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Daniela Böhle: Onkel Peter

Mein Onkel Peter sagt, er spricht sechs Sprachen: Englisch und Deutsch, außerdem Dänisch, Norwegisch, Schwedisch und Isländisch. Meine Mutter sagt, er spricht noch nicht einmal eine. Ich nehme an, die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.

Früher war mein Onkel Erfinder. Als Kind habe ich ihn für eine Art Daniel Düsentrieb gehalten und dachte, er erfindet Zeitmaschinen und Roboter, Tarnkappen und Fluggeräte, die man sich auf den Rücken schnallen kann. In Wirklichkeit erfand er einen Tennisschläger, mit dem man mit sich selbst Tennis spielen konnte, und eine spezielle Wäscheklammer. Meine Mutter wunderte sich nicht, daß die Firma meines Onkels ihn irgendwann entließ. Mein Onkel Peter sagte, er sei in den Vorruhestand versetzt worden, meine Mutter sagte, sie haben die Pfeife gefeuert, es wundert mich, daß sie das nicht schon viel früher getan haben. Vermutlich war sie nicht die einzige, die sich darüber wunderte, doch sie war die einzige, die es laut aussprach.

Mein Onkel Peter langweilte sich entsetzlich. Er brauchte dringend eine neue Beschäftigung.

Eines Tages bekamen wir eine Karte aus Dänemark. Darauf stand: »Hallo liebe Böhles. Ich bin hier in Dänemark auf der Suche nach unseren Wurzeln. Wünscht mir Glück! Peter.« Onkel Peter hatte die Ahnenforschung entdeckt.

»Hallo liebe Böhles«, stand auf der Karte, die uns einige Monate später aus Norwegen erreichte, »ich bin überzeugt davon, daß unsere Vorfahren Wikinger waren. Ich melde mich, wenn ich den Beweis habe! Peter.«

Niemand in unserer Familie war begeistert, von einer Horde marodierender Riesen abzustammen, die Calva aus den Schädeln ihrer Feinde trinken und Wildschwein à la creme essen. Da aber auch niemand das Gegenteil beweisen konnte, mußten wir unseren ahnenamoklaufenden Onkel Peter weiter durch Nordeuropa reisen und halbseidene Beweise zurück bringen lassen.

Mein Onkel war damals nur noch zu Stippvisiten bei seiner Familie und ich wurde zur Lieblingsnichte meines Onkels, eigentlich sogar zu seiner Lieblingsverwandten: Ich war die einzige, die seinen seltenen Besuchen und seinen Forschungsergebnissen entgegen fieberte. Der Rest der Familie war dankbar, daß ich meinen Onkel bei Familienfeiern neutralisierte. Onkel Peter hatte ein paarmal dem gesamten Auditorium so lange Stammbäume vorgeführt, bis ihm mein Vater Prügel angedroht hatte, falls er noch einen einzigen Vorfahr unter Angabe der Quelle nennen würde.

Danach wurde mein Onkel Peter nur noch bei Familienfeiern zugelassen, bei denen ich auch anwesend war. Mich wiederum bewahrte mein Onkel Peter vor meinen idiotischen Cousinen und Cousins, einem Rudel arroganter Holzköpfe, die vermutlich tatsächlich von Wikingern abstammen. Ich behielt mir offen, ein sogenannter Fehltritt meiner Mutter zu sein, was meine Mutter trotz herzzerreißender Bitten meinerseits immer bestritt.

Mein Onkel Peter hatte herausgefunden, daß das nordländische Wort für Dorf oder kleine Siedlung, »Bohli«, so ähnlich klang wie unser Familienname, eine Tatsache, die seine Forschungen nicht eben erleichterte. Nun reiste mein Onkel Peter von Bohli zu Bohli und klopfte an Haustüren, um nach Familiennamen zu fragen. Und er brachte immer und immer mehr nachgewiesene Verwandtschaftsbeziehungen von seinen Reisen mit.

Ich fragte mich, ob sich der Ruf meines fanatischen Onkels nicht längst über ganz Nordland von Dänemark bis Island verbreitet hatte und die Dorfbewohner vor seiner Ankunft alle neue Namensschilder an ihre Türen nagelten, auf denen Böhle stand, und abends bei Met und Selbstgebranntem weitverzweigte Stammbäume kritzelten, auf denen sie danach herumtrampelten, damit sie älter aussahen.

Ich sah meinen Onkel Peter mit glänzenden Augen durch Bohlis stapfen, in denen sich sämtliche Familien Böhle nannten. Ich sah ihn unseren vermeintlichen Verwandten weinend in die Arme fallen und suchte heimlich die alten Stammbäume, die sie ihm geschenkt hatten, nach Schuhspuren ab.

Die Wikingerthese hatte mein Onkel damals längst verworfen, was mir recht war. Massenhaft unwichtige Bohlibewohner waren unsere Vorfahren, meinetwegen. Nach und nach vernetzte er unsere Familie mit halb Dänemark, Schweden und Norwegen und bereitete sich auf eine große Reise nach Island vor.

Diesmal blieb er länger fort als bei all seinen früheren Reisen. Ich war die einzige, die hin und wieder ein Lebenszeichen von ihm bekam. Es sah nicht gut aus. »Liebe Daniela«, schrieb er, »ich habe schlimme Nachrichten. Ich berichte dir persönlich davon, dein Onkel Peter.« Eine solche Karte erreichte mich mit nur geringfügig verändertem Wortlaut viermal. Es war, als hätten die Neuigkeiten meinen Onkel in eine Zeitschleife geschickt, aus der er nun in regelmäßigen Anständen Lebenszeichen sandte.

Als er zurück kam, sah er sehr alt aus. »Ich habe mich geirrt«, sagte er, und dann starrte er fast eine halbe Stunde neben meinem Kopf ein Loch in die Wand und reagierte auf nichts. Mir wäre es lieber gewesen, er hätte geweint, dann hätte ich ihn trösten können.

»Wir stammen aus Mecklenburg, einfach nur aus Mecklenburg«, sagte er schließlich, »der Norden war eine falsche Fährte.«

Seitdem geht mein Onkel Peter nicht mehr zu Familienfeiern, und aus Solidarität tue ich das auch nicht mehr.

Copyright: Daniela Böhle

zuletzt verändert: 12.06.2006 00:06
erstellt von jero

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