doch ich weiß mich zu wehren.