Bettina Andrae: Lenchen
Kaum daß Pawlotzki aus den Flitterwochen zurück war, starb ihm sein Lenchen unter der Hand weg. Er hatte sie nur ein wenig an der Wange tätscheln und ihr von der schönen Reise berichten wollen, da tat sie ein Auge zu, behielt das andere offen und unterließ jegliches Atemgeräusch.
Pawlotzki klopfte ihr sicherheitshalber noch einmal kräftig mit der Rohrzange gegen die Schulter. Keine Reaktion. Mausetot, die Dame. »Ein verdammter Hundedreck ist mir das!«, fluchte Pawlotzki und hatte eine rechte Wut dabei im Bauch. Warum mußte das immer ihm passieren?
Lenchen war nun schon seine zwölfte Gattin, die es vor ihm dahingerafft hatte. Zwei Dinge stießen ihm besonders sauer auf. Erstens, daß er seiner Frau Lene nun nicht einmal mehr von seinem Zirkusbesuch in Weuterdingen berichten konnte - der wäre wirklich eine Erwähnung wert gewesen - und zweitens, daß die Bestattungskosten für gewöhnlich ein Vielfaches der Hochzeitsaufwendungen bedeuteten. Mißmutig stand er neben dem Stuhl, auf dem seine angetraute Leiche saß und überlegte, warum sie eigentlich nicht mit in die Flitterwochen gekommen war. Vielleicht hätte er sie fragen sollen. Aber die besten Ideen kamen einem bekanntlich immer erst im Nachhinein. »Lenchen, Lenchen, was machen wir denn jetzt mit dir?«

Aber warum sollte Pawlotzki eigentlich immer alles hinnehmen, was ihm das Schicksal als Wahrheit vorgaukelte? Hatte er denn Geld wie Heu, das er den Herren Bestattern in einem fort in den Rachen schmeißen konnte? Nein. Und hatte er denn kein Fünkchen Phantasie im Leib? Du liebes bißchen, und ob er das hatte!
Pawlotzki setzte Lenchen aufrecht auf den Stuhl, steckte ihr eine Zigarette zwischen die Zähne, damit sie einen lebendigen Eindruck machte und gab ihr einen Schokoladenriegel in die Hand. »Na wer sagt’s denn!«, freute sich Pawlotzki, ging ein Stück nach hinten, betrachtete sein Werk und schlug die Hände begeistert vor der Brust zusammen. Und der schelmische Gesichtsausdruck, der wegen der ulkigen Augenstellung auf Lenes Antlitz entstand, machte sie ihm auf eine Weise sympathisch, die er noch vor kurzem gar nicht bemerkt hatte.
Manche Dinge brauchen eben ihre Zeit.